eines Dorfes. Bald störte ihn selbst das Tageslicht, und er verhängte Türen und Fenster und verließ die Hütte nicht mehr. Und bald wollte er den Raum nicht mehr verlassen, um in einen anderen zu gehen, also legte er sich nieder in seine Bettstatt, weil er sich dort sicher glaubte.
Doch auch hier musste er weinen und wollte schließlich nicht mehr leben.
Er sah keinen Sinn mehr für sein Dasein, so sehr wütete die Traurigkeit in
seiner innersten Höhle. Also wollte er seinem Leben ein Ende bereiten.
Als er darüber nachsann, wie das geschehen sollte, klopfte es an seine
Tür, und plötzlich stand die alte Lucia vor ihm. Ihr war zu Ohren
gekommen, wo ihr Zögling sich befand. Sie hatte gefühlt, dass es schlecht um ihn stand.
Sie setzte sich an sein Bett, und es zerriss ihr das Herz, als sie ihren Zögling weinen sah. Doch blieb sie ganz ruhig, als er sie verzweifelt fragte: „Warum hast du mir nie gesagt, wer meine Eltern waren?“ –
Lucia antwortete: „Habe ich dir nicht alles gegeben, was ein Junge braucht?
Habe ich dich nicht gefüttert, als du klein warst, dich geschaukelt, habe
mit dir gespielt, dir Geschichten erzählt, dir die Gräser, den Wald gezeigt,
dir von Tieren, Menschen und Gott erzählt, dich gehegt und gepflegt?“ –
Der junge Mann nickte, das stimmte alles, nur er könne es nicht
mehr fühlen, sagte er zu Lucia und deshalb wolle er sterben. Als Lucia ihn von diesem Wunsch nicht abbringen konnte, sagte sie gelassen zu ihrem Pflegesohn: „Also, wenn du es denn um jeden Preis willst, so gib mir das Versprechen, es mit diesem Messer zu tun, das ich dir jetzt reiche! – Aber bitte tu´ es nicht hier, sondern
nimm meinen Wanderstab und dieses Blümlein hier und gehe durch den
dunklen Wald. Dann gelangst du zu einer Wiese, gehe über diese Wiese, bis
du schließlich einen tiefen Abgrund siehst. Dort setze das Messer an deine Kehle und stelle dich so, dass du gleichzeitig hinunterstürzen kannst, dann wird dir ein glücklicher Tod sicher sein!“ Dies sagte Lucia voller Gelassenheit.
Ihr Pflegesohn versprach ihr, so zu handeln, wie sie es ihm aufgetragen hatte. Er stand auf, zog seine Kleider an, nahm ihren Wanderstab und das Blümchen und ging aus dem Haus.
Als er noch nicht weit von der Hütte entfernt war, blieb er stehen und winkte Lucia inniglich zu, den es sollte das letzte Mal sein.-
Er kam schließlich in den dunklen Wald. Er konnte den Duft der Bäume riechen, also blieb er stehen und sog den Duft des Waldes ein, es sollte schließlich das letzte Mal sein. Dann ging er weiter und hörte die Vögel singen, und er blieb stehen und pfiff ihre Lieder, als wären es seine, es sollte ja das letzte Mal sein. Er schlenderte weiter und verließ den Wald und gelangte an eine Wiese, spazierte durch die Gräser und sang dabei ein Liedchen. Schließlich lief er leichten Fußes, bis er an den tiefen Abgrund kam, die Lucia ihm beschrieben hatte. Hier angekommen, hatte er vergessen, warum er eigentlich hier war, auch das Messer hatte er unterwegs verloren, und so spazierte er voller Leichtigkeit am Abgrund entlang. Ein kleiner Hund gesellte sich zu ihm, und nichts konnte den jungen Mann davon abhalten, in den Himmel zu blicken, sich von der Sonne bescheinen zu lassen, mit der Gewissheit, zwar in den Abgrund zu schauen, aber niemals abstürzen zu können.
