Frühmorgens wurde er geröntgt und gegen Tetanus geimpft, wozu er überredet werden musste, denn er ließ sich nicht gerne stechen. Nach einer eingehenden Untersuchung wurde er aus dem Krankenhaus entlassen, auch der Konzertmeister durfte gehen.
Vallier ließ ein Taxi kommen und sie fuhren gemeinsam ins Hotel, wo der größte Teil des Ensembles und des Orchesters untergebracht war. Es war noch relativ früh am Vormittag und die meisten Sänger und Musiker befanden sich im Frühstücksraum, wo sie das exzellente Buffet genossen. Beim Eintreten wurden sie mit heftigem Applaus bedacht. Vallier setzte sich an einen freien Tisch. Gefrühstückt hatte er allerdings schon im Krankenhaus. Er wollte seinen Magen schonen und nippte an einer Tasse Tee.
Nachdem er alle Fragen nach seinem Gesundheitszustand beantwortet hatte, stand er auf, um sein Zimmer aufzusuchen, welches er am Tag zuvor bezogen hatte. Er ging zur Hotelrezeption, verlangte nach seinem Schlüssel und kaufte die örtliche Tageszeitung. Vielleicht war bereits eine Kritik erschienen. Vallier gehörte nicht zu den Kollegen, die behaupteten, sie würden keine Kritiken lesen. Er las so gut wie alle Besprechungen, nicht nur jene, in denen er selbst erwähnt wurde. Er fand es einfach interessant, was in der Musik-und Theaterwelt vor sich ging und versuchte deshalb, sich mit der Lektüre von Zeitungsbesprechungen auf dem Laufenden zu halten.
Als Vallier sein Zimmer betreten hatte, nahm er eine ausgiebige Dusche, die er nach all der erlittenen Hitze sehr genoss. Schließlich schmiss er sich in den Hotel-eigenen Bademantel, setzte sich in den gemütlichen Polstersessel und suchte in der Zeitung nach einer Kritik.
Hier! Vallier las stirnrunzelnd den Artikel und es traf ihn fast der Schlag. Einen solchen Verriss hatte er überhaupt noch nie gelesen. Da blieb einem wirklich die Spucke weg! Die Schreiberin – eine Frau Dr. Inga Martens – betitelte die Kritik mit GRÖBER GEHT’S NIMMER. Es folgte eine akribische Aufzählung aller Sänger und Sängerinnen der Hauptrollen. Niemand hatte Gnade vor dem grimmigen Kritikerinnenurteil gefunden, besonders die Hauptdarstellerin, welche die vier Frauenrollen Stella, Olympia, Antonia und Giulietta gestern Abend mit Bravour, Souveränität und Wohlklang gesungen hatte, wurde mit Häme überschüttet.
Sein Dirigat wurde als „grobschlächtig“, „unsensibel“ und „großspurig“ – was auch immer dies bedeuten mochte – bezeichnet, seine Tempowahl sei auf der einen Seite „hektisch“, auf der anderen wiederum „einschläfernd“ gewesen. Außerdem sei es ihm nicht gelungen, den „hölzern singenden, wackeligen“ Chor zusammen zu halten. Das Orchester sei mehrere Male kurz davor gewesen, auseinander zu fallen und hätte ansonsten „lustlos und unmotiviert“ gespielt und „unprofessionellen Lärm an intimen und leisen Stellen“ verursacht. Die Regie hätte vor peinlichen, klamottenartigen Konventionen nur so gestrotzt. Lediglich der Einfall, den Höhepunkt des Septetts im zweiten Akt mit einem markerschütternden Schmerzensschrei einer gepeinigten Seele abzuschließen, hätte einen gewissen Tiefgang spüren lassen. Leider sei diese Idee nicht weitergeführt worden. Kurz: der Intendant solle sich gut überlegen, ob seine Entscheidung, diese „Operntruppe“ in einem Jahr wieder an das Festspielhaus einzuladen, richtig gewesen sei. Schon öfter hätte er keine gute Nase bei seinen Gastspiel-Einladungen bewiesen.
Vallier legte die Zeitung aus der Hand. Er war wie vom Donner gerührt. Also, das war ja wirklich eine Unverschämtheit! Trotzdem musste er ein wenig schmunzeln, als er daran dachte, in welcher Weise die Schreie des armen Konzertmeisters in die Kritikermeinung eingeflossen waren.
