Namen Manobozho, Hiawatha oder Tarenyawagon
beigelegt, Namen, die ein sehr reichhaltiger poetischer
Sagenkreis umgibt. Seine Riesenarbeiten, die er in
jener Gestalt verrichtete, erinnern an die eines Herkules,
eines Thor oder eines Vischnu.
Der indianische Hiawatha ist der mexikanische
Quetzalcoatl; er lehrte wie jener Ackerbau und Religion,
zerstörte aber nicht wie der später durch einen an
einem Spinnengewebe vom Himmel gekommenen
Zaubertrank verrückt gemachte Azteke seine Werke
wieder, sondern ließ sie für alle Ewigkeit bestehen.
Hiawatha heiratete auch, aber er machte es nicht
wie sein göttlicher Kollege Vischnu, jener flötenblasende
Mädchenjäger, der sich 16000 Weiber anschaffte,
oder wie der geile Zeus, der sogar seine
Schwester zur Frau nahm, sondern er war genügsam
und nahm sich nur eine Frau, um seiner Nation ein
würdiges Beispiel zu geben, nach dem sich aber seine
»heiligen Nachfolger«, die Herren Medizinmänner,
nicht gerne richten, denn sie glauben ebensogut wie
die Chiefs das Privilegium zu haben, Polygamie treiben
zu dürfen.
Wie Zeus durch das Rauschen der Eiche zu Dodona
seinen Willen kundgab, so macht sich Gitschi Manitu
durch das Rauschen der Blätter oder durch die
Gestalt hinziehender Wolken oder den Flug der Raubvögel
verständlich. Auch geben die Medizinmänner
vor, mit ihm in direkter Verbindung zu stehen, aber
ihre Mitteilungen darüber sind bereits seit geraumer
Zeit so sehr in Mißkredit geraten, daß kein Indianer
mehr großen Wert darauf legt. Doch sind diese mitunter
so origineller und zuweilen auch so poetischer
Natur, daß wir uns erlauben, einige Worte darüber
mitzuteilen.
Ungefähr im Jahre 1800 kam ein solcher Medizinmann
zu den Irokesen, der gab vor, großartige Offenbarungen
vom Großen Geist zu haben und auch von
ihm mit der Aufgabe beehrt zu sein, seinen Willen zu
predigen. Er hieß Gäneodigo oder Schöner See und
gehörte zum Schildkrötentotem der Senecas. Seine Jugend
hatte er, wie er selbst erzählte, verfaulenzt, verbummelt
und verliederlicht und dabei seinen Körper
so ruiniert, daß er stündlich seinen Tod erwartete.
Statt dessen erschien aber ein Abgesandter des Großen
Geistes bei ihm und brachte ihm einen Strauch
mit Stachelbeeren, die er essen mußte, worauf er wieder
genas. Dann erteilte ihm der Bote die priesterliche
Weihe und zeigte ihm den Schreckensort der Missetäter
und das Paradies der Guten, damit er späterhin genaue
Auskunft darüber geben könne. Darauf trat Gäneodigo
sein neues Amt an und predigte über dreißig
Jahre lang.
Er und Sosehawä, sein Neffe und Nachfolger, wüteten
hauptsächlich gegen das Feuerwasser, das kein
anderer als der Teufel den Bleichgesichtern in die
Hände gegeben habe. Der Weiße gebe es auch nur
deshalb den Indianern, um bequem Zank und Streit
unter ihnen zu stiften und sie in ihre Zuchthäuser
bringen zu können. Keiner, der auch nur Feuerwasser
trüge, komme in den Himmel. Wenn die Trinker am
großen Scheideweg anlangen, wo Gott und Teufel
über sie zu Gericht sitzen und über ihre Zukunft entscheiden,
wird sie der Teufel gleich beim Namen nennen
und ihnen eine dickleibige Schnapsflasche kredenzen,
deren Inhalt ihnen wie ein feuriger Strom aus
dem Mund fließen wird, wobei sie vergeblich um
Hilfe schreien. Frauen, die den Rothäuten Schnaps
verkauft haben, verlieren in der Ewigkeit Fleisch und
Blut und müssen als schreckliche Knochengestalten
umherlaufen.
