»Malaria! Also schön, ich habe keine Fragen mehr.«
»Sag ich doch, Malara. Muß ich hier nicht mal schwör'n?«
»Was? Was um Himmels Willen wollen Sie denn schwören?«
»Na die Wahrheit und alles!«
»Jetzt doch noch nicht. Nicht in einer Voruntersuchung. Jetzt ist erst mal Pause.«
Der Salzhändler ging zur Tür, etwas enttäuscht wie es schien. Tullius erhob sich mühsam, sein Bein war ihm eingeschlafen, fast gefühllos geworden. Er stützte sich auf den Tisch und wartete auf das stechende Kribbeln, mit dem das Gefühl und die Kraft wieder einschossen. Der Schreiber packte seine Siebensachen, Tullius guckte ihm zu als ob er das noch nie gesehen hätte. Während er seine Ledertasche schloß, zierliche Bronzeschnallen vom Zaumzeug eines Pferdes aus einem guten Stall, geklaut und in irgendeiner Kneipe in Zahlung gegeben vermutlich, sprach er nur halblaut.
»Sie hätten ihn aber vereidigen können.«
»Selbstverständlich. Aber hier wird doch gelogen, daß sich die Balken biegen. Wenn ich den Kephallonier nachher auch vereidigen wollte, das müßte ich ja dann wohl auch, dann habe ich mindestens einen Meineid in der Akte, vielleicht sogar zwei. Und wer weiß, was sie uns hier noch alles über ihre Inseln auftischen ... Los, hol mir mal schnell den Malteser zurück, der ist sicher noch im Haus. Schnell, Mann! Ich hab was vergessen, beeil' dich!«
Tullius setzte sich vorsichtig wieder, schob sich mit dem Hintern bis an die Lehne und drückte das Kreuz durch, gab sich Haltung. Dieses blöde Bein, morgens auf der Latrine fing das jetzt schon an damit.
»Da sind Sie ja noch. Gut. Entschuldigen Sie bitte, ich hatte etwas vergessen. Nur noch eine Frage – nein, nein, laß alles stecken, das ist nicht für's Protokoll. Du kannst schon gehen.«
Er beugte sich vor, über den Tisch, dem Malteser zu.
»Ist eigentlich eher privates Interesse, wenn Sie verstehen. Malta, das ist doch der offizielle Name Ihrer Insel – aber gibt's da nicht noch andere?«
»Nein, wir sind doch mal römisch seit...«
»Seit die Karthager rausgeworfen wurden, ich weiß. Das liegt lange zurück, schon seit ... egal. Ist schon Geschichte. Nein, was ich meine ist, sprechen alle dort Latein? Keine Barbarendialekte oder so was? Wo der Inselname sich ganz anders anhört? Nein?«
»Nein, ich weiß nicht – in den Häfen reden natürlich alle durcheinander. Kann sich mal keiner merken, die ganzen Sprachen da. Ja, gut, die Griechen sagen mal Melite zu Malta, das ist wahr. Aber sonst...«
»Melite? Was soll denn das wieder heißen?«
Tullius' Stirn zog sich in Falten. Die des Salzhändlers auch.
»Biene - glaub ich mal.«
Der Schreiber war stehen geblieben. Neugierig wie alle diese Schwuchteln. Quatschte jetzt auch noch dazwischen.
»Melite heißt Biene - auf griechisch.«
Und zum Salzhändler.
»Ihr habt doch Bienen auf eurer Insel? Die mußten ja wohl nicht rüber schwimmen?«
Breites Maltesergrinsen.
»Na wo kriegt denn Ihr hier mal Euren Honig her? Doch nich vom Mond! Wieviel brauchen Sie? Sie bestellen, und ich werde liefern! Auch Bettfedern? Rasiermesser? Sandalen? Ich mache nicht bloß in Salz, steh' doch nicht nur auf einem Bein! Honig von Malta is mal was Besonderes. Sagen alle.«
In Tullius' Bein zuckte es wieder. Vorsichtig lüftete er die rechte Arschbacke, um die Durchblutung zu befördern.
»Also die Griechen kaufen Honig bei euch?«
»Die nehmen mal alles, was sie kriegen können. Wollen nur nichts bezahlen, die quietschen vor Geiz. Stimmt aber, zu Malta sagen die Melite, wegen unserm Honig. Was die von Alexandria sagen, wüßt' ich im Moment mal nich. Aber die Griechen sagen Melite, die meisten jedenfalls. Außerdem...«
»Was denn noch?«
»Ich glaub, meine Stadt hieß früher auch so ähnlich wie Melite. Mdina-Rabat. Die Hauptstadt von Malta. Ganz früher, meine ich. Wo die Phöniker sie gegründet hatten. Hat mal einer gesagt, der alte Bücher hatte, einer bei uns.«
Tullius konnte jetzt aufstehen, und er tat es. Steif. Hoffte, daß es als würdevoll rüberkäme.
