Jetzt macht Michael Reichert eine Pause und nimmt sein Besteck in die Hand. Auch Benjamin wagt es nun, das erste Mal ein paar Nudeln auf die Gabel zu nehmen und sie im Hackfleisch zu drehen.
„Weißt du, was das bedeutet, Benjamin?“
Reichert wartet keine Antwort ab.
„Er ist geradezu verrückt nach diesem Song und möchte ihn unbedingt mit dem damaligen Interpreten George Lavelle neu aufnehmen. Benjamin, das ist nicht nur mein, sondern auch dein Ritterschlag, schließlich hast, du damals als Einziger in der Runde das Talent erkannt. Du hast ihn unter Vertrag genommen und du warst mit für den weltweiten Erfolg verantwortlich.“
Während Reichert sich warm redet, tauchen die Geister der Vergangenheit in Benjamins Kopf wieder auf. Wie der Zufall vor zehn Jahren in Benjamins Leben eingriff und es veränderte. Wie es diesen einen großen Moment in seiner beruflichen Laufbahn gab, von dem er, wie er jetzt sieht, noch immer profitiert. Oder auch nicht, das würde sich noch herausstellen.
Es war noch während seines Praktikums, dem er es letztendlich zu verdanken hatte, dass es mit seiner Popstarkarriere nie geklappt hatte. Seine Eltern waren das erste Mal stolz auf ihren Sohn, denn schließlich ging er plötzlich einer geregelten Arbeit nach, auch wenn es nur ein Praktikum war. Sein Vater sagte aber immer, dass ein Praktikum oft der erste Schritt zu einem Ausbildungsplatz sei. In Benjamins Fall sollte er sogar Recht behalten. Auch wenn Benjamin damals nur Zeit gewinnen wollte, damit man ihn als Künstler unter Vertrag nehmen würde, so machte er sich doch in einer der wöchentlichen Meetings unsterblich. Es waren die Worte seines Vaters, die ihm noch in den Ohren klangen, als er an dem großen Konferenztisch Platz nahm:
„Du musst da auch mal etwas riskieren, mal zeigen was du kannst. Wer wagt gewinnt Benjamin. Mach mal was Unkonventionelles. Denk an Elvis und wie er groß wurde, weil er anderes war als die anderen. Wenn Du bist wie die anderen, bekommst Du auch nur das, was alle bekommen. Denk an meine Worte.“
Schon damals war es der amerikanischen Plattenfirma zu eigen, auch die auf den ersten Blick unbedeutenden Mitarbeiter mit einzubeziehen und sie an Konferenzen teilhaben zu lassen, in denen es ausschließlich um Musik ging. In einer solchen Konferenz saß Benjamin vor 10 Jahren und hörte sich zusammen mit all den Mitarbeitern die neu eingeschickten Kassetten an. Jeder der Angestellten konnte etwas zu den vorgespielten Songs sagen und die Praktikanten sollten auf diese Weise hören, worauf es in der Musikindustrie ankam. Nach Heavy Metal, Pop und Rap kam das letzte Stück dran. Es war von einem gewissen George Lavelle. Der Song hieß:„A man falls in love with Judy.“ Niemand in der Runde äußerte sich zu dem gerade gehörten Stück, da alle nur noch zum Mittag wollten und froh waren, dass diese lange Sitzung nun vorbei war. Sie packten bereits ihre Sachen zusammen, als Benjamin sich an den Rat seines Vaters erinnerte und laut in die Runde sagte: „Das wird ein Riesenhit. Es ist großartig.“
Sofort hatte er das Gefühl, es irgendwie übertrieben zu haben, die Worte seines Vaters zu ernst genommen zu haben und nun im Mittelpunkt zu stehen. Ein Zustand, den er unter normalen Umständen nur mit der Gitarre zum Schutz ertrug. Alle schauten ihn an und hörten auf ihre Sachen zusammenzupacken. „Ich meine, auf den ersten Blick ist es vielleicht nur ein banaler Popsong, aber ich muss als Musiker sagen, dass das musikalisch außergewöhnlich ist. Geradezu genial. Es wird auch in 20 Jahren noch in den Radiosendern gespielt.“
Benjamin hatte das Gefühl, alles Blut hätte sich jetzt in seinem Kopf versammelt und würde von innen durch die Haut drücken. Er glaubte die Äderchen unter seiner Stirn schon platzen zu hören, als Michael Reichert schließlich das Wort ergriff. „Wir sollten immer ernst nehmen, was unsere jüngsten Mitarbeiter sagen“ und dann zu Benjamin: „Wie heißt du noch?“
„Ich bin Benjamin Brechtmann.“
„MC BB”, scherzte einer der A&R Manager.
