»Im Namen des Gottes, der die Erde vom Himmel geschieden hat, das Licht von der Finsternis, den Tag von der Nacht, die Welt vom Chaos, das Leben vom Tod und das Werden vom Vergehen, schwöre ich nach bestem Wissen und Gewissen, die Mysterien geheim zu halten, die mir anvertraut wurden durch unseren gottesfürchtigen Vater und durch den ehrwürdigen und heiligen Herold, denen die Weihen obliegen, und durch meine miteingeweihten und sehr teuren Brüder. Treu meinem Eid hoffe ich, daß es mir wohlergehe; aber ich schwöre auch, daß mich Strafe treffen möge, wenn ich zum Verräter werde.«
Die langen Bänke füllten sich, die Worte drangen undeutlich durch die Masken, doch er kannte die Texte, murmelte nun selbst, was er niemals zu verraten geschworen hatte. Alles weitere würde sich finden, das heilige Mahl mit den Brüdern, geweihtes Brot, Wasser und Wein, die Symbole der Mitteilung göttlichen Lebens. Auf sein Fell hingelagert verzehren auch Mithras und Sol Fleisch und Blut des Stieres. Tullius war wieder in der Gemeinschaft der Kameraden und mit dem stiertötenden Gott, der das Blut vergoß, um die Finsternis zu überwinden, um neues Leben zu schaffen, ewiges vielleicht. Sein Bein schmerzte ihn nicht, auch kein Juckreiz in der Kopfhaut, er war angekommen, das spürte er deutlich und warm.
Zu oft schon, seit er der schäbigen Ziegelei am Tiber den Rücken gekehrt hatte, hatte er sich gefragt, in welchem Land, welcher Stadt, welchem Lager, bei welcher Frau er je wieder zu Hause gewesen wäre. Manchmal war es nur ein Geruch, der ihn fremd bleiben ließ, nur der Klang einer anderen Sprache. Oder man benutzte bekannte Worte in einem anderen Sinn, wie ihm das auch hier in Ostia immer noch begegnete, nicht nur in den Amtsräumen oder an den Hafenkais. Der Mann, der nur alt genug werden wollte, um, am Strom sitzend, die Leichen seiner Feinde vorbei treiben zu sehen, hatte gut lachen. Der war seßhaft. Kein Legionär, den ein Befehl Orte, ja Erdteile wechseln ließ. Hatte er überhaupt Feinde? Niemand hatte jemals sein Leben so bedroht wie dieser keltische Bulle, keine fünf Fuß Stockmaß, aber ein paar Zentner geballte Wut. Tullius fühlte sich dem Mithras zu Dank verpflichtet, mehr noch als seinem Patron.
Bei den Corporationen hatte Tullius sich sagen lassen, daß die Orion ein solide gezimmertes Handelsschiff gewesen sei, vor sechs oder acht Jahren an der cilicischen Küste gebaut, die Größe etwas über dem Durchschnitt. Eine Corbita. Leichtes Schulterzucken. Manche nennten diesen Typ eben immer noch so. Er also nicht? Als jüngerer Reeder ginge er mit der Zeit, auch der Befrachter wegen, die einem bei altmodischen Typenbezeichnungen immer gleich halbe Wracks unterstellten und die Frachtraten zu drücken suchten. Aber auch die Altvorderen hätten Seeschiffe gebaut, die diesen Namen verdienten. Vor Jahrhunderten schon. Die Orion selbst einmal gesehen zu haben, könne er sich zwar nicht erinnern, aber man habe hier unter Kollegen den Fall ausführlich beredet. Natürlich sei auch Schadenfreude aufgekommen, wegen der Reisezeit so spät im Jahr. Als jüngerer Reeder könne er das verstehen, allzu große Geldgier straften die Götter, wenn auch nicht immer. Leider. Auch neige er als jüngerer Reeder zu solider, langfristig angelegter Geschäftspolitik, zu der eben auch risikomindernde Vorsicht gehöre. Auf See könne viel geschehen, in den allermeisten Fällen erführe man niemals etwas über die Einzelheiten einer Havarie. Da schicke man sich halt ins Warten und schriebe irgendwann Schiff und Ladung, auch die Mannschaft natürlich, ab. Doch an Bord der Orion hätten alle überlebt, äußerst selten das.