Er nahm den Telefonhörer ab, rief die Rezeption an und ließ sich die Zimmernummern der Sopranistin und des Tenors geben. Beiden versicherte er seine hundertprozentige Wertschätzung und riet ihnen nachdrücklich, diese unqualifizierte Kritik nicht ernst zu nehmen. Die beiden freuten sich hörbar über seine Worte, denn natürlich hatten sie den Artikel bereits gelesen und waren dementsprechend geknickt. Die anderen Sänger, den Chor- und den Orchestervorstand würde er heute Abend vor der Vorstellung ansprechen und sie seiner Loyalität versichern.
Kaum hatte er aufgelegt, als sein Handy klingelte. Der Intendant war dran.
„Diese Zeitungsschreiberin versucht seit etwa zwei Jahren, mich los zu werden“ sagte er. „Machen Sie sich nichts aus der Kritik. Sie ist weder gegen Sie noch Ihr Ensemble gerichtet, sondern gegen mich. Ich habe schon oft versucht, mich beim Chefredakteur zu beschweren, aber der beruft sich natürlich auf die Pressefreiheit. Sie werden sehen, die anderen Kritiken werden positiv sein, und das zu recht, denn es war ein grandioser Abend gestern. Eine andere Besprechung ist bereits erschienen. Soll ich sie Ihnen vorlesen?“
Vallier verneinte und bedankte sich für die klärenden Worte. Er verabschiedete sich und legte auf. Auf einmal war er entsetzlich müde. Er legte sich aufs Bett und aktivierte das Fernsehgerät. Gelangweilt zappte er durch die Programme.
Plötzlich sah er sich, wie er am Boden lag. Neben ihm knieten ein paar Menschen, einige beugten sich neugierig über ihn. Aus dem Off erklang die Stimme der Reporterin: „Zu einem dramatischen Zwischenfall kam es gestern Abend bei der Premierenfeier zu Jacques Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen im Foyer des Festspielhauses. Der Dirigent der Aufführung, Robert Giselher Vallier, brach während der Rede des Festspielhaus-Intendanten plötzlich zusammen. Es wird vermutet, dass die Anstrengung des Dirigierens in Kombination mit der gestrigen großen Hitze zu diesem Schwächeanfall geführt haben. Bereits zuvor hatte der Konzertmeister des Orchesters während der Vorstellung das Bewusstsein verloren. Beide wurden sofort ins städtische Krankenhaus eingeliefert. Die Intendanz des Festspielhauses konnte zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Auskunft darüber geben, ob der Dirigent die beiden Folgevorstellungen heute und morgen wird leiten können. Im negativen Falle ist für einen Ersatz gesorgt, sodass die Aufführungen in jedem Falle stattfinden werden. Kenner der Musikgeschichte mögen sich an manche seltsame Begebenheit erinnert fühlen, die sich seit jeher um die Aufführungen der Offenbach-Oper ereignet haben.“
So, Vallier reichte es jetzt. Er konnte von all dem nichts mehr hören. Zu allem Überfluss kam die Fernsehfrau nun auch noch mit dieser ollen Kamelle des angeblichen Fluchs daher, der über Hoffmanns Erzählungen schweben sollte. Dummes Zeug! Gut, das Wiener Ringtheater war 1881 bei der deutschsprachigen Erstaufführung des Werkes bis auf die Grundmauern abgebrannt. Mehrere hundert Tote waren damals zu beklagen gewesen. Und die Pariser opera comique ereilte bei einer Hoffmann-Aufführung 1887 ein ähnliches Schicksal. Seither waren unter den abergläubischen Theaterleuten immer wieder Gerüchte zu vernehmen, dass es bei einem Werk, in dem in nahezu jeder Szene der Satan sein dämonisches Handwerk treibe, nicht verwunderlich sei, wenn solche Dinge geschähen. Vallier glaubte kein Wort von all diesen Hirngespinsten. In welchem Jahrhundert lebten sie denn?
Er schaltete das Fernsehgerät aus, kramte ein Buch aus seinem Koffer, las ein wenig und nickte ein.
Nach zwei Stunden erwachte er und sah auf die Uhr. Fast halb eins! Er erhob sich schwungvoll, ging ins Bad, machte sich frisch und verließ sein Zimmer. Um siebzehn Uhr hatte er in seiner Garderobe im Festspielhaus ein Treffen mit einigen Leuten aus seinem Orchester, dem sogenannten Orchestervorstand, der sich aus sechs Personen zusammensetzte. Es gab immer etwas zu besprechen, organisatorische und künstlerische Dinge. Oft musste Vallier aber auch zwischen den Musikern schlichten. Wenn man jahrelang, oft gar jahrzehntelang nebeneinander sitzend seine Arbeit tat, konnte man sich ganz gehörig auf die Nerven gehen.
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