Hunger hatte ich trotzdem, immerhin hatte ich ja heute schon etwas geleistet. Im Küchenregal fand ich noch ein Glas sauer eingelegten Blumenkohl; ich öffnete es, goss die Essiglake ab und futterte die Röschen direkt aus dem Glas. Heiner sah missmutig auf. „Du traust dich was!“
„Wieso? Die können praktisch keine Kalorien haben.“
„Nein, aber was, wenn du die ganze Nacht furzen musst?“
„Muss ich nicht. Außerdem musst du gerade reden!“
„Man soll so was nicht unterdrücken, das ist ungesund.“
„Doch, wenn direkt daneben jemand einen Rest Sauerstoff zum Schlafen braucht, sollte man so was schon unterdrücken. Außerdem – was soll das eigentlich heißen? Du darfst, wegen deiner Gesundheit, und ich darf nicht?“
„Bei Frauen ist so was unästhetisch.“
„Blödmann.“
„Tolles Argument.“
Ich drehte mich um und aß den Blumenkohl auf. Gelegentlich hatte ich schon Sättigenderes gegessen, musste ich zugeben, aber jetzt waren wirklich nur noch Gewürze im Haus. Unauffällig zählte ich mein Geld und lief dann doch noch schnell zum Aldi an der Ecke. Neues Knäckebrot, ein paar Konserven, die sogar für Aldi-Verhältnisse billig waren, zwei Gläser Senfgurken. Trinken konnten wir Wasser. Na gut, die Kaffee-Hausmarke, dafür würde es wohl gerade noch reichen.
Wie konnte ich aus Heiner Geld herauspressen? Oder sollte ich ihn rauswerfen? Dann konnte ich meine sauer verdienten Kröten wenigstens alleine verfuttern. Und weniger Sprit brauchte ich dann auch. Aber er war doch niedlich. Und nachts so ganz alleine – das war auch nichts. Ach, Blödsinn. Heiner schlief auch nur mit mir, wenn er von der Geldfrage ablenken oder mich nach einem Krach besänftigen wollte. Hatte ich das eigentlich nötig?
Jetzt wollte ich aber nicht darüber nachdenken! Zur Not gab es zu essen, und ich sollte mein Hirn lieber dafür benutzen, gut organisiert zu putzen und aus dem alten Mahler mein Wunschthema herauszuholen. Wann hatte er eigentlich Sprechstunde? Ich trug meine magere Ausbeute nach Hause, verräumte sie und wühlte nach der Sprechstundenliste – heute, um fünf. Zehn vor war es, also gleich wieder weg. Heiner plärrte noch etwas hinter mir her, wahrscheinlich einen Fahrauftrag, aber das überhörte ich unauffällig.
Bei Mahler saß schon eine lange Reihe auf dem Armesünderbänkchen vor der Tür und auf dem schmutzigen Linoleum unter dem Anschlagbrett.
Ich reihte mich in die Schlange ein, prägte mir ein, welche der angestaubten Gestalten auf dem Boden schon vor mir dagewesen waren, akzeptierte von einem zotteligen Kommilitonen eine Selbstgedrehte, verkniff mir den Hustenanfall, blödelte ein bisschen herum und horchte die anderen aus, ob sie einen anständigen Job wüssten. Putzen war doch eigentlich unter meiner Würde!
Nein, Zottel, der sich als Bernie vorstellte, hatte letzte Woche eine Kellerentrümpelung ergattert, ein bebrilltes Wesen namens Astrid prüfte Belege in einem Elektronikgroßhandel und jammerte, die Dinger seien mit einem so alten und schmierigen Nadeldrucker hergestellt, dass sie bald eine stärkere Brille bräuchte, ein ätherisches Wesen namens Sybille modelte gelegentlich. Klasse, alles nichts für mich. Zwei andere putzten auch und warnten mich nachdrücklich vor allein stehenden Herren, die es einem doch bloß über dem Putzeimer besorgen wollten.
