„Wenn Du die Kiste abfackelst, helf‘ ich Dir!“, brüllte Varna von vorn. „Die Kleine ist ja gemeingefährlich!“
Parin gab die Zügel an seinen Vater ab und brütete vor sich hin. Seine erste große Fahrt hatte er sich anders vorgestellt. Er war sich seiner Gefühle für das Mädchen so sicher gewesen, doch hatte sie bedenkenlos ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel gesetzt.
Endlich lag die Hauptstadt vor ihnen und eine gute Stunde später schälte sich das mächtige Westtor aus dem Schatten der Mauer. Zahlreiche Menschen strömten in die Stadt oder verließen sie und manch Einer wies raunend auf ihren Wagen. Die haben wohl noch nie das Wappen von Rand gesehen, oder es ist der Gefängnisaufbau, der sie interessiert , dachte sich Parin.
Dann hatte Varna die Kontrolle passiert und zwei Gardisten traten an seinen Wagen. „Wer? Woher? Wohin? Ladung?“ Die Aufforderung kam beiläufig, aber Parin bemerkte den wachen Blick der Soldaten.
„Geron der Wandler, Magister und Lehrmeister an der Akademie zu Rand“, antwortete der Magier ähnlich routiniert. „Überstellung einer Gefangenen von Rand nach Hesgard.“
„Eine Magierin, also alleinige Sache der Gilde“, ergänzte er, als sich einer der Stadtwächter dem hinteren Teil des Wagens zuwendete. Der ließ sich nicht beirren und umrundete das Gefährt. Plötzlich hielt er inne. „Gefangene, welche Gefangene? Hattet ihr einen Unfall?“
Standesbewusste Zurückhaltung und Alter wichen einer überraschenden Behändigkeit, als der Zauberer vom Kutschbock sprang. Parin glitt vom Bock und hatte kaum den Boden berührt, als er den Magister fluchen hörte. Dann sah auch er das Ausmaß der Bescherung: Große Teile der Türe fehlten und aus den Resten der Rückwand ragten ellenlange Splitter, als ob sie von innen heraus zerschmettert worden wäre. Nur die Riegel und das Vorhängeschloss hingen ebenso unbeschädigt wie nutzlos in ihren Halterungen, geschützt von dem intakten Verschlusszauber. Geron starrte mit offenem Mund auf die angerichtete Verwüstung und den leeren Innenraum.
„Mann, das müsst Ihr doch gehört haben?“, meinte der Soldat beiläufig.
Er wich erschrocken zurück, als der Magier einen fremdartigen Fluch ausstieß, während das letzte bisschen Farbe aus seinem Gesicht wich. Parin starrte betreten zu Boden. Er war nicht der Einzige, der den Zusammenhang zwischen dem Stillezauber und dem völlig lautlosen Ausbruch der Gefangenen erkannte.
* * *
Chiero Albacca, Kaufmann aus Marin
Chiero Albacca schüttelte den Kopf. Er befuhr die Straßen Arans seit mehr als zwanzig Jahren, aber so etwas war ihm noch nicht untergekommen. Schade eigentlich , dachte er. Diese Varna war unterhaltsam und nicht unhübsch . Er selbst war frei und ungebunden, und man konnte nie wissen, was sich auf einer gemeinsamen Fahrt ergab. Egal. Dieser Magister Geron konnte einem die Laune verderben und seine Gefangene schien wirklich gefährlich zu sein. Warum übergibt man eine überführte Hexe nicht gleich den Flammen , fragte sich Chiero, anstatt sie ohne angemessene Bedeckung durch die Gegend zu kutschieren. Aber das war nicht mehr seine Sorge. Die vertrauten Geräusche des Wagens und der Zugpferde setzten nach der Trennung von den Anderen wieder ein und damit kehrte auch seine gute Laune zurück.
Ein Wäldchen an der Straße lud zu einer Rast ein und die Tiere konnten eine Pause vertragen. Chiero richtete sich im Schatten der Bäume ein und klaubte ein paar Ästchen für ein Feuer zusammen. Nach bewährter Manier legte er Armbrust und Kurzschwert griffbereit und freute sich schon auf eine Suppe und frischen Tee.
Als er den Kessel vom Feuer nahm, hörte er von hinten ein Geräusch. Behutsam griff er nach der Armbrust.
Da! Da war es wieder. Ein Tier? Wohl kaum. Räuber? Schon eher.
„Hallo!“, erklang eine helle Mädchenstimme. Chiero drehte sich um. Die junge Frau mit den blonden Haaren mochte sechzehn sein, vielleicht auch jünger.
