Auch unser Alltag soll demnächst beginnen, und vor meinem Dienstantritt ist noch ein Haus für eine fünfköpfige Familie einzurichten, ist noch ein Nest zu bauen, das uns möglichst für drei Jahre Geborgenheit geben soll. Und so ergreift uns neugierige Unruhe.
Der Landrover steht gepackt auf dem Hof. Eine beachtliche Portion Wildfleisch hat Ulla uns zugesteckt, worüber wir uns sehr freuen. Den Innenraum des Wagens hinter dem Vordersitz hat meine Frau mit Matratzen und weichen Gepäckstücken ausgepolstert, damit sich die Kinder nicht stoßen, wenn sie dort während der Fahrt spielen. Alles ist gerüstet. Die Sonne brennt schon wieder.
Aus dem Farmhaus dröhnt der Lautsprecher des Transistor-Radios. Das kennen wir schon: Hinrich sitzt im Flur und hört Nachrichten in Afrikaans, dieser eigenartigen Sprache, die in Afrika so fremd wirkt, diesen Singsang aus hart rollenden Rs und eher weich verbindenden Zwielauten und schleifenden Chs. Einzelne Wörter haben eine starke Ähnlichkeit mit dem Niederdeutschen, aber Sprachmelodie und Betonung machen mir ein Verstehen unmöglich.
Plötzlich bricht der Ton ab und die nimmermüden Heuschrecken erobern wieder den Luftraum mit ihren vibrierenden Tönen. „Wie soll das nur werden! Wie soll das nur werden!“ Hinrich steht vor mir und ringt die Hände. Was zunächst wie theatralische Gebärde wirkt, ist Ausdruck wachsender Erregung. „Nun will Dirk Mudge zurücktreten!“
Dirk Mudge, seit 1980 Vorsitzender des Ministerrats, hat gemerkt, dass seine Regierung nur für Sandkastenspiele vorgesehen ist. Ein Feiertag, der die Historie der Buren würdigt und somit nichts mit Namibia zu tun hat, darf dennoch nicht abgeschafft werden – das bringt das Fass der Frustrationen zum Überlaufen.
Und Hinrich hat soviel Hoffnung in diese Regierung gesetzt, so sehr an diesen Weg zur Selbstständigkeit geglaubt. Er ist kein „Parteimensch“, aber in diesem Falle haben er und viele seiner Bekannten sich der Republikanischen Partei (RP) angeschlossen, die zusammen mit andersrassigen Parteien der Demokratischen Turnhallenallianz (DTA) angehört. Er ist sogar politisch aktiv geworden, hat Versammlungen besucht, Parteiführer in seinem Haus zu Gast gehabt, die Erfahrung gemacht, dass man mit gebildeten Schwarzen hervorragend diskutieren kann.
Und nun will Dirk Mudge zurücktreten. Ist alle Hoffnung dahin? Er schimpft auf die Buren: Sie sind stur, uneinsichtig, kompromisslos! Soll er noch einmal auswandern? In Australien hat er sich schon einmal etwas angesehen – nur: Grund und Boden und Arbeitskräfte sind zu teuer. Ratlosigkeit. Wir verlassen einen deprimierten Hinrich.
Ein neues Problemchen kündigt sich an: Finn hat die Windpocken. Aber noch geht es. Nach unserer Ankunft in Karibib besorgen wir uns zuerst eine Unterkunft im Hotel. Die Zimmer sind im Bungalowstil um einen kleinen Innenhof gruppiert und können mit dem Auto erreicht werden. Bäume und blühende Sträucher wachsen am Rande einer Freiluft-Tanzfläche. Nichts modernes, alles etwas winkelig, verbaut, aber doch ganz hübsch.
Nachts ist es unerträglich heiß. Das Öffnen der Fenster vor dem Fliegendraht bringt nichts. Aber es schadet auch nicht, denn die beiden akustischen Überfälle in dieser Nacht hätten auch die Scheiben locker durchdrungen: Das langsam stärker werdende Tuckern der Diesellok gleich nebenan auf der anderen Seite der Straße ist ja noch harmlos. Aber die plötzlich einsetzende Fanfare, die die Nacht zerplatzen lässt, dieser hässlich technische Posaunenton, der mit dicken kalten Metallbacken über unsere schweißnassen Körper dahinbläst, quer durch unsere Zimmer, und der nicht aufhören will! Ist es möglich, dass der Stationsvorsteher schwerhörig ist? Oder hat der Lokführer mit den Karibibern eine Rechnung zu begleichen?
Diese Nacht jedenfalls erfüllt nicht ihren biologischen Sinn, und unser Sohn ist jetzt richtig krank geworden und jammert unablässig.
