und wenn du auf dem Wege bist, so brauchst du nur innezuhalten und zu spüren,
dass du selbst es bist, wonach du immer gesucht hast.“ Luise Phillis
Es gab irgendwann einmal einen Mann und eine Frau, die erzählten beide die folgende Geschichte, es war die ihrige, die des Kugelmenschen und zugleich war es der Beginn des Mensch-Seins und -Werdens:
Die Urheimat wieder finden
Am Anfang war die Ur-Geschichte, diese Urgeschichte und das Ur-wort waren im Universum und das Ur- Wort war das Wort für die Urheimat, nämlich „Esuahuzridni“, in der drei Kugelmenschen lebten. Diese hatten je vier Arme, vier Beine, zwei Köpfe und zwei Geschlechtsorgane und deshalb wirkten sie wie Kugeln. Sie konnten sich sehr schnell fortbewegen, sie konnten Radschlagen und vieles mehr. Einer der drei Kugelmenschen hatte nur weibliche Geschlechtsorgane, der zweite hatte nur männliche und der dritte Kugelmensch hatte ein männliches und ein weibliches Geschlechtsorgan. Sie fühlten sich sehr wohl in ihrer Urheimat „Esuahuzridni“, so dass sie sich vor Wohlbehagen immer schneller fortbewegten und übermütig wurden und dem, der sie erschaffen hat, seinen Platz streitig machen wollten. Das ließ das Universum, die göttliche Allmacht, sich nicht gefallen und sie wurde zornig und nahm ein Schwert, mit dem sie diese drei Kugelmenschen in zwei Hälften teilte. So gab es drei Frauen und drei Männer mit je zwei Beinen, zwei Armen, einem Kopf und jeweils einem entsprechenden Geschlechtsorgan. Die Teilung mit dem Schwert können wir heute noch an unserem Bauchnabel erkennen. Die göttliche Allmacht hatte die Haut über dem Bauch zusammengezogen. Und da die geteilten Kugelmenschen dann auch noch von dem Baum der Erkenntnis einen Apfel aßen, was ihnen von der göttlichen Allmacht ausdrücklich verboten war, die Schlange ihnen jedoch geraten hatte, mussten sie auf Geheiß der Gottheit ihre Ur-Heimat „Esuahuzridni“ verlassen. Seit dem Leben die Menschen auf der Erde in Raum und Zeit und seit dem sind sie voller Sehnsucht. Sie suchen ihre zweite Hälfte und brauchen diese, um sich ganz zu fühlen und/oder sich fortzupflanzen. So sind sie auf der Suche nach ihrer Heimat „Esuahuzridni“. Da sie nun den Apfel von dem Baum der Erkenntnis gegessen hatten, wissen sie, was gut und böse ist, und das macht ihre Leben nicht unbedingt leicht hier auf dieser Erde. Jedoch können sie sich zurückerinnern, und so suchen sie die Einheit , die Ganzheit, herbei und manchmal nähert sich ihr sehnsüchtiges Suchen ihrer Ur-heimat „Esuahuzridi“ und manchmal kehren sie sogar dorthin zurück …
„Aristophanes-Mythos“ im „Symposion“ sehr frei nach Platon, ( aus: Platon, Jubiläumsausgabe sämtlicher Werke, von Rudolf Rufener, 8 Bände, Artemis, Zürich/München 1974) und der „Paradies-Mythos“ sehr frei nach dem Alten Testament (aus: Die Jubiläumsbibel, Württembergische Bibelanstalt, Stuttgart 1964)
Wie es diesen geteilten Kugelmenschen nun auf dieser Erde ergeht und wie sie ihr süchtiges Suchen als Weg zu ihrer Ur-Heimat erkennen können, in die sie jederzeit gelangen können, zeigen nun die folgenden Märchen, die die ur-eigenen Geschichten eines jeden „ehemaligen“ Kugelmenschen sind…
Eines Tages, eines Nachts, war mir klar, dass diese Mythen auch meine eigene Geschichte beschreiben.