„Kinder sind noch schlimmer“, behauptete eine andere daraufhin, „die schmeißen den Putzeimer um und machen alles wieder dreckig, und dann heißt es, du hättest nicht sorgfältig gearbeitet, und sie zahlen weniger.“
„Hast du schon mal Umfragen gemacht?“, meldete sich eine andere zu Wort. „Leute auf dem Markt anquatschen, was sie von irgendeinem dämlichen neuen Deo halten, das ihnen so scheißegal ist wie dir selbst? Wenn du siehst, wie sie alle schon Haken schlagen, um dir auszuweichen, kriegst du irgendwann echt die Krise.“
„Wird das wenigstens gut bezahlt?“
„Ach wo. Und wenn du die Fragebogen selbst ausfüllst, merken die das ziemlich schnell.“
„Ich gebe Nachhilfe“, verkündete einer, der schon so aussah, „das Geld ist okay, aber ich hätte nie gedacht, dass es so doofe Schüler gibt. Nach unten gibt´s da offenbar gar keine Grenze.“
Ein wirklich hübscher Kerl mit langen, dunklen Haaren (bei dem seidigen Schimmer musste er eine echt teure Kur verwendet haben – oder wirklich gute Gene besitzen) beklagte sich, er habe im Baumarkt im Lager gearbeitet. „Gut für den Muskelaufbau war´s schon, aber die haben echt geglaubt, nach ein paar Tagen müsste ich schon wissen, wo was steht – wer soll sich das alles denn merken?“
Betretenes Schweigen. „Was willst du denn von Mahler?", fragte die, die die Umfragen gemacht hatte, vorsichtig an.
„Mahler? Wieso Mahler? Ich warte auf die Priebeck!“
„Die Priebeck sitzt in 307“, merkte ich vorsichtig an. „Ja, ich weiß.“ Hübsche, kugelrunde blaue Augen. Und ein entzückender Mund...
„Hier ist 407.“
„Echt? Oh. Na, dann...“
Er rappelte sich auf und trabte in die Richtung davon, in der die Treppen nicht waren. Mit einem verlegenen Lächeln kam er einen Moment später wieder an uns vorbei. „Blind oder blöd?“, fragte die Umfragefrau halblaut.
„Eher blöd“, befürchtete ich. „warum sind schöne Männer immer beschränkt?“
„Na hör mal“, regte Bernie sich auf. „Von dir redet doch niemand“, beruhigte ich ihn. „Schon klar“, er grinste, „wirklich schöne Frauen haben aber meist auch nicht gerade viel zwischen den Ohren.“
„Echte Beauties kommen eben so durchs Leben, die lernen gar nicht erst, sich anzustrengen“, behauptete die Belegefrau. Wie alle albernen Vorurteile hatte auch das etwas für sich – wir verglichen die jeweils Schönsten in unseren früheren Schulklassen und stellten fest, dass ein hoher Anteil nicht gerade mit Intelligenz gesegnet war. Dass Mahler ab und an jemanden zu sich hereinbat, wirkte eher störend, aber wer fertig war, setzte sich wieder zu uns auf den Boden und zog genussvoll mit über Abwesende her. Mahler guckte schließlich ganz verzweifelt. „Wollen Sie alle noch zu mir? Es ist schon zehn vor sechs!“
„Wir waren doch schon“, wehrte die Umfragefrau ab, „wir unterhalten uns bloß noch.“
„Ich wollte noch zu Ihnen“, gab ich zu und rappelte mich mäßig elegant auf, „aber ich bin wohl die letzte.“
Er reichte mir erleichtert die Hand. „Frau Holler, nicht wahr?“
Klasse Leistung, er hatte mich erst vor drei Wochen im Mündlichen geprüft. Ich lächelte anerkennend, sagte aber lieber nichts zu seinem hervorragenden Namensgedächtnis, sonst fühlte er sich doch noch verscheißert.
„Nun, was kann ich für Sie tun?“
„Ich würde gerne über den ersten Städtischen Kunstverein promovieren“, fiel ich mit der Tür ins Haus. War ich so zielstrebig oder hatte ich bloß Angst, dass Heiner alle meine Vorräte vertilgte, wenn ich ihn zu lange alleine ließ?
Eher letzteres, befürchtete ich, aber wenigstens lächelte Mahler nachsichtig und zeigte seine graugelben Zähne. Die waren bestimmt noch echt, niemand würde für ein solches Gebiss auch noch Geld zahlen. Das gleiche galt für das schüttere grauschwarze Haar, das er in bewährter Manier quer über die Glatze gebürstet hatte. Dann doch lieber eine ehrliche Billardkugel!
„Ein heikles, aber reizvolles Thema“, kommentierte er vorsichtig.
„Also lief in der Umgebung der Frau von Strahleneck doch so einiges ab?“, erkundigte ich mich. „Oh ja, aber sind Sie sicher, dass Ihnen das Thema nicht zu – naja, sagen wir, zu anrüchig ist?“
„Echter Forscherdrang schreckt vor nichts zurück“, verkündete ich heldenhaft. Klatsch und Tratsch – und dafür noch akademischer Lorbeer: Was wollte ich denn mehr?
„Nun, wenn Sie meinen... Mittlerweile wird sich in der Stadt auch niemand mehr darüber empören... Sie sollten Ihr Augenmerk auch auf die Tagebücher von Lorenz Teisner richten... Und das Städtische Archiv, nicht wahr...“
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