da es der Mann ebensosehr unter seiner Würde hält,
Kinder zu tragen wie Mais zu pflanzen. Doch da wissen
sich einige Squaws genausogut zu helfen wie die
amerikanischen Ladies seit der Zeit, wo bei ihnen der
nationale Grundsatz, unter keinen Umständen mehr
als höchstens zwei Kinder zu besitzen, zur allgemein
befolgten Regel geworden ist. Aber weder die Faulheit
noch die Furcht vor Mutterpflichten treibt sie zu
jenem teuflischen Verbrechen; auch nicht die Bequemlichkeit
oder die allmächtige Mode mit ihren
mannigfachen Ansprüchen; auch nicht gesellschaftliche
Rücksichten wie Bälle, Teevisiten usw., die doch
unter keinen Umständen vernachlässigt werden dürfen
– nein, was die rote Frau dazu treibt, sind die Not,
die pure Not, und ihr gesamtes nationales Unglück,
das ihr Kind der genügenden Kleidung, Nahrung,
Pflege und Ruhe beraubt.
Wer hilflos ist, ist überflüssig in der Welt, und in
diese Kategorie gehören bei den Indianern außerdem
auch noch die Greise. Einem bejahrten Dakota gaben
einst seine Kinder eine Flinte in die Hand, damit er
sich gegen sie verteidigen könne, damit sie, wie sie
sagten, ihn in ehrenhafter Weise loswürden – dieselbe
Methode also, die jetzt die Zivilisation gegen die
ganze Rasse anwendet und wobei jene auch ihren sicheren
Untergang finden wird. Es wird wahrhaftig
kein Jahrhundert mehr dauern, so wird der mächtige
amerikanische Adler die Seele der letzten Rothaut
zwar nicht in die Höhe zum Großen Geist, wohl aber
ins Reich der gänzlichen Vergessenheit getragen
haben.
Fußnoten
1 Montezuma ließ ja bekanntlich deshalb die Unabhängigkeit
der Republik Tlascala bestehen, damit er
immer einen Feind hatte, der ihm Gefangene zum Opfern
lieferte.
1
Das weiße Steinkanu
Vor vielen, vielen Jahren lebte am Michigansee ein
wunderschönes Mädchen, das mit einem tapferen,
jagdtüchtigen jungen Mann verlobt war. Der Tag
ihrer Hochzeit war auch bereits festgesetzt worden;
als aber dieser endlich herankam, starb die hübsche
Braut plötzlich. Das raubte denn dem Bräutigam alle
Ruhe und alle Lebenslust. Stundenlang saß er unter
dem Totengerüst, auf das die alten Frauen ihren
Leichnam zur Verwesung hingelegt hatten, und nahm
weder Speise noch Trank zu sich. Seine Kameraden
kamen häufig zu ihm und sagten, er sollte doch klüger
sein und seine Gedanken lieber auf die Jagd oder den
Krieg lenken, als seine jungen Tage so mit unnützem
Trauern zu vergeuden. Aber sein Herz war tot für solche
Beschäftigungen, und unwillig schleuderte er
Keule, Pfeil und Bogen von sich, da sie ihm keinen
Ersatz für das Verlorene zu gewähren vermochten.
Nun hatte er einst von alten Leuten gehört, daß es
einen geheimen Pfad gäbe, der zum Land der Seelen
führe. Diesen gedachte er nun zu verfolgen. Er bereitete
sich also vor und marschierte südwärts, was der
Tradition nach die rechte Richtung war. Für eine
Weile begegnete ihm weiter nichts Außergewöhnliches;
Berge, Täler und Bäume sahen geradeso aus wie
bei ihm und die Tiere und die Vögel ebenfalls.
Als er seinen Wigwam verlassen hatte, lag rundum
alles in Schnee und Eis, welch winterliche Zeichen
sich jedoch allmählich verloren; der Schnee schmolz
durch die Strahlen der erstarkenden Sonne, die Bäume
bekamen nach und nach grüne Blätter, und ohne daß
er wußte, wie es eigentlich zuging, stand rings um ihn
her die ganze Natur in der anmutigsten Frühlingspracht.
Die Blumen erglänzten in ungeahntem Farbenschmuck,
und die Vögel erfüllten die Luft mit den
herrlichsten Liedern. Unser Wanderer war also auf
dem rechten Weg.
