Gerhard Kunit - Schatten und Licht

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Die Schreibweise, die das Leben der so unterschiedlichen Magierinnen Semira und Sylva aus der Perspektive verschiedenster Nebencharaktere schildert, ist ebenso faszinierend, wie die Möglichkeit das Schicksal der beiden Heldinnen von frühester Kindheit an mitzuerleben ohne sich in einem Jugendbuch zu verlieren. So eröffnet sich der Leserin und dem Leser eine fantastische Welt, deren exotische Vielfalt und Farbenpracht sogar an Tolkiens Mittelerde heranreicht. Die Ausprägung der Gildenmagie ist an die Regelwerke der Tabletop Rollenspiele angelehnt, während die Naturmagie verblüffend an Methoden erinnert, die sich uns heute im Rahmen der Humanenergetik erschließen.
"Schatten und Licht – Töchter der Göttin" ist mit seinen vielfältigen Aspekten ein zeitgemäßer Meilenstein epischer Fantasy.

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Nachdenklich sah sie zu Semira. Die Novizin starrte ausdruckslos in die Bresche, welche die Explosion in den Laborflügel gerissen hatte. Im Licht der Flammen wirkte ihr Profil unwirklich, und ihr Haar leuchtete vor dem Nachthimmel wie flüssiges Gold.

Kein Wunder, dass sie Jedem zwischen fünfzehn und fünfundsechzig den Kopf verdreht , dachte sie in einem Anflug von Neid, ehe ihre Gedanken zu dem Unfall zurückkehrten. Semira? Enttäuschte Liebe war ein starkes Motiv. Sybilla schüttelte den Kopf. Während des Unfalls und die Stunden davor war sie bei ihr gewesen. Dennoch wollte ein flüchtiger Gedanke ihren Verdacht erneut auf die Novizin lenken. Törichtes Weib , schalt sie sich. Ich sollte ihr dankbar sein. Ihrer Geistesgegenwart verdanke ich mein Leben.

* * *

Die Magierin lag noch viele Stunden wach. Fenrik ya Turdon könnte die Explosion absichtlich ausgelöst haben. War er tatsächlich in die Verschwörung gegen den Stadtmeister verwickelt? Hatte er seine Auslieferung befürchtet? Wollte er Beweise zerstören? Sybilla Ternakis war froh, dass sie ihren Verdacht gegen Semira nicht vorschnell ausgesprochen hatte. Es widerstrebte ihrem Naturell, sich für logische Schlussfolgerungen zu entschuldigen. Genau genommen widerstrebte es ihr generell, sich zu entschuldigen.

Fenrik ya Turdon war tot. Sie lebte. Besser als umgekehrt. Sie rollte sich auf die andere Seite und schlief endlich ein.

* * *

Zauber und Stab

Jahr 26 des Kaisers Polanas, Winter

Lothran, Novize an der Akademie des Kampfes zu Bethan

„Wie kämpfen Magier?“, lautete Magistra Feuerstaubs Frage.

Mit Magie natürlich , war Lothrans erster Gedanke, aber diese Antwort war natürlich viel zu einfach. Sein Blick wanderte von Nikki über die hoch aufgeschossene Sylva zur blonden Satina. Selbst Farin, der Streber, hielt sich im Hintergrund. Die meisten von ihnen besuchten die Bethaner Akademie seit mehr als zehn Jahren, doch nun drohten sie an einer trivialen Frage zu scheitern.

Wie kämpfen Magier? Die einfache Antwort? Warum nicht? „Mit Magie“, durchbrach Lothran das peinliche Schweigen. Nikki und Farin verdrehten die Augen.

„Richtig Lothran, mit Magie“, stimmte Magistra Feuerstaub unerwartet zu. „Doch wie setzen wir sie effektiv ein?“

„Zur Verteidigung?“, meinte Sarina zögerlich.

„Das ist eine Möglichkeit“, erläuterte die rothaarige Kampfmagierin. „Defensive Magie kostet weniger Kraft als aktive Angriffsschläge. Wenn Ihr eine Folge offensiver Zauber abwehren könnt, verschiebt sich das Kräfteverhältnis zu Euren Gunsten. Welche Taktik würdet Ihr also wählen?“

„Die Verteidigung“, bekräftigte Sarina zuversichtlich und Lothran nickte. Auch die übrigen schlossen sich der Meinung an.

Nur Sylva schüttelte den Kopf. Die Magistra sah sie herausfordernd an. „Du bist anderer Meinung?“

„Angriff“, sagte die Novizin bestimmt. „Ich wähle den Angriff.“

Farin verzog den Mund und verlieh damit seinem Missfallen über ihre Borniertheit Ausdruck.

„Kannst Du uns erklären, warum Du den Angriff vorziehst?“, hakte die Feuerstaub nach.

„Ihr sagtet, das Kräfteverhältnis neigt sich nach einer Folge von Angriffen. Bis es so weit kommt, habe ich also mehrere Chancen den Kampf zu entscheiden, während sich der Verteidiger keinen einzigen Fehler erlauben darf. Ich siege durch einen Angriffsschlag, bevor meine Magie zur Neige geht.“

„Möchte jemand etwas hinzufügen?“, forderte die Magistra auf.

