Er pfiff ein Liedchen vor sich hin, als das Mädchen aus dem Unterholz kam. Die nassen Haare waren jetzt fast schwarz und klebten eng am Körper. Genau, wie das frisch gewaschene Kleidchen, dessen Risse und Löcher augenscheinlich hervorstachen. Chiero setzte sich auf, starrte sie an und schluckte: „Das geht gar nicht.“
Das geht wirklich nicht , schob er einen anderen, weiterführenden Gedanken beiseite. Das Mädchen war ja fast noch ein Kind. Besser wäre es, die Bekanntschaft mit Kira, einer Schankmagd im „Dachs“ zu vertiefen. Er fischte eine alte Hose, ein angegrautes Leinenhemd und eine zerschlissene Wolljacke aus dem Wagen und warf sie dem Mädchen zu: „Zieh das an. Das spart uns eine Menge Ärger.“
Sie fing die Sachen geschickt aus der Luft. „Danke“, rief sie fröhlich, und zum ersten Mal huschte ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht. Mit einer fließenden Bewegung streifte sie ihr Kleid ab, und seine Erstarrung fiel gerade rechtzeitig von ihm ab, um sich hastig abzuwenden.
Als er sie in seinen alten Sachen sah, die haltlos um ihre zarte Figur schlotterten, musste er lachen. Sie sah an sich herab und stimmte ein.
* * *
„Chiero“, fragte sie, als sich der schwere Planwagen in Bewegung setzte. „Wie weit fährst Du?“
„Marin, hoch im Norden, bei den Regenwäldern. Warum?“
Sie ignorierte seine Gegenfrage. „Was hast Du geladen?“
Er musterte sie misstrauisch, gab aber Auskunft. „Eichenholz, Werkzeuge und ein wenig Kupfer. Dinge, die im Norden schwer zu kriegen sind.“
„Bist Du reich?“
Wieder stutzte der Kaufmann, aber ihr eindringlicher Blick ließ ihm keine Wahl. „Ich komme gut zurecht, aber reich bin ich nicht.“ Wieso habe ich das jetzt gesagt, schoss es ihm durch den Kopf. Das geht sie gar nichts an .
„Aber Du bist doch ein Händler?“
„Das heißt nicht, dass man dabei reich wird – zumindest nicht mit ehrlicher Arbeit“, fügte er verstimmt hinzu. Bereitwillig erzählte er, worauf es ankam, wie man Profite machte und welche Risiken es zu vermeiden galt. Das Mädchen hing an seinen Lippen und Chiero fühlte sich durch ihr Interesse geschmeichelt. „Wie schon gesagt: Reich wirst Du damit nicht“, schloss er seine Ausführungen.
* * *
Eine gute Meile bevor sie den „Dachs“ erreichten, lösten sich Reiter aus dem Schatten des Uferwaldes. „Räuber?“, fragte das Mädchen.
Chiero schüttelte den Kopf. „Kaiserliche Patrouille. Der Laudon ist eine Zollgrenze.“
„Haben wir Schwierigkeiten?“, wollte sie wissen.
„Vermutlich nicht“, antwortete er zögernd. „Nicht, wenn Du die bist, für die Du Dich ausgibst.“
Sie zog einen Schmollmund, ohne auf seine Bemerkung einzugehen.
Die sechs Reiter näherten sich. Die Lanzen, ihre Reiterbögen und die graugrünen Uniformen wiesen sie als Grenzreiter aus. Ein Siebenter wirkte wie ein wohlhabender Zivilist, der sich im Wald verlaufen hatte. Mirja erblasste, als sie den geschmückten Stab in seiner Hand erkannte und wandte sich ab. Chiero beruhigte sie: „Bleib im Hintergrund. Ich glaube nicht, dass sie hinter Dir her sind.“
Dann waren die Reiter heran. Der Korporal stellte die üblichen Fragen, während zwei Männer absaßen, um den Wagen zu durchsuchen. Die Kontrolle verlief routiniert, bis einem der Soldaten der doppelte Boden des Wagens auffiel. „Wie geht das auf?“, fragte er mürrisch, während seine Kameraden ihre Waffen hoben.
„Oh, bitte“, lächelte Chiero. „Das ist doch einfach.“ Er löste die verborgenen Verschlüsse und öffnete die Abdeckung.
„Dann sehen wir mal, was da drinnen ist“, grinste der Soldat und schob Chiero beiseite. „Leer“, stellte er ungläubig fest.
„Man kann nicht vorsichtig genug sein“, erläuterte der Kaufmann. “Hie und da hat man eine wertvolle Ladung, und trotz der lobenswerten Bemühungen der Armee, kann es zu unliebsamen Begegnungen mit Räubern kommen, die ihr irgendwie übersehen haben müsst.“
* * *
„Es klappt doch jedes Mal“, freute er sich, nachdem die Soldaten abgezogen waren. „Sobald sie den leeren Geheimboden gefunden haben, suchen sie nicht weiter. Dich haben sie gar nicht beachtet.“ Ein breites Grinsen zierte plötzlich sein Gesicht. „Also, was hast Du ausgefressen, Mirja?“
„Semira“, berichtigte ihn das Mädchen.
