Das wusste Vallier und trachtete danach, mit Fingerspitzengefühl und aller gebotenen Rücksichtsnahme anfallende Streitereien und Missverständnisse zu entspannen. Manchmal aber half alles nichts: er musste versuchen, durch eine Anweisung eines Problems Herr zu werden. Dabei war es schon vorgekommen, dass er wider seiner eigenen Überzeugung und Einschätzung eine Einzelperson vor den Kopf stoßen musste, dadurch aber die kollektive Ruhe wieder herstellen konnte.
So zum Beispiel wollte vor ein paar Monaten eine Bratschistin zum wiederholten Male mitten in der Spielzeit Urlaub haben. In einem solchen Fall übernahmen für gewöhnlich die Kollegen und Kolleginnen innerhalb der Gruppe die Dienste des abwesenden Musikers im Rotationsprinzip, was für den Einzelnen allerdings ein gewisses Maß an Mehrarbeit bedeutete. Wenn dies aber oft vorkam und die Angabe des Grundes, weshalb der Urlaub vonnöten sei nicht von allen nachvollzogen werden konnte, wurde es schwierig. Wenn darüber hinaus die betreffende Person auch sonst im Alltag nicht gerade ein kollegiales Verhalten zeigte, kochte die Musikerseele hoch und es bildete sich Opposition, in diesem konkreten Fall gegen die Musikerin.
Diesmal gab die rumänische Bratschistin die Hochzeit ihres Bruders als Grund für ihr Urlaubsgesuch an. Sie argumentierte, sie hätte ihren Bruder vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen und wolle deshalb unbedingt an diesem Ereignis teilnehmen. Außerdem wäre ihre Mutter sterbenskrank und man wisse nicht, wie lange sie noch zu leben habe. Vallier wäre bereit gewesen, ihr auch diesen Urlaub zu gewähren, aber die Kollegin war innerhalb ihrer Gruppe unbeliebt. Außerdem glaubte man ihr die Begründung von der sterbenden Mutter nicht, denn genau dieses Argument hatte sie vor etwa drei Monaten schon einmal ins Felde geführt. Damals hatte sie ihren Urlaub telefonisch aus ihrer rumänischen Heimat von sich aus verlängert und war einfach nicht zum abgesprochenen Datum zurück gekehrt, was zu einem Eintrag in ihrer Personalakte geführt hatte. Jetzt hatten die Kollegen und Kolleginnen keine Lust mehr, ihre Dienste zu übernehmen.
Valliers Anweisung lautete ganz klar, dass zu jeder Vorstellung jede Gruppe in der festgelegten Musikerzahl zu spielen hatte. Und nur in Notfällen akzeptierte er Aushilfen aus anderen Orchestern oder der freien Musikerszene, denn diese mochten zwar exzellente Musiker sein, aber sie hatten in der Regel die Proben nicht mitgemacht und waren deshalb immer ein Risikofaktor.
Nachdem die Gruppenkollegen der rumänischen Bratschistin diesmal nicht bereit waren, deren Dienste mit zu übernehmen und Vallier auf die Erfüllung seiner Anordnungen bestand - denn immer ging ihm die Qualität der Aufführungen und Konzerte vor privaten Angelegenheiten, mochten diese auch noch so nachvollziehbar sein - wuchs sich dies zu einem leibhaftigen Konflikt aus. Und Vallier hatte wieder einmal den Schwarzen Peter, denn letztendlich war es seine Entscheidung, der Bratschistin den Urlaub zu gewähren oder nicht.
Er hatte zwar einen Etat zur Verfügung, um – etwa im Krankheitsfalle - Aushilfsmusiker zu engagieren, aber er musste natürlich sparsam und gewissenhaft mit dieser seit Jahren immer weiter gekürzten Geldsumme umgehen, denn die Saison war noch lang und wer konnte schon wissen, was die Spielzeit noch alles mit sich brachte. Unbedingt wollte er vermeiden, zum Saisonende Vorstellungen mit reduziertem Orchester dirigieren zu müssen, bloß weil er mit dem Aushilfsetat zu sorglos umgegangen war. Die Gruppe der Bratschisten anzuweisen, die Dienste der Kollegin mit zu übernehmen, wäre höchst unklug gewesen, weil das unweigerlich zur Konfrontation zwischen ihm und dem Orchester geführt hätte. Außerdem entzog sich dies sowieso seiner Befugnis, denn die meisten Orchester verwalteten sich in Teilen selbst und dazu gehörten auch die Diensteinteilungen innerhalb jeder Gruppe.
