„Die Wende kam mit Theo. Den Tag unserer ersten Begegnung werde ich nie vergessen. Er war der Dozent eines Kurses, in dem er Yoga und die indische Philosophie vorstellte. Davon beeindruckt kaufte ich am Ende ein von ihm verfasstes Buch mit der Bitte, mir eine Quittung zu schicken. Die traf ein paar Tage später ein mit der Bemerkung: ‚Ich würde Dich gerne wiedersehen.’
Eine Woche später folgten ein langer Spaziergang und ein heißer Kuss, der mich ziemlich verwirrte. Theo ist größer als Joachim und schlank, ein eher ein sportlicher Typ. Mir fiel sofort seine tibetische Weste auf, so was hatte ich hier noch nie gesehen. Er lud mich zu einem weiteren Wochenendseminar ein, mit dem Titel ‚Meditation in Bewegung’. Und es kam, wie es kommen musste: Ich war total begeistert. In seinem Unterricht fand ich genau die Elemente, die ich so sehr schätze. Er brachte eine neue Qualität in mein Leben. Ich gebe zu, mit diesem Mann würde ich gerne zusammenarbeiten. Und was sonst noch?
Auf allen Ebenen spüre ich eine starke Anziehung. Er hat eine Saite in mir zum Schwingen gebracht, die ich noch nicht kenne. Ich frage mich, ob das die normalen Erscheinungen einer Ehefrau sind, wenn im Alltag vieles zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Die Partner haben sich auseinandergelebt und es gibt immer weniger Gemeinsamkeiten. Ich weiß nicht, ob das auf mich zutrifft. Mir ist nur klar, dass diese Begegnung etwas Besonderes ist und Theo sich schon länger innerlich darauf vorbereitet hat. Mit ihm würde ich ein völlig anderes Leben führen als bisher, soviel ist sicher. Theo ist offen dafür, sich tief mit mir einzulassen, tiefer, als ich es je mit Joachim erfahren habe. Ich fühle, wie sich eine Sehnsucht erfüllt, und etwas sagt mir, dass alles richtig ist, was gerade geschieht.
Seine Dachwohnung ist winzig im Vergleich zu unserem geräumigen Haus mit dem großen Grundstück. Doch diese Dinge sind jetzt vollkommen belanglos. Theos Reich breitet sich vor mir auf eine andere Weise aus als das, was mir bisher vertraut war. Am letzten Wochenende hat er für mich „Spinat im Blätterteig“ zubereitet. Ich glaube, von diesem Zeitpunkt ab war es vollends um mich geschehen. Ein Mann, der auch noch kochen kann! Außerdem hat er mir aus seinem Tagebuch vorgelesen und einen Text für mich auf Kassette aufgenommen. Das wäre, so sagt er, eine Art von kosmischer Vorlesung, die er hin und wieder zu bestimmten Fragen, die er stellt, bekommt. Angefangen habe dieses himmlische Diktat auf der Toilette, also in einem relativ entspannten Zustand. Seitdem habe er stets einen Block mit Bleistift im Badezimmer liegen.“
Tina geht ins Wohnzimmer, startet das Tapedeck der Stereoanlage und setzt sich auf die Couch. Was sie hört kommt ihr authentisch vor und passt viel besser zu ihrer Form von Religiosität als alles andere, was sie bislang darüber gelernt hat:
„Geh in den Garten der Liebe hinein! Nimm sie bei der Hand und mach ihr Mut! Vielleicht geht es ja auch umgekehrt und du brauchst ihre Aufmunterung. Habt kein schlechtes Gewissen, denn solange ihr mit euren Herzen in Verbindung bleibt, wird sich alles zum Guten fügen. Wir sagten dir ja letztlich schon, dass dein Handeln mitunter kleinere oder größere Erschütterungen auslösen kann. Schrecke nicht davor zurück, denn auch diese Erschütterungen, ja die Schmerzen, die zeitweilig als Resultat andere Menschen treffen können, sind ein Stück Liebe. Du gibst vielleicht einem alten Seelenfreund die Chance, über sich nachzudenken und sein Leben neu in Angriff zu nehmen, es zu überdenken und umzuformen, sowie seine früheren Motivationen zu klären. Es kann nicht immer alles nur in Harmonie verlaufen, aber alles dient letztlich dazu, die Dinge wieder in Harmonie zu bringen. Und das wünschst du dir doch auch.
