„Okay“, piepste ich.
Zu zweit gingen wir aus der Küche und quetschten uns in den Flur. Seine Hand berührte meine und es fühlte sich gut an. Warum nur? Die Frage sauste durch meinen Kopf wie Dateien durch den Computer. Ich schlüpfte in meine Chucks und ein unwohles Gefühl beschlich mich. Zusammen gingen wir aus der Tür, aus dem Haus und durch die Straßen.
Es war gut, nicht allein zu sein und doch, je näher wir meinem Zuhause kamen umso unwohler wurde mir.
Es fing wieder an in mir zu schreien und zu kreischen, es war unerträglich… Wir waren an meinem Zuhause angekommen.
„Bis bald, Lilly…“, sagte Aslan lächelnd.
„Bis bald, Aslan“, verabschiedete ich mich und nahm den Schlüssel aus meiner Tasche und steckte das alte Ding in das Schloss. Die Tür sprang auf und ich verschwand im dunklen
Treppenhaus. Erst waren meine Schritte leicht und fröhlich, doch je höher ich ging umso schwerer wurden meine Beine. Kurz vor meiner Wohnungstür waren die Beine so schwer wie Beton. Nun stand ich vor der Tür, meine Hände waren nassgeschwitzt, mein Herz schlug, nein, es hämmerte wie verrückt. Gerade wollte ich den Schlüssel ins Schloss stecken, als meine Ohren das Geräusch nackter Füße auf der anderen Seite der Tür vernahmen.
„Lilly…“, quietschte meine kleine Sonne.
„Maja, hast du noch nichts gegessen?“, schoss es sofort aus mir heraus,
während ich die Tür aufschloss.
„Nein, Mama ist nicht da, und Danny schläft in deinem Zimmer“, flüsterte sie.
„Ok, ich mache dir jetzt was zu Essen und du sagst Danny
nicht, dass ich so spät bin…“, schlug ich ihr vor. „Ja!“,
grinste sie. Ich nahm sie hoch, meine warmen Arme umschlossen ihren kühlen Körper.
Maja hörte auf zu zittern und kuschelte sich in meine Arme. Ich setzte sie auf einen gepolsterten Küchenstuhl und machte uns beiden etwas Vanillepuddingsuppe. Schnell setzte ich etwas Milch auf den Herd. Meine Augen starrten auf den Topf mit der Milch während meine Gedanken bei ihm waren. Ich sah sein Gesicht, seinen Körper, roch seinen Duft und hörte seine Stimme. „Lilly…“, quiekte Maja. Ich spürte einen stechenden Schmerz auf meiner Hand. Mit der anderen Hand zog ich die überkochende Milch vom Herd und schnell ließ ich kaltes Wasser über meine schmerzende Hand laufen. Der Schmerz ließ mir die Tränen in die Augen steigen.
„Lilly, doll aua?“, piepste Maja.
„Nein, hab´ ich nicht…“, antwortete ich während ich das Puddingpulver in die Milch schüttete und rührte um. Maja sprang vom Stuhl auf und holte zwei Schüsseln. Ich machte etwas Puddingsuppe in die beiden Schüsseln und zu zweit gingen wir in die Wohnstube. Wir beide aßen zufrieden, dabei beobachtete ich sie und mir wurde klar, dass sie meine Sonne war, mein Ein und Alles… Es knallte. Ich zuckte zusammen, ein stabilerer, großer Mann stand in der Tür.
„Morgen, Schatz!“, polterte er.
„Morgen, Danny…“, antwortete ich und verdrehte meine Augen.
„Wie lange bist du schon wach?“, fragte er grob.
„Erst seit fünfzehn Minuten…“, sprudelte es aus mir heraus.
„Ach so…“, sagte er und schlurfte in das Bad. Danny roch streng nach kaltem Rauch
und Alkohol, es war widerlich. Das Kribbeln war schon lange weg, doch meine Mutter mochte ihn sehr, denn er war wie mein Vater: ohne Arbeit, gegen Politik; dafür, dass der Staat sie aushalten musste und dass Frauen das tun, was Kerle sagen, ohne Wenn und Aber. Schon bei dem Gedanken wurde mir ganz, ganz anders. So wollte ich nicht enden… Niemals in meinem Leben.
„Lilly, kommst du zu mir??“, fragte Maja lieb und niedlich.
„Ne, ich schaue mal nach Danny…“, antwortete ich traurig.
„Schade…“, antwortete Maja mir mit einer traurigen Stimme, die mir das Herz stillstehen ließ. Ich drehte mich um und bewegte mich in Richtung des Bades. Von dort kam gerade Danny, er zog mich zu sich ran.
