An Schlaf war nicht mehr zu denken. Beim Frühstück wurden die Fuhrleute mit unwirschen Blicken und missmutigen Kommentaren über die nächtliche Störung bedacht, und so verließen sie Zweimühlen noch in der Morgendämmerung.
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Der Tag verlief eintönig, bis am späten Nachmittag Sirfan erreichten. Hier kreuzte die Straße, die von Chur im Süden nach Bethan im Norden führte, und so war ein florierender Warenumschlagplatz entstanden, an dem sich nach und nach auch Handwerker angesiedelt hatten. Seine Lage verlieh dem Städtchen eine strategische Bedeutung, und er wies, nebst einer äußerst wehrhaften Stadtbefestigung, auch eine bedeutende Garnison auf. Deshalb konnte Magister Geron Semira im Verlies der Festung unterbringen.
Parin begleitete seinen Vater in die Taverne. Wieder hörten sie viele Geschichten, aber von Bedeutung war nur das Gerücht, nachdem auf der Straße nach Hesgard Raubtiere gesehen worden wären. „Kann stimmen oder auch nicht“, sagte Haul. „Kein Grund zur Besorgnis. Wir hängen uns morgen an ein paar andere Wagen dran. Das reicht um die Viecher abzuschrecken.“
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Nachdem sie den Zauberer und seine Gefangene in der Festung abgeholt hatten, trafen sie am Stadttor auf zwei Fuhrwerke. Die stämmige, schwarzgelockte Varna war Mitte Dreißig. Sie lenkte einen offenen Wagen und hatte Bauholz geladen. Das andere Fuhrwerk war ein mächtiger, zweispänniger Planwagen. Er gehörte einem Händler aus dem Norden, der sich als Chiero Albacca vorstellte. Er mochte an die Vierzig sein und sein glattes, schwarzes Haar zeigte erste weiße Strähnen.
„Jungchen, kannst bei mir mitfahren“, bot die Fuhrfrau an. „Hab‘ noch Platz am Bock und könnt‘ Gesellschaft vertragen. Außerdem“, fügte sie augenzwinkernd hinzu, „reicht es, wenn zwei von Euch meinen Staub schlucken.“ Haul willigte ein, und Parin war erleichtert, der bedrückenden Gegenwart des mürrischen Zauberers entfliehen zu können. Varna erwies sich als fröhliche Plaudertasche und der Vormittag verging wie im Fluge.
Am Nachmittag kam es zu einem Zwischenfall. Das nahe Brüllen eines hungrigen Steppentigers erschreckte die Fuhrleute und Varna konnte das Ausbrechen ihres Zugtieres nur mit Mühe verhindern.
Chiero Albacca schloss seitlich auf und zog eine Armbrust unter dem Kutschbock hervor. „Habt ihr gesehen, wo das Biest steckt?“, fragte er. Seine Augen blitzten unternehmungslustig, während er mit geschickten Handgriffen den Mechanismus spannte.
„Nö!“, gab Varna knapp zurück. Sie redete beruhigend auf ihr Pferd ein, das nervös im Geschirr tänzelte.
Parin sah sich hektisch um, konnte aber nichts erkennen, obwohl der Tiger neuerlich brüllte. Das heisere, kehlige Pfauchen jagte ihm die Gänsehaut über den Rücken. Das Geräusch kam eindeutig von hinten, und als Shingra ängstlich wieherte, bekam er Angst um seinen Vater.
Plötzlich war es still, vollständig und unnatürlich still. Der Zauberer kam nach vorn und bedeutete Varna weiterzufahren. Sie wollte etwas fragen, hielt aber irritiert inne, als kein einziger Ton über ihre Lippen kam. Selbst das Schnauben der Tiere war verstummt, und als sich das Fuhrwerk in Bewegung setzte, hörte man nicht einmal mehr das allgegenwärtige Knarren des Ledergeschirrs.
Nach zwei endlos scheinenden Zehntelstunden verschwand die beklemmende Stille ebenso plötzlich, wie sie gekommen war. Varna zog die Bremse an. „Ich will wissen, was da verdammt noch mal los war und wo der blöde Tiger steckt!“, rief sie nach hinten.
Die anderen Wagen schlossen seitlich auf und Magister Geron versuchte zu erläutern: „Es gibt keinen Tiger. Die einzige Wildkatze hier ist diese verfluchte Hexe im Wagen. Sie wollte wohl einen Unfall provozieren, um eine Gelegenheit zur Flucht zu bekommen. Wird aber nichts, wie es aussieht. Die Stille habe ich gezaubert, damit sich die Tiere beruhigen. Können wir?“
Diesmal setzte sich Haul an die Spitze und die Fuhrfrau reihte sich hinter Chieros Planwagen ein. „Staub für Sicherheit. Is‘ne alte Fuhrmannsweisheit. Weiß aber nich‘, ob das hier noch sicher ist“, knurrte sie missmutig, während sich der Staub der Landstraße um sie herum verdichtete.