Ähnlich wütete auch Tecumseh, der Prophet, der
die Sonne unter seine Füße bringen konnte, gegen das
Feuerwasser und teilte mit, daß er bei seinen häufigen
Reisen in die Wolken jedesmal zuerst die Wohnung
des Teufels erblickte, die von Säufern angefüllt sei,
denen ewig brennende Flammen aus den Mäulern
leuchteten.
Schlechten Weibern und zanksüchtigen Männern
wachsen nach dem Tod die Zungen und die Augen so
weit heraus, daß sie weder sprechen noch sehen können;
faule Frauen müssen ewig Korn schneiden, das
gleich wieder nachwächst. Weiberprügler müssen
ständig auf weißglühende Frauen schlagen, daß ihnen
die Funken Arme und Beine verbrennen. Die Hexen
werden in einen Kessel mit kochendem Wasser geworfen,
und ihr teuflischer Freund wird ihnen trotz inbrünstigster
Bitten keinen kalten Platz anweisen. Die
Landverkäufer müssen große Sandberge abtragen, die
aber nächtlich immer wieder nachwachsen, usw.
So wie allmählich das Ansehen der Medizinmänner
schwand und der Bogen mit der Flinte vertauscht
wurde, so schwanden auch die alten »medizinenen«
Sitten und Bräuche und die Heilighaltung und Verehrung
der Götter. Sogar der Medizinsack, das Heiligste,
was die Rothaut des Nordwestens je besessen hat
und das kein Bleichgesicht anrühren durfte, ohne mit
dem Leben dafür zu büßen, haben die meisten als
nutzloses Anhängsel abgeworfen und, wo es ging, mit
der lieben Whiskyflasche vertauscht. Die indianischen
Götter müssen sich nun kümmerlich von stinkendem
Tabaksrauch nähren, und wenn ihnen zuweilen noch
ein Pfeil, ein Stück Fleisch oder wohl gar ein Hund
geopfert wird, so sind diese Dinge sicherlich für jeden
anderen Gebrauch total wertlos. Höchstens wird vielleicht
dann eine Ausnahme gemacht, wenn irgendein
großes Unglück über einen Stamm gekommen ist und
sich dieser wieder mit seinen Göttern versöhnen
will – also aus Gründen der Spekulation.
Der Indianer verehrt wie der Perser, der Araber, der
Mexikaner und der Peruaner hauptsächlich die Elemente,
bringt diesen aber nicht wie letztere Men-
schenopfer dar1, wenigstens geschah dies früher äußerst
selten. So erschoß einst ein Dakota, als es
furchtbar donnerte und blitzte, seinen Sohn, um den
Donnergott zu bewegen aufzuhören. Auch stellten
einst die Indianer am Missouri, um sich einer gesegneten
Ernte zu vergewissern, eine nackte Jungfrau auf
einen brennenden Holzhaufen und rissen ihr, als sie
halb verbrannt war, das Fleisch von den Knochen und
streuten es über die Kornfelder.
Die Hauptverehrung der Götter geschieht durch
Tänze, deren der Indianer beinahe so viele zählt, als
er Haare in der Skalplocke hat. Der Tanz bildet einen
Teil seiner nationalen Existenz, und viele behaupten,
daß, sowie sie ihre Tänze aufgeben, ihre ganze Rasse
dem Untergang nahe sei. Da haben sie denn in erster
Reihe den religiösen Federtanz und den patriotischen
Kriegstanz, bei welch letzterem die hochzeitlichsten
Mokassins, Giseha und Gägetä angezogen werden
und Tomahawk und Skalpiermesser so blank geputzt
sind, daß sie strahlen wie die Mittagssonne, und bei
dem die Mäuler in jenem grauenhaften Kriegsruf noch
einmal so weit wie gewöhnlich aufgerissen werden.
Dann haben sie den Fischtanz und den Büffeltanz, der
jene Tiere herbeilocken soll; dann den Rasseltanz, den
Ententanz, den Skalptanz, den Bärentanz, den Schildkrötentanz,
den Hundetanz, den Donnertanz, den Totentanz
usw.
Außerdem haben auch noch einige Stämme ein
jährliches Fest zur Erinnerung an die verheerende
Sintflut, mit der sie einst der Große Geist infolge ihrer
Schlechtigkeit heimsuchte. Eine solche Sintflut
scheint jedoch den Winnebagos unbegreiflich, denn
sie sagen, Gitschi Manitu müsse ein großer Narr gewesen
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