Hab Vertrauen, du bist auf einem wundervollen Weg! Oder sollten wir besser sagen: Ihr seid auf einem wunderbaren Weg? Nun, die Antwort kannst du dir ja selber geben. Es ist so, wie du es dir gewünscht hast, nur ist alles noch ein wenig wundervoller, als du es dir vorstellen konntest. Ja, auch das gehört dazu, wenn wir mit alten Freunden so eng zusammenarbeiten. Du brauchst dich auch nicht um etwaige Konsequenzen zu sorgen. Wir haben unsere schützende Hülle um euch und eure Umgebung gelegt. Ihr sollt beide weiter euren Aufgaben nachgehen und sie gut erfüllen. Wir werden euch dabei helfen, Zeiten und Räume zu schaffen, die eurem gemeinsamen Wachstum gewidmet sind. Wir haben selbst ein großes Interesse daran, so lichtvollen Wesen, wie ihr es seid, zu ihrer Bestimmung hin zu verhelfen, auch zu einer gemeinsamen. Aber dazu braucht es noch ein wenig Zeit der Vorbereitung. Darum übt euch in Geduld und genießt die Zeiten eures Zusammenseins. Sie werden nicht wenig sein, glaub es mir. Es gibt keinen Mangel für diejenigen Seelen, die mit uns in Verbindung stehen. Wir hüllen euch ein in den Mantel der Liebe. Möge Frieden, Licht und Glück um euch sein.“
„Ja, ich werde mit Theo in den Garten hineingehen“, ermutigt sich Tina selbst. „Alles wird gut, ganz bestimmt.“
Sie erinnert sich daran, wie sie im Februar von dem Seminar „Meditation in Bewegung“ nach Hause zurückkam. Joachim hatte ihr sofort angesehen, dass etwas nicht stimmte, und sagte ihr direkt auf den Kopf zu, dass sie wohl einen Geliebten habe. Sie widersprach ihm nicht und leugnete nichts. Joachim ging mit solchen Angelegenheiten sehr kalkulierend um. Seinen Kredit für einen Seitensprung hatte er noch nicht eingelöst. Nun war der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Er zögerte nicht lange damit, sich auf die Suche nach einer neuen Partnerin zu machen, und fand sie schon recht bald. Vielleicht hatte Tina den Bogen doch etwas überspannt.
Der Wecker klingelt und Tina geht zum Backofen, wo der Gemüseauflauf brutzelt. Sie dreht den Temperaturregler zurück auf Null. Simon wird bald aus der Schule kommen und einen Riesenhunger mitbringen. In der Zwischenzeit will sie noch ein paar Hemden für Joachim bügeln. Ja, sie wird hier bleiben und den Haushalt weiterführen, solange dieses Kind sie braucht. Niemand soll leiden oder bedürftig zurückbleiben.
Schweißgebadet erwacht Joachim, aufrecht im Bett sitzend, den Blick zu der Frau gewandt, die neben ihm liegt. Er ist völlig orientierungslos. Es ist frühmorgens und schon etwas hell im Schlafzimmer. Franziska, seine blond gelockte Schönheit, wacht allmählich auf und realisiert, dass ihr neuer Geliebter ganz aufgewühlt ist. Er ist bei ihr zu Besuch, in einer für ihn noch fremden Umgebung. Sie hatte auf seine Kontaktanzeige reagiert und schien schon auf ihn zu warten: eine geschiedene Frau, von Beruf Lehrerin, mit einer achtjährigen Tochter, die bei ihr lebt, aber diese Woche bei ihrem Vater zubringt.
„Hast du geträumt?“, fragt sie verschlafen.
„Nein – ja – ich weiß nicht. Ich war auf der Jagd, da war plötzlich meine Frau auf der Wiese und – äh – ich glaube, ich habe sie erschossen“, stammelt Joachim.
„Beruhige dich!“, sagt Franziska milde lächelnd. „Das war sicher nur ein Alptraum. Das hast du bestimmt nicht getan. Hättest du sie wirklich erschossen, dann würdest du nicht hier bei mir im Bett liegen. Wenn du nach Hause kommst, wirst du sehen, dass sie quicklebendig ist wie immer und mit eurem Kind spielt. – Ach, wo wir schon mal dabei sind: So allmählich könntest du deine Frau dazu veranlassen, bei euch auszuziehen. Sie lebt dort weiterhin auf deine Kosten und was ist mit mir und meiner kleinen Malaika? Stehst du nun zu uns oder nicht? Willst du nicht auch, dass wir zu dir ziehen und mit dir zusammenleben? Die Kinder verstehen sich doch prächtig. Tina wird sich wohl nicht einbilden, dass sie ihren Sohn mitnehmen kann!“
Franziskas Redefluss lenkt Joachim von seinem Traum ab und er sieht nun wieder den Tatsachen seines Lebens ins Auge. Ganz sicher ist er sich aber nicht, ob er vielleicht doch einen Mord begangen hat. Doch er verdrängt diesen Gedanken, um sich seiner Liebsten wieder zärtlich zuzuwenden und ihr jeden Zweifel an seiner Leidenschaft zu nehmen. Er ist ein Mann der Taten. Als er von Tina erfuhr, dass es da einen Anderen gäbe, hat er schon bald für Ersatz im Bett gesorgt. Franziska empfing ihn mit offenen Armen. Mit Joachim scheinen nun all ihre Träume in Erfüllung zu gehen und es fällt ihr leicht, sich ihm voller Wonne hinzugeben.
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