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Die Nacht verbrachten sie erneut im Schuppen einer Wegstation. Die Stimmung war wieder besser, aber den Zauberer schien eine innere Unruhe zu plagen. Immer wieder sprang er auf, lief auf und ab und überprüfte zum x-ten Mal den Sitz der Riegel. Dazwischen brabbelte er in seinen Bart.
Haul wollte der Gefangenen Essen und Wasser geben, aber der Magier wiegelte ab: „Soll sie sehen, wo sie bleibt. Vielleicht macht sie dann morgen weniger Mätzchen.“
Keiner verspürte Lust die Schankstube aufzusuchen. Die Erzählungen von Varna und Chiero waren spannend und abwechslungsreich, und Parins Vater steuerte die eine oder andere Anekdote bei. Schließlich fingerte Varna eine abgegriffene Mundharmonika aus ihrem Beutel und begann zu spielen. Irgendwann fielen dem Jungen die Augen zu. Er sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
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Am nächsten Morgen fiel ihm das Aufstehen schwerer als sonst. Die anderen waren schon hellwach und guter Dinge. Nur Magister Geron hatte dunkle Ringe unter den Augen, als hätte er keine Ruhe gefunden. Noch einmal überprüfte er den Wagen und erneuerte den Zauber, der Riegel und Vorhängeschloss schützte, ehe sie sich auf den Weg machten.
Parin fuhr wieder bei seinem Vater mit und durfte die Zügel übernehmen. Einen Gutteil des Vormittags hielten sie die Spitze, ehe sie sich hinten einreihten. An den Staub werde ich mich gewöhnen müssen , dachte Parin. Er lockerte seinen Griff um die Zügel, um eine bequemere Sitzposition einzunehmen. Kaum hatte er wieder Halt gefunden, zerriss das nervenzerfetzende Kreischen angreifender Harpyien das eintönige Knarren der Fuhrwerke.
Shingra stieg steil nach oben und der Wagen schlingerte gefährlich. Haul griff herüber, aber Parin hatte sich bereits in die Zügel geworfen, um das Durchgehen der Stute zu verhindern.
„Stille!“, dröhnte Magister Gerons Stimme – und das war das Letzte, was sie für die nächste Stunde hören sollten. Wütend schlug der Magier seinen Stab gegen das Wagendach, aber selbst das wurde von der Stille verschluckt. Wieder spürte Parin die Kraft des Zaubers bis in seine Knochen. Diesmal dauerte es, bis sich die Pferde beruhigten, und Haul schlug seinem Sohn anerkennend auf die Schulter. Das dazugehörige Lob konnte er nicht hören, aber in den Augen seines Vaters las er Stolz.
Vielleicht ist diese Semira ja wirklich gefährlich , dachte Parin. Noch am Morgen hatte er vergeblich versucht, einen Blick auf die schöne Gefangene zu erhaschen, doch jetzt, angesichts der überstandenen Gefahr, kam ihm das töricht vor.
Kurz darauf zweigte eine Straße nach Norden ab. Haul öffnete den Mund, brach aber ab, da noch immer kein Ton zu hören war. Chieros Wagen scherte nach links. Der Händler wollte ihnen etwas zurufen, musste sich aber mit Handzeichen begnügen. Er würde der Abzweigung folgen. Varna erhob sich und winkte ihm zum Abschied. Dann setzte sie ihr Fuhrwerk in Bewegung und Parin folgte ihr.
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In der Ferne waren bereits die Türme der Stadt zu sehen, als die Stille wich. „Die Straße vorhin führt nach Rotfurt“, erläuterte Haul. „Sie ist nicht viel kürzer, wird aber gerne von Schmugglern benutzt um Hesgard zu vermeiden.“ Er stutzte, als Parin ihn fragend ansah. „Das heißt nicht, das Chiero ein Schmuggler ist, aber wir können es auch nicht ausschließen“, ergänzte er. „Die Garde kennt den Weg ohnehin.“
Haul wandte sich an Geron und deutete vorwurfsvoll auf den Wagenkasten. Der Magier schlug auf das Dach: „Wenn du noch einen einzigen Trick versuchst, lass ich den ganzen Wagen in Flammen aufgehen. Hast Du mich verstanden?“ Seine Stimme hatte einen schneidenden Unterton und das Mädchen verzichtete auf eine Entgegnung. „Auch gut“, schimpfte Geron. „Wir schmollen also.“
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