»Danke, danke. Hat mich nur privat interessiert. Sagte ich schon. Vielen Dank und entschuldigen Sie, daß es mir nicht gleich eingefallen war. Man wird älter. Kommen Sie, ich geh' mit Ihnen nach unten. Muß was essen.«
Auf der Treppe fragte Tullius noch nach dem Herbstwetter auf Malta.
»Sturm? Regen? Kälte?«
»Ach was! Schönste Jahreszeit! Wunderschön, besonders abends. Sitzen die Leute vor der Tür. Müssen mal kommen, trinken wir mal einen zusammen!«
Sein schnell wieder argwöhnisch gewordener Blick fand in diesem Salzhändlergesicht jedoch nur offene Herzlichkeit, weder Spottlust noch Ironie. Der meinte das wirklich so. Vielleicht war dieses Malta eine kleine Reise wert? Besser wäre natürlich ein offizieller Lokaltermin. Spesenmäßig besser. Mal sehen, ob sich da nicht was machen läßt, mal sehen.
Der tote Briefkasten war derzeit eine Höhlung unter einer Bodenplatte des Grabmals eines Munnius, der sich schon vor drei oder vier Generationen zu seinen Vätern versammelt hatte. Brennesseln wucherten zu beachtlicher Höhe und hielten die Reisenden davon ab sich hier zu erleichtern. Näher an der Straße mußte man aufpassen wo man seinen Fuß hinsetzte und Zartbesaitete hielten sich die Nase zu. Dieser Teil der Nekropole vor der Porta Romana konnte von der belebten Straße aus nicht eingesehen werden, und Philippos hatte dem Vorschlag amüsiert zugestimmt, den Nachrichtenaustausch mit dem Tabularium ausgerechnet hier vorzunehmen. Philippos war Arzt im Haus der heutigen Munnius, immer noch crème de la crème der Importeure und Reeder in Ostia. Diesmal hatten sie wissen wollen wer da neu ins Seeamt gekommen war, in wie gearteten Beziehungen der zu wem stünde, so das übliche für ein erstes Dossier.
Bald darauf hatte er den Griffel im Seeamt plaziert, einen verschlagenen griechischen Gemeindesklaven aus dem neuen Hafen, der seinen Namen wegen seines überaus schlanken Penis bekommen und freudige Erleichterung gezeigt hatte, von den salzigen Matrosenärschen wegzukommen und sich den Friseur in der Forumstherme leisten zu können. Auf dem Seeamt hatten sie genügend Schreiber, es war relativ kostspielig gewesen, diesen Griechen dort unterzubringen. Aber selbst Beamte des höheren Dienstes sind manchmal knapp bei Kasse ... Mit Unbehagen dachte Philippos an die Auseinandersetzungen mit seinen zwei OBEs, von denen er sich seine Auslagen erstatten lassen mußte. Die taten immer so als ob sie selbst das Geld auf Galeeren verdienen mußten, dabei hatte die Behörde alle Quellen des I.R. zur Verfügung, saß am Forum Romanum direkt neben dem Saturnustempel wo der Staatsschatz lagerte.
Doch für Informationen über D. Aelius Tullius war er nicht nur auf den Griffel angewiesen, denn dieses Ostia war ein einziges großes Quatschnest. Auf dem Forum und besonders bei den maritimen Corporationen hinter dem Theater galt der neue Sachbearbeiter des Kaiserlichen Seeamtes als ein wenig bemerkenswerter, mäßig befähigter, älterer Beamter, der in Gallien oder Germanien seine Zeit beim Militär abgesessen hatte und dessen juristische wie nautische Kenntnisse zu unbedeutend waren, als daß sie ihm den Haarausfall eingebracht haben könnten, unter dem er offensichtlich zu leiden begann. Von einer Wesensart wie Land und Wetter der Batavier, sagten einige, die sich da auskannten, also irgendwie grau und unzugänglich, kalt. Ältere nannten ihn einen 'verkehrten Claudius', weil er, anders als der vorige Kaiser, nicht selbst bei seinen Amtshandlungen einschlief, sondern die Beteiligten gähnen machte.
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