Seinen Aushilfsetat wollte er in diesem Falle aber nicht anzapfen. Neben künstlerischen Gründen lag dies daran, weil es Konsens zwischen ihm und seinem Verwaltungsdirektor war, diese Geldsumme tatsächlich nur im Krankheitsfalle oder anderen schwerwiegenden Ausnahmesituationen einzusetzen. Auch wollte er sich in den Augen des Orchesters nicht zum Komplizen der rumänischen Bratschistin machen.
Also entschloss sich Vallier, der Musikerin den Urlaub zu verweigern, innerlich ein wenig den Kopf schüttelnd über die Unkollegialität der Bratschengruppe. Er lud die rumänische Bratschistin und den Orchestervorstand in sein Arbeitszimmer ein und verkündete seine Entscheidung.
Die Reaktion der Musikerin war offensichtliche maßlose Enttäuschung und sie brach in Tränen aus. Sie tat Vallier leid, aber er hatte seine Entscheidung getroffen. Also beendete er diese für alle Anwesenden unerfreuliche Situation und komplimentierte die Musiker aus seinem Zimmer.
Abends vor der Vorstellung klingelte sein Telefon. Die Bratschistin bat ihn flehentlich, seine Entscheidung zu revidieren. Sie habe gerade mit ihrem Bruder telefoniert, ihrer Mutter gehe es wirklich sehr schlecht und es sei das Schlimmste zu befürchten. Vallier hatte diesen Anruf schon erwartet, denn die Musikerin war bekannt dafür, dass sie nicht locker ließ und alles dafür tat, um sich durchzusetzen.
„Frau Radulescu“, sagte er. „ich habe wirklich volles Verständnis für ihre Situation. Aber ich bitte Sie, auch mich zu verstehen. Ihre Kollegen wollen Ihre Dienste nicht übernehmen. Weshalb das so ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedoch hat dies zur Konsequenz, dass ich Ihnen diesen Urlaub nicht geben kann. Die Aushilfsregel tritt in diesem Fall nicht in Kraft. Bitte einigen Sie sich mit ihrer Gruppe, dann gebe ich Ihnen den Urlaub. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Jetzt machen Sie es uns beiden nicht so schwer.“
Die Musikerin hörte nicht auf zu bitten und zu flehen. Wieder begann sie zu schluchzen und steigerte sich so in die Sache hinein, dass ihr die Stimme versagte. Gott sei Dank rückte der Vorstellungsbeginn näher und Vallier hatte somit einen Grund, das Gespräch zu beenden.
Von da an war Vallier Luft für die Bratschistin. Sie grüßte ihn nicht mehr und wich seinem Blick aus. Sie saß mit versteinertem Gesicht auf ihrem Sessel und verrichtete ihre Arbeit. Ab sofort sprach sie auch kein Wort mehr mit ihren Kollegen, kam im allerletzten Moment zum Dienst und verließ unmittelbar nach Dienstende das Theatergebäude.
Drei Wochen später starb die Mutter der Musikerin tatsächlich. Vallier griff in seinen Aushilfsetat-Topf und akzeptierte in diesem Fall Musiker aus anderen Orchestern als Aushilfe.
Trotzdem blieb die Bratschistin unversöhnlich, grüßte niemanden, sprach zu niemandem und verrichtete mit regungslosem Gesichtsausdruck ihre Arbeit. Das hielt jetzt schon mindestens sechs Monate an. Vallier war es unbegreiflich, wie sie über einen so langen Zeitraum hinweg ihre Unversöhnlichkeit aufrecht erhalten konnte. So weit er wusste, wohnte sie alleine, ohne Partnerschaft. Hatte die Frau überhaupt Spaß am Leben? Gab es Freude, gute Laune, Fröhlichkeit und andere Dinge für sie, die das Dasein lebenswert machten?
Vallier seufzte. Ähnliche Dinge waren ihm das ein oder andere Mal schon untergekommen, aber in dieser Konsequenz noch nie. Er hoffte, dass die Zeit diese Wunde heilte. Und solange die Frau ihre Arbeit gut tat – und dies war der Fall, denn sie war eine ausgezeichnete Musikerin – konnte und wollte er nichts gegen ihr Verhalten unternehmen.
Jetzt streifte Vallier durch die Baden-Badener Fußgängerzone. Es fiel ihm die überdurchschnittliche Präsenz von Mode- und Schmuck-Edellabels auf, die in ihren Filialen beeindruckende Exemplare ihrer Kollektionen darboten. Und noch etwas fiel ihm auf: nahezu sämtliche Werbeschriften waren auch in russischer Sprache verfasst. Und er konnte jede Menge auffällig gekleidete und übertrieben zurechtgemachte Damen entdecken sowie Herren mit gegelten schwarzen Haaren, dicken Markensonnenbrillen, auffälligen, offensichtlich teuren Uhren und protzigen Ringen, manche sogar mit mehreren davon.
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