Sich abnabeln heißt Ballast verlieren und den menschlichen Urzustand wiedergewinnen.
Der junge Mann in diesem Märchen hat etwas von der Weisheit und Leichigkeit eines Narren.
Er kann vor dem Abgrund spazieren, ohne herunterzufallen. Dieser ist sein eigener Abgrund, in den er hineinschauen kann ohne abzustürzen, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren. Es gehört Naivität dazu, sich so zu verhalten, jedoch gehört diese zur jugendlichen Neugier und zum Forschungsdrang dazu. Dies ist es, was aus dem jungen „unfreiwilligen Wanderer“ einen freiwilligen macht, der sich durch seine Intuition und durch seinen Instinkt zum Abenteuer „Leben“ antreiben lässt.
Dieser junge Wanderer stellt einen wichtigen Teil unserer Seele dar.
Unabhängig vom Alter eines Menschen sind diese jugendliche Neugierde und diese Leichtigkeit wichtig für ein erfülltes Leben, für eine spannende Lebensreise. Gewissermaßen ist der junge Wanderer als Narr wie alle Menschen, die sich inkarniert haben, unschuldig schuldig, im Sinne von verantwortlich.
Da er seine Eltern, seinen Ursprung nicht kennt, ist er gezwungen, auf der Suche zu sein, auf der Suche nach seiner Herkunft, also auf der Suche nach sich selbst.
Also muss er sich zwangsläufig auf den Weg begeben, die Quelle allen Seins zu suchen.
Für diejenigen, die ihre leiblichen Eltern nie kennen gelernt haben, ist die Suche zwingender, da der Wunsch eines jeden Menschen, seine Wurzeln kennen zu wollen, natürlich ist.
Der elternlose Zustand des jungen Mannes symbolisiert den Urzustand des Menschen. Eigentlich sind wir alle elternlos: Unsere Eltern haben uns nur auf der physischen Ebene auf die Welt gebracht, haben uns jedoch nicht erschaffen.
Sie gilt es – um in einen ausgeglichenen Seelenzustand zu gelangen – diese seelisch zu überwinden, d. h. wir müssen uns als junge Erwachsene von ihnen lösen.
Dieses Lösen ist allerdings ein innerer Prozess und wird zu einer inneren Befreiung von allem, was wir karmisch in diesem Leben zu bearbeiten haben.
Es ist mit das Schwierigste, was wir im Sinne von Entwicklung in unserem Leben zu leisten haben. Die Abnabelung von unserer Familie oder Ersatzfamilie ist die Voraussetzung für ein verantwortungsvolles Leben.
Allerdings bedeutet dies im eigentlichen Sinne nicht Trennung, sondern ein sich auf den Weg - Machen in Freiheit.
Als junge Erwachsene streben wir danach, unseren eigenen Weg zu gehen, unsere Eltern loszulassen, für die Zuwendungen, die sie oder Ersatzeltern uns gegeben haben, dankbar zu sein, dies aber ohne schuldig zu sein, selbst wenn die Art und Weise der Zuwendung nicht perfekt war.
Diese Zuwendung, die wir als Kinder erfahren haben, kann allerdings auch niemals perfekt sein; sie ist immer unzulänglich, da unsere Eltern/ bzw. unsere Ersatzeltern nicht allmächtig sind...
So ist dieses innere Sich – Lösen von unseren Erziehungsberechtigten und das Lösen von unserem Kindsein in dem Falle besonders problematisch, wenn wir unsere Eltern als absolut empfinden und an diesem „absolutistischen Weltbild“ festhalten.
Erkennen wir allerdings die Unzulänglichkeit unserer Eltern/ Ersatzeltern als zum Leben gehörig an, ersparen wir uns viel überflüssiges Leid.
Ohne Vorwürfe und Selbstvorwürfe können wir uns dann in Freiheit auf den Weg machen, auf unseren ureigensten Weg, wie auch immer dieser aussehen mag.
Um das zu erreichen, müssen wir durch das Leid hindurchgehen, das wir als junge Menschen erfahren, wenn wir beispielsweise in der Pubertät die Unzulänglichkeit unserer Eltern entdecken und sie nicht ertragen können.