Meine Eltern waren „Flüchtlinge“, ich selbst bin also ein Flüchtlingskind, nach dem zweiten Weltkrieg hier oder dort geboren, irgendwo im Norden von Deutschland. So hatte ich bereits früh erkannt, dass das Wort „Heimat“ mehr sein musste als ein Ort, denn mein Vater sagte immer, wenn er eine Geschichte erzählte. „Bei uns zu Hause“… und dann begann er immer eine spannende Erzählung von einem schönen, großen Bauernhof, von Tieren, die artgerecht gehalten wurden, von Menschen, die trotz zweier unterschiedlicher Nationen in einem Land, in Polen, als Polen und Deutsche, friedlich miteinander lebten, jedenfalls vor dem ersten und vor dem zweiten Weltkrieg… Für mich bedeutete dies, wenn das „Zuhause“ meines Vaters irgend woanders war, irgendwo, wohin wir damals in meiner Kindheit nicht einmal reisen konnten, dass es für mich keines gab, jedenfalls nicht eins, das an einen Ort gebunden war, keines das ein Bauernhaus, Land und Tiere bedeutete. Denn wir wohnten in meiner frühen Kindheit in einem kleinen Häuschen, das wir irgendwann verließen, weil meine Eltern sich immer wieder auf eine Art Flucht, auf eine Suche nach irgendetwas begaben. Wir zogen häufig um und ich kann, wenn ich an meine Kindheit denke, die Orte, in denen wir wohnten zwar erinnern, aber sie hatten irgendwie einen geringen Stellenwert für mich. Viel wichtiger waren mir hingegen die Menschen, zu denen ich losgelöst von irgendwelchen Orten, eine Verbindung hatte. Ich wollte gern dazu gehören zu den Menschen, die keine Flüchtlinge waren. Da wir in der Nachkriegszeit sehr bescheiden wohnten, war der Wunsch nach Zugehörigkeit besonders wichtig für mich, aber es war nicht ganz einfach. Meine Eltern rollten in der deutschen Sprache das typisch östliche “R“. Meine Großmutter hatte einen ostpreußischen Dialekt und wir aßen selbst eingemachte Salzgurken in Steintöpfen. Die anderen Kinder aßen Gewürzgurken von „Kühne“. Wir sagten zu Karotten „Mohrrüben“ statt Wurzeln wie die anderen Kinder und meine Schwester und ich fielen auf, obwohl wir nicht als die „armen Flüchtlingskinder“ aus dem Rahmen fallen sollten, indem wir mit aufwendig genähten Kleidern von meiner Mutter fein herausgeputzt waren. Eigentlich wollten und sollten wir gar nicht auffallen, wir wollten nur dazugehören, um so etwas wie „Heimat“ empfinden zu können. Doch wir fielen auf und waren eben anders. Deshalb war ich immer auf der Suche nach Zughörigkeit und unbewusst auf der Suche nach der Heimat, von der ich nicht wusste, wie sie für mich aussehen sollte. So konzentrierte sich meine Suche auf Begebenheiten, auf Menschen und dennoch wechselte ich häufig die Wohnungen z. B. während meines Studiums, wechselte die Orte, so als würde es doch einen Ort geben, den ich eines Tages finden und als meine „Heimat“ bezeichnen könnte. Doch all dies war mir nicht bewusst. Es waren die Menschen, die mich interessierten, doch auch bei ihnen hatte ich nie wirklich das Gefühl angekommen zu sein. Also suchte ich, ohne zu finden, bis ich in einer von jenen Nächten wusste, wonach ich immer gesucht hatte, von da an hatte ich suchend süchtig gefunden…, denn nun war mir klar, dass dies alle Menschen suchen, auch wenn es vielen nicht bewusst ist.
Von dieser Suche, der Sehn-Sucht und dem Finden handeln die Märchen dieses Buches, die durch Kommentare, Literatur-, Film- und Fallbeispiele ergänzt werden.
Der unfreiwillige Wanderer
- Sich Aufmachen: Familienverlust- oder die Chance, sich auf den Weg zu machen -
Zu einer Zeit gab es einen jungen Mann, der war ohne Eltern aufgewachsen. Aufgezogen hatte ihn eine wilde Frau, die ihm viel Liebe und Geborgenheit gegeben hatte. Als der junge Mann achtzehn Jahre alt war, ging er seines Weges und begegnete vielen Menschen. Viele fragten ihn, wer seine Mutter und sein Vater gewesen seien. Er konnte jedoch nur als Antwort geben, dass er es nicht wisse und dass eine Geschichtenerzählerin ihn erzogen habe. Er hatte nichts vermisst bei Lucia, die ihm alle Liebe dieser Welt gegeben hatte. Als er jedoch immer öfter nach seinen Eltern gefragt wurde, er selbst jedoch keine rechte Antwort wusste und die Menschen teils mit Entsetzen, teils mit mitleidiger Anteilnahme reagierten, verfiel der junge Mann eines Tages in eine tiefe Traurigkeit, die er bis dahin nie gekannt hatte.
Er wurde so traurig, dass er keinen Menschen mehr sehen wollte.
Also suchte er Unterschlupf in einer Hütte, die leer stand, am Rande
Читать дальше