Grenzsituationen ermöglichen, den eigenen Weg zu suchen
In diesem Märchen sind wir mit dem Lebensthema, das im Grunde jeden Menschen betrifft, konfrontiert. Es geht um die Frage nach dem Ursprung im Zusammenhang mit dem eigenen Lebenssinn, auch wenn nach dem letzteren nicht ausdrücklich gefragt wird. Dabei handelt es sich um die menschliche Tragik schlechthin, nämlich darum, dass er nicht weiß, woher er kommt. Die eigentliche Herkunft ist ungewiss, selbst wenn wir unsere leiblichen Eltern kennen. Dieser junge Mann hat keine leiblichen Eltern mehr. Allerdings hat er sich damit arrangiert, und zwar bis zu dem Moment, als er ins Leben hinausgeht, als er von anderen Menschen danach gefragt wird. Er hatte es gut gehabt bei seiner Ersatzmutter, einer Geschichtenerzählerin. Jedoch wird er verunsichert durch die Fragen, die von außen an ihn herangetragen werden. Es sind die nach seinem Ursprung, von dem er nichts weiß. Das erschüttert ihn zutiefst, so dass er nicht mehr weiter leben will. --- Um sich aber wirklich auf die Wanderschaft zu begeben, muss der Mensch alles aufgeben, vielleicht auch ein Stück sich selbst, um dann neu anfangen zu können. Er muss mit etwas abgeschlossen haben, nämlich mit seiner Kindheit. Und diese muss dann sterben. Und so möchte der junge Mann am liebsten mit ihr zusammen sterben, denn so groß ist sein Schmerz, der sowohl Abschieds- als auch Trennungsschmerz bedeutet. Dabei handelt es sich um die Trennung von seinem kindlichen Sein, von seiner Ersatzmutter. Deshalb hat der junge Mann Angst weiterzugehen. Als er sich vom äußeren Leben zurückzieht und sich seiner Trauer über seine Nicht-Zugehörigkeit und seinem Abschiedsschmerz hingibt, da kommt die Ersatzmutter zu ihm, die ihn liebevoll groß gezogen hat. Sie verkörpert die typisch weise Alte, die weiß, was zu tun ist, selbst in dieser extremen Grenzsituation. Sie verkörpert den weiblichen Aspekt, die weise, uralte Stimme in uns, die uns sagen kann, wie es weitergeht. Wir müssen sie nur hereinlassen, wenn sie sich ankündigt, wenn sie an die Tür klopft.
Existenzielle Grenzsituationen, wie tiefe Trauer und Abschiedsschmerz ermöglichen dem Menschen allerdings die Lebens-Angst, die Angst davor, nicht weiter leben zu können, in ein Loslassen zu verwandeln. In diesen Situationen ist der Mensch offen für diese innere Stimme der weisen Alten und er beherzigt diese sogar, so wie der Protagonist in diesem Märchen dem Rat der Alten folgt.
So vermag die weise Alte, ihn von seinen Selbstmordgedanken, von seinem Selbsthass abzubringen.
Es ist tatsächlich eine Art Selbsthass, wenn der Mensch sich weigert weiterleben zu wollen. Jedoch kann die weise Alte ihn von seinem Vorhaben ablenken, denn sie nimmt ihn gleichzeitig Ernst, so dass sie ihm sogar praktisch vorschlägt, wie er seinem Leben ein Ende bereiten kann…. Sie schickt ihn durch einen dunklen Wald und auf eine grüne Wiese, bis er an einen Abgrund kommt, in den er sich stürzen kann, wenn er das Messer, das sie ihm mitgibt, dort an seine Kehle setzt und diese durchtrennt. Die Weisheit der Alten besteht darin, dass sie einerseits auf den Wunsch des jungen Mannes sterben zu wollen, eingeht, und ihn andererseits mit dem Leben konfrontiert, indem sie ihn durch den Wald gehen lässt, so dass er die Natur entdecken kann, die Pflanzen und die Tiere. Deshalb gibt sie ihm auch ein Blümchen mit, das ein Zeichen für die Schönheit des Lebens ist. Das wirkt auf der unbewussten Ebene. Der dunkle Wald, durch den der junge Mann durchgehen muss, konfrontiert ihn nicht nur mit der äußeren Natur, sondern gleichzeitig mit seiner inneren Lebensstruktur. Es ist ein Naturgesetz, auch durch die Dunkelheit gehen zu müssen, um an eine Lichtung zu kommen, um die bunten Seiten des Lebens kennen zu lernen. Und das geht nur, wenn der Mensch, den Weg, den er einschlägt, auch anfängt bewusst zu gehen. Dann wird sein Gang leicht und beschwingt und er nimmt die Natur wahr und fängt an das Leben zu genießen. Er schlendert, er spaziert durch sein Leben. Und als er an den Abgrund kommt, hat er vergessen, warum er eigentlich dorthin gekommen ist.
Der Hund, der sich zu dem „unfreiwilligen Wanderer“ gesellt, symbolisiert seinen Instinkt, der ihn von nun an in seinem Leben begleitet, der ihn, wenn er aufpasst, nicht verlässt.
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