„Bitte tut mir nichts. Ich brauche Eure Hilfe.“ Ihre Stimme zitterte vor Angst und Aufregung. Er musterte sie. Ihre Haare waren zerzaust, das Kleid zerrissen und verschmutzt, und ihr Gesicht war unter den Schlammkrusten kaum zu erkennen. Sie mochte hübsch sein, vielleicht sogar schön, aber so bot sie ein Bild des Elends. „Bitte“, flehte sie. „Bitte nehmt mich mit.“
Chiero sah sich um. Natürlich konnte sie ein Mensch in Not sein. Andererseits kannte er Geschichten über Räuberbanden, die hübsche Mädchen als Lockvögel einsetzten. Immer wieder hatte er sich vorgenommen, eine derart abgefeimte Schlange über den Haufen zu schießen. Aber was, wenn sie wirklich Hilfe suchte? Wenn ihre Geschichte stimmte? Sein Mitgefühl gewann die Oberhand.
„Setz Dich!“, knurrte er. Er kramte einen zweiten Teller aus seinem Beutel, was mit einer gespannten Armbrust in der Hand gar nicht einfach war.
„Hungrig?“ Seine Augen wiesen auf den dampfenden Kessel mit der Suppe. Keine Zehntelstunde später, hatte sie ihren Teller ausgelöffelt und auch seinen.
Der Schrei eines Raubvogels ließ ihn zusammenfahren. Er sah sich um, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Wird Zeit, dass ich mich beruhige , dachte er. Ich muss ja nicht gleich leichtsinnig werden.
„Wer bist Du? Was hat Dich hierher verschlagen?“, wandte er sich an das Mädchen.
„Ich heiße Mirja“, begann sie stockend. „Ich war mit meiner Tante und meinem Cousin auf dem Weg nach Rotfurt, als wir überfallen wurden. Wir hatten nur einen Söldner als Begleitung, mehr konnten wir uns nicht leisten, und der wurde sofort von zwei Pfeilen getroffen. Dank unserer Pferde konnten wir fliehen, aber mein Tier ist durchgegangen. Zwischen den Bäumen habe ich die Anderen aus den Augen verloren.“
Ein leises Schluchzen unterbrach ihre Erzählung. Das arme Kind ist deutlich jünger als sechzehn , dachte der Händler. Er widerstand dem Drang, sie schützend an sich zu ziehen.
Sie fuhr mit zittriger Stimme fort: „Mein Pferd ist gestürzt, hat sich das Bein gebrochen. Ich hatte nicht einmal mehr einen Dolch, um ihm den Gnadenstoß zu geben. Das arme Tier hat sich die Seele aus dem Leib gewiehert und damit wieder die Räuber angelockt. So musste ich noch tiefer in den Wald fliehen, und dann habe ich mich verirrt.“ Mirja rang mit den Tränen. „Ich weiß nicht, ob meine Tante und mein Cousin noch leben, ob ich sie jemals wiedersehe.“ Sie warf sich Chiero an die Brust und begann haltlos zu weinen.
Er streichelte ihre verfilzten Haare und redete auf sie ein. „Ich nehme Dich bis Rotfurt mit“, versprach er. „Dort erkundigen wir uns nach Deiner Tante. Sobald wir einen Nebenarm des Laudon finden, verpass‘ ich Dir ein anständiges Bad.“
Das Mädchen sah ihn eindringlich an, und er wurde sich ihrer außerordentlichen Schönheit bewusst. „Danke“, hauchte sie, während sie ihm half, das Essgeschirr zu säubern.
Soviel zur Vorsicht , dachte Chiero, als er seine Armbrust aufnahm und die Sehne entspannte. Sie hätte nicht einmal Komplizen gebraucht, um mir ein Messer zwischen die Rippen zu jagen .
* * *
Dort wo sich die Straße dem Laudon näherte und entlang des Flusses nach Osten schwenkte, lag ein uraltes Gasthaus. Die Schrift unter dem seltsamen Wesen am Wirtshausschild lautete „Zum einsamen Dachs“ , aber die Stammgäste kannten es als „Dachsbau“ . Nicht unweit davon führten Karrenwege in die Auwälder. Die Mehrzahl mochte der Gewinnung von Holz, Schilf oder Torf dienen, aber andere führten zu geheimen Furten über den Strom. Nicht zuletzt deshalb war der Hof bei manchen Reisenden beliebt. Kaiserliche Soldaten wagten sich nur in voller Truppstärke hierher, während für die Händler kaum eine Gefahr bestand. Dennoch hielt Chiero seine neue Begleiterin für zu hübsch, um einfach so in den Dachsbau zu marschieren. Also machte er an einem kleinen Weiher halt und holte eine Flasche aus seinem Gepäck. „Schwarzwurz“, sagte er. „Kriegst dunkle Haare davon und fällst dann weniger auf. Wäscht sich wieder heraus. Jetzt mach Dich sauber.“ Er sah ihr nach, bis sie im Uferdickicht verschwand. Dann holte er einen Kanten Brot und etwas Speck hervor, da ihn sein Magen deutlich an die vermisste Suppe erinnerte.
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