Die Suche nach Identität als Notwendigkeit für ein eigenverantwortliches Leben
Ein Beispiel für die schmerzliche Suche nach Identität, nach Lebensorientierung wird in dem weltweit bekannten Roman „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger dargestellt. Der Protagonist Holden Caulfield, 16 Jahre alt, der sich als Suchender insofern auf den Weg macht, indem er die zivilisierte Welt der Erwachsenen (vierziger Jahre des 20.Jahrhunderts= repräsentativ für die weltweite Zivilisation mit einer gewissen Zeitlosigkeit) ablehnt, wünscht sich ein freies Leben in der Natur, eine Welt, in der es gerecht zugeht und alle Menschen glücklich sind, fern von der verlogenen Welt der Erwachsenen, in der es nur um Geld, Ansehen und Macht geht. Obwohl Holden Caulfield wohlhabende Eltern hat, er intelligent und gut aussehend ist, ist er in seinem tiefsten Inneren unglücklich und zum vierten Mal der Schule verwiesen, traut sich nicht mehr nach Hause und treibt sich in New York herum und sucht in unterschiedlichsten Situationen nach etwas, was er selbst nicht wirklich weiß, geschweige denn benennen kann, irgendeine Art von Erfüllung, die er aber nirgends findet, wie z. B. bei einer Prostituierten oder bei einem alten Lehrer, den er aus seiner Schulzeit kennt und den er - verglichen mit anderen Erwachsenen - geschätzt hat. Alle Menschen, die Holden trifft und alle Situationen, in die er sich begibt, enttäuschen ihn, und so fühlt er sich einsam, verlassen und unverstanden.
Die Trennung und Abgrenzung von der Welt der Erwachsenen ist zunächst immer eine innere, in der Zeit der Pubertät und des Erwachsenwerdens aber immer von dem Wunsch begleitet auch auszubrechen aus dieser Welt, sich auch konkret auf den Weg zu machen, auch wenn man/frau diesen nicht kennt.
„ Als ich mit allem fertig war, blieb ich mit meinen Koffern noch eine Weile
an der Treppe stehen und warf einen letzten Blick auf den verdammten
Gang. Dabei heulte ich sozusagen. Ich weiß nicht warum. Ich setzte meine
rote Jagdmütze auf mit dem Schild nach hinten, so wie ich es am liebsten
hatte und schrie, so laut ich konnte: ´Schlaft gut, ihr Idioten! ´ Sicher
wachten im Stock alle auf. Dann machte ich mich davon“.
(J. D. Salinger „Der Fänger im Roggen, J. D. Salinger, Der Fänger im Roggen , Übersetzung bearbeitet von Heinrich Böll, Reclam, Leipzig 1988, S. 188.)
Der Rebell, Holden, weiß weder wohin er will und was er will, aber er weiß genau, was er nicht will, nämlich zurück in die verlogene Welt der Erwachsenen. Vielmehr ist sein einziger und sehnlichster Wunsch, den er zu äußern vermag, der, an einer Klippe zu stehen und kleine Kinder, die in einem Roggenfeld spielen aufzufangen und festzuhalten, damit diese nicht herunterfallen.
„ (...) jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müßte alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollen – ich meine, wenn sie nicht Acht geben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre ( ...) der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ichwirklich gern wäre .“ (ebd.)
Holden Caulfields Wunsch, die Kinder vor dem Absturz in den Abgrund zu
bewahren, ist unbewusst einerseits der Wunsch, selbst eines der Kinder zu sein und beschützt zu werden, die Gewissheit zu haben, ihm könne nichts passieren in dieser „chaotischen Welt“, er kann nicht abstürzen, da er gehalten wird von jemandem, der sich für ihn zuständig fühlt...
Andererseits ist es auch sein Wunsch selbst dieser Jemand zu sein, der stark und kräftig genug ist, die Kinder zu halten, sie vor der Orientierungslosigkeit, die dazu führen kann, in den Abgrund zu stürzen, zu bewahren...
Diese beiden Wünsche, einmal selbst das zu beschützende Kind und zum anderen der Beschützer selbst sein wollen, machen den schmerzhaften Konflikt des Heranwachsenden, den leidvollen Übergang vom Kindsein zum Erwachsensein deutlich.
So stellt die Romanfigur Holden Caulfield den Heranwachsenden auf der Suche nach dem Sinn des Lebens dar, ohne ihn wirklich gefunden zu haben. Seine Suche geht weiter, da er als Jugendlicher, der noch zur Schule geht, sein ganzes Leben noch vor sich hat.
Читать дальше