An den alten Tiberkais, etwa in Höhe des kaiserlichen Palastes, läge übrigens ein älterer Segler aus Marseille, könnte frische Farbe vertragen, gewiß, sei jedoch noch fest in den Verbänden. Wie es hieß, solle diese Corbita, deswegen erwähne er sie, der havarierten Orion auffallend ähnlich sehen. Allerdings seien bei der nach der letzten Überholung figürlicher Schmuck und Malereien im ägyptischen Stil gehalten gewesen, wie er in den tyrrhenischen Hafenstädten und in Rom derzeit Mode sei. Die Leute dort rannten ja scharenweise in die Isistempel, ließen ihre Häuser ägyptisch ausmalen, und die Jüngeren zahlten jeden Preis für das durchsichtige Leinen vom Nil, worüber sie nicht nur im Senat wie die Rohrspatzen schimpften.
»Komm wieder zur Sache!«
»Gern.«
Tullius sah über das mitleidige Grinsen hinweg, das der jüngere Reeder jetzt gar nicht unterdrücken wollte; er würde es ihm nicht vergessen.
»Eine Corbita also. Länge mehr als einhundertachtzig Fuß, ein korbartig gebauchter Rumpf, daher vielleicht auch der Name, mit dem wie üblich überhängendem, hochgezogenem Vorsteven. Auf dem zum Heck hin ansteigenden Achterdeck die Hütte, die von dem Flaggstock und dem in einen Gänsekopf auslaufenden Achtersteven überragt wird. Genau - die tun nicht nur Dienst auf dem Kapitol. Gehen auch Wache auf Schiffen.«
Hatte er wirklich ein so dummes Gesicht gemacht?
»Ja gut. Weiter!«
»An beiden Bordseiten achtern die Steuerruder, für die das Schanzkleid über den Dollborden etwas ausgestellt ist und so den Rudergängern Arbeitsraum bietet. Ein kräftiger Mast senkrecht in Schiffsmitte, gehalten von einem dick gedrehten Vorstag, je vier leicht nach achtern versetzten Wanten, alle an Juffernblöcken und Taljereeps. Die beiden Brassen fast parallel zum Achterstag nach achtern geführt, ihre Holepunkte am Schanzkleid dicht bei den Rudern. Die Großrahnocks ragen beidseitig zwei, drei Fuß über die Schiffsbreite hinaus, ein dreieckiges Toppsegel kann bei gutem Wetter noch zwischen ihnen und dem Masttop gesetzt werden. Das Topp nicht rot wie bei der Annonaflotte, die das kaiserliche Getreide aus Ägypten holt, die Orion fuhr auf private Rechnung. Der einholbare Vormast ragt stark geneigt über das Vorschiff hinaus und trägt bei Bedarf das an einer kleineren Rah anzuschlagende, rechteckige Artemon-Segel. Es wird sich auf Vorwindkursen mit der Luft füllen, die unter dem großen Rahsegel hindurchstreicht, und bei mehr dwars einfallendem Wind auch noch der Luvgierigkeit entgegen wirken können - wie es überhaupt wohl mehr der Schiffssteuerung diente als dem Vortrieb.«
Tullius versuchte sich ägyptische Dekors vorzustellen; was er jetzt hier liegen sah, war ein abgewettertes Handelsschiff, von dem er nicht glauben mochte, daß es im kommenden Frühjahr noch einmal auslaufen könnte. Er war zu den Tiberkais getrabt, um sich den Marseiller Segler genauer anzusehen; mit der seemännisch vermutlich völlig korrekten Beschreibung der Orion, wie man sie ihm im Forum der Corporationen geliefert hatte, konnte er nicht viel anfangen. Die Steuerleute hatten seine Miene richtig gedeutet.
»Geschenkt. Geh mal an die alte Pier und sieh dir die Omphale aus Marseille an. Liegt da seit achtzehn Tagen, der Schiffer sucht Ladung. Will noch zurück, aber es kann gut angehen, daß er hier überwintern muß. Die Omphale ist auch so ein Corbita-Bau, vielleicht'n paar Fuß kürzer als die Orion, büschen weniger Freibord auch.«
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