„Du hast gesagt ‚Ich heiße Mirja‘“, beharrte er.
„Du hast schlecht zugehört“, widersprach sie. „Ich sagte, ich heiß‘ Semira.“ Ihr Lachen perlte wie ein klarer Gebirgsbach an sein Ohr.
„Ich hab‘ was gut bei Dir“, knurrte er eingeschnappt.
„Stimmt“, lachte sie. „Aber so laut und verkrampft, wie Du an die Schwertklingen in den drei hohlen Balken gedacht hast, hätte Dich der Hellsichtmagier gar nicht überhören können, wenn ich Dich nicht abgeschirmt hätte.“
„Welcher …?“ Der Händler verstummte, als er sich der Gefahr bewusst wurde, in der er geschwebt hatte. Er sah sie an und nickte anerkennend. „Das mit dem Magier ist neu.“, murmelte er. „Ich denke, das wird den Wirt des Dachsbaus auch interessieren.“
„Danke“, sagte er nach einer ganzen Weile. „Ich glaube, ich habe Dich unterschätzt.“
„Nichts zu danken“, grinste sie. „Es reicht, wenn Du mich bis Marin mitnimmst.“
* * *
Jahr 24 des Kaisers Polanas, Sommer
Tioman Haranet ya Chernez, Oberster Meister der Wandlung zu Marin
Der Leiter der Akademie in Marin sah der jungen Frau nach. Ehe Tioman Haranet ya Chernez seine Meinung über die hübsche Probandin äußerte, interessierte ihn die Ansicht seiner Kollegen. Er wandte sich an Fenrik ya Turdon, der den Lehrstuhl für Artefakte und Alchemie leitete. „Was haltet Ihr von dem Mädchen?“
Der charismatische Nordländer fuhr sich durch die dichten schwarzen Locken. „Hübsch, sehr hübsch. Wird eine Schönheit werden.“
„Und das ist Grund genug, sie sofort aufzunehmen.“ Die Bemerkung war typisch für Rijka von Sirnan. Die hellhäutige, blonde Magierin aus dem Süden stammte aus adligem Haus, war aber nach einem Zerwürfnis mit ihrer Familie in den Norden geflohen. Fenrik hatte sie auf die lange Liste seiner Eroberungen gesetzt und sie ebenso rasch wieder fallen gelassen. Damals hätte sie den Charmeur gerne umgebracht, aber mittlerweile beschränkte sie sich auf verbale Spitzen.
Tioman amüsierte sich über die Plänkelei der Beiden. „Gibt es auch fachliche Einschätzungen durch die werte Kollegenschaft?“
Sybilla Ternakis kam von Sourin, der mächtigsten Schule der nördlichen Städte. Die Lehrverantwortliche für Wandlung und Veränderung zählte mehr als fünfzig Jahre, trug ihre kastanienbraune Haarmähne aber noch immer knielang. Von den erfahrenen Lehrern war sie vermutlich die Einzige, die nicht an seinem Posten interessiert war. Der Akademieleiter schätzte ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Loyalität. Mit einem knappen Wink forderte er ihr Urteil ein.
„Eure Magnifizenz, werte Kollegen. Meiner Meinung nach ist sie brillant. Die Leichtigkeit, mit der sie den Kelch erhitzt hat, war erstaunlich. Ebenso beeindruckend war die Deformation des Dolches. Ich wusste nicht, dass eine Novizin diesen Zauber ohne direkte Berührung fertig bringt. Ich empfehle die Aufnahme und die Zuerkennung eines Stipendiums.“
„Jetzt übertreib mal nicht“, stoppte Tioman ihre Begeisterung. „Ihre Vorstellung war ordentlich, aber sie muss noch viel lernen.“ Sybilla schwieg eingeschnappt, und er wandte sich an seine andere Kollegin: „Rijka?“
„Sowohl die aktive Beherrschung, als auch ihr Widerstand gegen Bezauberung sind ausgeprägt, wenn auch nicht außergewöhnlich. Angesichts ihrer Ausbildung in einer Weißen Akademie ist es bemerkenswert, dass sie überhaupt Kenntnisse auf dem Gebiet der Beeinflussung besitzt. Ihr Wissen über die Lehre der Weißen kann von Nutzen sein, daher empfehle ich die Aufnahme. Ein Stipendium lehne ich ab. Ihr Selbstbewusstsein ist schon sehr ausgeprägt, und ich will ihr nicht auch noch bestätigen, dass sie etwas Besonderes ist.“ Sie lehnte sich zurück und sah zu Fenrik.
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