„Bekomme ich einen Kuss…“, knurrte er.
„Nein, du stinkst!!“, schnaubte ich.
„Ach, hab´ dich nicht so…“, sagte er und zog mich zu sich heran und drückte seine Lippen auf meine. Innerlich ekelte es mich an, ich wollte den Kuss nicht. Danny steckte mir seine Zunge in den Hals. Sollte ich jetzt würgen oder es einfach zulassen?, dachte ich. Verzweifelt wollte ich ihn wegdrücken, doch meine Arme waren gegenüber seinen wie Streichhölzer. Seine Pranken packten meinen Hintern. Ich wusste, was er wollte. Das, was er immer wollte. „Lilly?“, piepste eine kleine zarte Kinderstimme. Genervt löste sich Danny von mir.
„Was ist denn, meine Sonne?“, fragte ich.
„Wo ist Mama?“, fragte sie mich schüchtern, kindlich.
„Ich weiß es leider nicht… “, antwortete ich bedauernd.
„Maja, mach die Glotze an und lass mich und deine Schwester allein… “, polterte Danny. Maja zuckte zusammen und ich sah Danny böse an. Ich ging zu Maja und machte ihre Lieblingsserie an. Danny beobachtete mich etwas skeptisch. Eigentlich juckte es mir in den Fingern ihm eine zu kleben, doch ich brachte es nicht über das Herz. Schnell ging ich wieder zu ihm und fuhr mit meinen Fingern über sein stoppeliges Kinn und ging dann in mein Zimmer. Er war folgsam und riss mir die Kleider vom Leib, irgendwie genoss ich es immer noch, doch nur noch körperlich, denn gedanklich war ich bei Aslan. Warum nur?, kreischte es in meinem Kopf, eigentlich hatte ich es doch gut. Mein Freund schlug mich nicht, verstand sich mit meiner Mutter und mit Maja. Es war alles doch toll, besser als bei manch anderen hier in unsere Platte. Mehrere Tage vergingen bis ich Aslan zufällig wiedertraf. Ich war auf dem Weg, um Maja von der Kita abzuholen. Mit leichten Schritten ging ich den Weg entlang. In mir tobte ein Konflikt, ein Teil meiner Selbst wollte zu Aslan und der andere Teil verbot mir, über ihn nachzudenken, weil ich ja Danny hatte. Auch wenn er so grob, so ungepflegt und selten dämlich war… aber genau das machte ihn so liebenswert, dachte ich.
„Lilly! Vorsicht!“, brüllte jemand. Ich riss mich aus meinen Gedanken wie das Papier von einem Block gerissen wurde. Ein fester Griff packte mich und zog mich nach hinten.
Meine Beine wurden taub und ich spürte nur noch einen harten Aufprall. „Lilly, alles in Ordnung?“, fragte mich eine tiefe Stimme.
„Aslan, was? Wie?“, fragte ich leicht neben der Spur.
„Weißt du nicht, was gerade passiert ist?“, fragte er mich skeptisch.
„Doch, ich wollte Maja abholen… “, antwortete ich total abwesend.
„Du wurdest fast überfahren!?“, brüllte er mir besorgt ins Gesicht.
„Echt?“, fragte ich ihn verblüfft.
Seine schokoladenbraunen Augen mit einem waldmeistergrünen Schimmer sahen mich ernst an.
„Danke… “, kam es schüchtern aus mir heraus.
„Schon ok, einfach mal weniger Träumen… “, antwortete Aslan grinsend.
„Sorry, ich war woanders mit den Gedanken… “, entschuldigte ich mich leise und zart.
„Darf ich fragen wo?“, fragte er mit leicht erheiterter Spannung.
„Ist egal… “, wehrte ich seine Frage ab.
Er lächelte mich frech an wie nur er es konnte. Nein, nein, nein, ich durfte mich nicht verlieben! Ich hatte doch schon Danny.
„Du, ich muss los, Maja abholen von der Kita“, sagte ich zu ihm und versuchte aufzustehen. „Ich komme lieber mit sonst wirst du noch über den Haufen gefahren“, antwortete er und reichte mir seine Hand. Ich ergriff sie fest, irgendetwas an ihm ließ mich grinsen.
War es seine Frisur, die aussah wie erst aufgestanden, oder war es das Muskelshirt, was er anhatte, oder war es die Baggy, die an ihm so hammermäßig aussah? Nein, nichts
von diesen Dingen ließ mich lächeln. Seine bloße Anwesenheit ließ mich strahlen, ließ mich das Glück von Tausenden Menschen fühlen; es war so komisch, aber auch so schön.
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