Bald entdeckte er auch einen geebneten Fußpfad,
der ihn durch ein allerliebstes Wäldchen auf eine Anhöhe
führte, auf der er eine sorgfältig gebaute Hütte
wahrnahm. Ein alter Mann mit schneeweißem Haar
und eingesunkenen Augen, aus denen aber doch noch
das Feuer der Jugend zu lodern schien, kam ihm
freundlich entgegen und hieß ihn willkommen. Um
seine Schultern hing ein weiter Mantel aus den feinsten
Tierfellen, und in seiner Hand führte er einen silberglänzenden
Stab.
Der junge Mann nahte sich dem Alten ehrfurchtsvoll
und brachte in ehrerbietigster Weise sein Anliegen
vor.
»Oh«, sagte der Greis, »ich kenne deinen Wunsch
bereits; ich habe dich schon lange erwartet und war
eben ausgegangen, um nach dir zu sehen. Diejenige,
die du suchst, hat sich vorgestern bei mir ausgeruht
und neue Kräfte zu ihrer Reise ins Land der Seelen
gesammelt, und das mußt du denn auch tun.«
Darauf setzten sie sich zusammen vor die Tür des
Wigwams, und der Alte fuhr fort: »Sieh – dort, wo
sich die große blaue Ebene bis ins Unendliche ausdehnt,
dort ist das Paradies, ihre Heimat. Hier stehst
du an der Grenze; mein Haus bildet die Eingangspforte.
Deinen Körper aber kannst du nicht mit hinnehmen,
auch deinen Hund und deine Waffen nicht; ich
werde dir daher dies alles bis zu deiner Rückkehr
treulich aufbewahren.«
Darauf zog sich der Greis in seine Wohnung zurück,
und der junge Mann marschierte rüstig weiter.
Sein Gang war so leicht, als ob er plötzlich Flügel bekommen
hätte, und je weiter er ging, desto heller
glänzte alles um ihn. Die Tiere gingen so traulich an
ihm vorbei, und die Vögel flogen so nahe an ihn
heran, daß es ihm vorkam, als sähen sie ihn gar nicht.
Weder Berg noch Baum nötigte ihn zu einem Umweg;
er ging gerade mittendurch, denn es waren ja auch nur
die Geister der Bäume und der Berge, die sich ihm
entgegenstellten.
Als er so eine halbe Tagesreise hinter sich hatte,
kam er an das Ufer eines breiten Sees, in dessen Mitte
ein wunderschönes Eiland lag. Er setzte sich in ein
weißes Steinkanu, von dem ihm der Alte vorher beim
Abschied einige Worte nachgerufen hatte, und ergriff
die Ruder, um hinüberzufahren. Beim Herumdrehen
sah er jedoch auf einmal seine Geliebte in einem anderen
Kanu neben sich. Die Wogen des Sees gingen
immer höher und höher, vermochten aber nicht über
den weißen Rand der Schifflein zu schlagen. Viele andere
Seelen begegneten ihnen auch noch, und einige
davon wurden von den schäumenden Wellen verschlungen.
Nur die Kanus der kleinen Kinder blieben
von diesen Stürmen vollständig verschont.
Auch unser Paar überstand glücklich alle diese Gefahren
und betrat freudig das himmlische Eiland, wo
es keine Stürme und keinen Regen mehr gab; wo keiner
fror, keiner Hunger litt und keiner über einen Todesfall
zu klagen brauchte. Dort sah man keine Gräber;
auch hörte man von keinem Krieg. Auf die Tiere
wurde nicht Jagd gemacht, denn die nahrhafte Luft
des Paradieses sättigte alle vollkommen.
Gern wäre der junge Krieger hiergeblieben, aber
der Meister des Lebens rief ihm plötzlich zu: »Geh
zurück in das Land, aus dem du gekommen bist, da
du deine Pflichten dort noch nicht erfüllt hast. Höre
dann auf die Lehren, die dir mein Türhüter geben
wird, wenn er dir deinen Körper zurückerstattet; und
wenn du danach handelst, dann wirst du auch späterhin
den Geist wiedersehen, den du jetzt zurücklassen
mußt; er wird dann noch so jung, schön und glücklich
sein wie an dem Tag, als ich ihn zu mir rief!«
Als diese Rede des Großen Geistes verhallt war –
erwachte der rote Jüngling. Seine schöne Reise in das
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