Am nächsten Morgen warten wir zerschlagen im leeren Haus auf die Spedition. Gegen Mittag erscheint der Schulleiter Jan Kolberg. Ich habe ihn mir älter vorgestellt. Sein jungenhaftes verschmitztes Lächeln und sein unbefangenes Auftreten ohne Vorgesetzten-Allüren berühren uns angenehm. Seine Botschaft ist weniger erfreulich: Die Spedition hat angerufen, sie kommt erst morgen.
Am Abend schlägt sich Ole die Lippe auf, und in der Nacht hat die South African Railways ihren Fahrplan kein bisschen geändert.
Am nächsten Tag müssen wir bis zum frühen Nachmittag warten, bis der Möbelwagen endlich kommt. Und dann geht alles sehr schnell: Nachdem sich das Riesengeschütz auf unserem Grundstück zwischen den grünen Baumkronen der Pfefferbäume postiert hat und das mitgebrachte Kofferradio aus Leibeskräften Reggae-Musik verströmt, räumen die farbigen Packer mit wiegenden Hüften und geschmeidigen Tanzschritt-Einlagen unser Umzugsgut in mäßigem Akkordtempo um, und wir haben gerade noch Zeit, sie in die richtigen Zimmer zu dirigieren, die fehlenden oder kaputten Teile zu registrieren. Auspacken? Zusammenbauen? Einräumen? Nein, dazu hätten sie keinen Auftrag. Je mehr sich die Sachen unübersichtlich stapeln, desto mehr bricht meine Frau zusammen. Sie hat auf mehr Hilfe, auf mehr Service gehofft. Vielleicht ist es auch die Situation des Neubeginns, die Hitze oder die schlaflose Nacht oder die kranken oder quengelnden Kinder – alles zusammen macht vielleicht den Berg, der vor uns liegt, größer, als er ist.
Wir arbeiten uns langsam durch. Die beiden Söhne des Schulleiters helfen uns bei der Montage von Betten und Borden. Ein paar Tage später sieht Hubert Seitz vorbei, mein – ebenfalls von Köln vermittelter – Kollege. Er stammt aus Ulm, lebt seit einem Jahr hier, und ist jetzt gerade mit Frau und Tochter aus Kapstadt zurück. Er ist etwa in meinem Alter, technisch versiert und hilfsbereit. Er wird uns ein paar Verlängerungskabel umrüsten, denn Stecker und Steckdosen sind hier dreipolig.
Für fehlende Anschlüsse sorgt die Firma Waltz. Das Haus ist für diesen Ansturm elektrisch betriebener Geräte nicht eingerichtet, wir haben allein drei Kühlschränke und einen Gefrierschrank mitgebracht.
Das Haus vorne, das parallel zur Straße liegt und über die Garagenauffahrt zu erreichen ist, beherbergt die Küche, das Wohnzimmer, ein Spielzimmer für die Kinder und ein Bad. Der Flur am Eingang dient als Esszimmer. Hier stehen nun unsere Ikea-Gartenmöbel, und von hier aus überblicken wir den nördlichen Teil des Grundstücks mit der Einfahrt, und wunderschön ist der Blick in die Ferne über die Milchbuschhecke hinweg, über die weiter unten verstreut liegenden Häuser des Ortes hinaus in die hügelige Buschebene, die da hinten nach etwa 30 Kilometern am eindrucksvollen Erongo-Gebirge endet.
Über die kleine Küche betreten wir den durchgrünten Innenhof, der dadurch entsteht, dass das zweite Haus mit dem vorderen einen spitzen Winkel bildet und durch eine kurze Mauer mit schmiedeeiserner Tür verbunden ist.
In das obere Stockwerk dieses „Schlafhauses“ führt eine offene Eisentreppe auf einen schmalen Balkon, und unter dieser Konstruktion befindet sich ein gemauertes Goldfischbecken. Am Fuße der Treppe richten wir uns eine kleine Sitzgruppe ein. Hier haben wir morgens und am späten Nachmittag Schatten, und den braucht man.
Die offene Seite dieses Innenhof-Winkels gibt den Blick frei auf den Guavenbaum, der von den Abwässern des Bads unterirdisch versorgt wird. An einer Reihe von Lebensbäumen vorbei gelangt man um den Grillplatz (Braaivleis-Platz) herum in den weiter unten liegenden Teil des Gartens.
Die Hauswände sind verputzt und - wie die Eisenrohrkonstruktion - in hellem Pastell gestrichen. Am Schlafhaus dort oben, wo mein Arbeitszimmer eingerichtet wird, steigen zwei stilisierte Seevögel an der Wand auf. So etwas könnte auch in einem Seebad an der Nordseeküste stehen – Architektur der Nierentisch-Epoche aus den 50er Jahren.
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