Stille senkte sich über die kleine Gruppe. Lothran überlegte. Er mochte Sylvas unkomplizierte Art, aber in theoretischen Fragen war sie eine der Schwächsten. Andererseits gefiel ihm ihre Argumentation, während Farin offensichtlich gegenteiliger Meinung war.

„Ich denke, Sylva hat recht“, meinte Lothran zögerlich. „So gesehen sollte man angreifen.“

„Und genau deshalb befasst sich Eure Ausbildung primär mit offensiver Magie“, löste Esperia Feuerstaub auf. „Ihr werdet lernen, feindliche Magier mit einer raschen Folge von Angriffszaubern auszuschalten, ehe er Euch durch eine Defensive aus der Reserve locken kann. Euer Gegenüber wird sich allerdings nicht auf die Abwehr beschränken. Seid also auf der Hut vor Gegenschlägen.“

„Was entscheidet ein Duell zwischen Kampfmagiern, wenn beide angreifen?“, wollte Sarina wissen.

„Hauptsächlich die Geschwindigkeit“, antwortete die Magistra. „Oder man blockt ersten Schlag ab und geht zum Gegenangriff über. Es ist nicht viel anders, als bei einem Schwertkampf zwischen guten Fechtern. Angriffszauber unterschiedlicher Natur erschweren die Abwehr. Letztlich liegt es an Euch, wie rasch ihr Euch auf Situationen einstellt, und wie schnell Ihr Eure Taktik an die Eures Gegners anpasst.“

Magistra Feuerstaub gab ihnen Zeit, ehe sie fortfuhr: „Wofür sind Artefakte im Kampf nützlich? Farin?“

„Jedenfalls von Wert sind Fokusierungsartefakte, oft in Form personifizierter Ridiks“, rezitierte er aus dem Lehrbuch. „Sie können die Wirkung von Zaubern verstärken, verlängern oder den Kraftaufwand verringern. Damit verschaffen sie ihrem Besitzer einen klaren Vorteil. Spruchartefakte hingegen speichern einen Zauber, der rasch abgerufen werden kann und sind nach dessen Gebrauch wertlos, bis sie neu aufgeladen werden. Im Kampf sind Fokusierungsartefakte daher vorzuziehen.“

„Welches Artefakt würdest Du, neben Deinem Zauberstab, für ein Duell gegen einen Kampfmagier von unserer eigenen Schule auswählen?“

Farin antwortete umgehend: „Der Stab wirkt verstärkend. Das zweite Artefakt müsste also einen kraftsparenden Fokus bilden.“

Lothran nickte zustimmend. Das ergab Sinn, da man gegen einen gleich starken Kontrahenten auf Dauer die Oberhand gewann. Nur Sylva war schon wieder anderer Meinung.

„Was würdest Du wählen?“, fragte die Magistra.

„Gegen einen Kampfmagier würde ich ein Spruchartefakt wählen.“, antwortete die schwarzhaarige Novizin bestimmt.

„Welche Aufladung?“, hakte die Lehrkraft nach.

„Universaler Defensivzauber. Kurze, aber sehr starke Absorbtionswirkung.“

Farin stöhnte missbilligend. Seine Abneigung gegen Sylva war bekannt, aber diesmal schüttelte auch Lothran den Kopf. Der Gedanke, vor tödlichen Angriffszaubern geschützt zu sein, war verlockend, doch was nutzten ein paar Augenblicke trügerischer Sicherheit?

„Kannst Du Deine Entscheidung begründen?“

Lothran horchte auf. Magistra Feuerstaub, die jeden unsinnigen Ansatz sofort abkanzelte, ging auf Sylva ein.

„Ich warte, bis der Gegner seinen ersten Schadenszauber ansetzt. Anstelle der Abwehr greife ich mit voller Kraft an. Das müsste ihn überrumpeln und, sofern er nicht anderweitig geschützt ist, entscheidend treffen, während mein Artefakt seine Attacke blockt: Ich habe gewonnen.“

Zumindest gegen mich , gestand sich Lothran erschrocken ein und rieb sich das Kinn.

Magistra Feuerstaub ließ sie das Für und Wider der unterschiedlichen Taktiken diskutieren.

„Wie ich sehe, kommt Ihr zu keinem eindeutigen Ergebnis“, fasste sie schließlich zusammen. „Das entspricht auch den Anforderungen in der Welt da draußen: Eine richtige Taktik an sich gibt es nicht. Ihr werdet Euren Gegner also überraschen müssen. Klar soweit?“

Lothran nickte und Andere murmelten zustimmend.

„Gut“, fuhr die Magistra fort. „Dann könnt Ihr all das gleich wieder vergessen.“

Wie bitte? Lothran hatte gerade seine Angriffstaktik verworfen und über Alternativen gegrübelt.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr einem feindlich gesonnen Magier Auge in Auge gegenübersteht ist gering“, erläuterte die Kampfmagierin. „Überwiegend werdet ihr mit Banden von Wegelagerern, Räubern oder Piraten zu tun haben. Solche Konflikte werden meist durch Eure bloße Präsenz entschieden. Ein einfacher Kältezauber, falls möglich auf den Anführer des Haufens, genügt zur Einschüchterung und die Gardisten können die Schurken einsammeln. Obwohl unsere Zauber zerstörerisch wirken, dienen sie so der Vermeidung von unsinnigem Blutvergießen und aufreibenden Nahkämpfen.“

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