„Ich finde du solltest mal Kontakt zu dem Mann aufnehmen. Was ist das für ein Typ? Hat der noch mehr solcher Songs? Und so weiter. Komm nachher zu mir und ich erkläre dir wie man das macht. Was man sagt wenn man da anruft und wie man einen Künstler pleased.“
„Pleased?“ dachte Benjamin damals, was das wohl heißen soll? Später sollte er noch begreifen, dass das nichts anderes als frei übersetzt „Arschkriechen“ bedeutet.
Michael Reichert schob ihm gönnerhaft die Kassette über den Tisch. „Hier ist sogar ‘ne Telefonnummer.“
Michael Reichert liebte schon damals Auftritte wie diesen, denn er suggerierte, dass er ein Topmanager ist, der immer auf der Suche nach neuen und aufregenden Ideen war.
Unter Kopfhörern hörte Benjamin den Song an seinem Praktikanten-Schreibtisch wieder und wieder. Ihm gefiel die dezente Jazzgitarre, die erst beim zweiten Hinhören nach Jazz klang. Der dezente Frauenchor und vor allem die Stimme sorgten bei Benjamin für ein wohliges Gefühl. Immer wieder sang dieser George Lavelle mit verzweifelt melancholischer Stimme „Judy, my little girl Judy, I will do everything for you, til the end of time.“
Es war einer jener Popsongs, bei denen man schnell mitsingen konnte und der durch die scheinbare Verzweiflung des Sängers Benjamin tief berührte.
Es stellte sich heraus, dass George Lavelle keine weiteren Songs hatte und Phonostar Records veröffentlichte zunächst nur die Single „A Man falls in Love with Judy.“ Michael Reichert entschied sich zu diesem Schritt eigentlich nur aus Angst, sogar aus panischer Angst einen Hit zu verpassen. In diesem Falle lag er richtig.
George Lavelles Song „A man falls in love with Judy“ wurde ein Welthit. Der Song wurde unsterblich. Bis heute läuft er tatsächlich immer wieder in allen Radiostationen.
Benjamin wurde kein Popstar, dafür bekam er aber einen Ausbildungsplatz bei Phonostar Records. Fortan verrichtete er für wenig Geld einen Job, den er drei Jahre später unter dem Namen Junior A&R, für etwas mehr Geld fortsetzte. A&R steht für Artist & Relations und Benjamin war fortan einer der Leute, der Künstler unter Vertrag nahm und noch mehr von ihnen ein Standardschreiben in den Postausgang steckte, das unmissverständlich klar machte, dass die Band bitte davon absehen möchte weitere Cassetten an die Plattenfirma zu schicken. Auch heute, mit 29 Jahren, also zehn Jahre später, ist er noch immer Junior A&R Chef. Benjamin fand schnell heraus, dass er nicht der einzige gescheiterte Popstar in einer Plattenfirma war. Bei genauerer Betrachtung bestehen Plattenfirmen nur aus gescheiterten Musikern. Wer entscheidet sich schon freiwillig für einen Schreibtischstuhl, wenn man ihn auch auf der Bühne abfeiern würde und er das 20- bis 100- fache Geld verdienen könnte? Hand aufs Herz, niemand!
Benjamin aber ist ein Träumer und so lange wie der Traum ein Popstar zu werden währte sonst keiner seiner Träume. Doch mit jedem Jahr nahm er seine Gitarre seltener in die Hand und in jedem Jahr verbrachte er mehr Zeit im Büro bei Phonostar Records. Michael Reichert hat all die Jahre immer wieder auf eine neue „Benjamin – Prophezeiung“ gewartet. Es gab neue Prophezeiungen, viele sogar, doch nie reichte es zum ganz großen Wurf. Die meisten von Benjamin vorausgesagten Hits blieben irgendwie in den unteren Chartplätzen hängen oder stiegen gar nicht erst ein. Für einen A&R Manager das Schlimmste, was passieren kann, „denn nur an Chartplatzierungen wird Erfolg gemessen“, so Michael Reichert immer wieder. Benjamin hatte einfach kein Gefühl für populäre Musik. Seine Lieblingsmusiker sind alle eher unzugänglich. Er mag Miles Davis, Judy London, Tom Waits, Bob Dylan oder Jazzsängerinnen wie Sarah Vaughn oder Billie Holiday. Manchmal auch alten Soul. Bobby Womack, O.V. Wright oder Smokey Robinson. Am liebsten verbringt er seine Zeit in einem der wenigen Liveclubs der Stadt. Stundenlang kann er Musikern bei der Arbeit zusehen und sich ganz in der Musik verlieren. Für ihn ist es unverständlich, dass seine Plattenfirma nie solche Künstler unter Vertrag nimmt, sondern immer nur Künstler, die genauso klingen wie welche, die gerade in den Charts sind und die Songs singen, die man kaum voneinander unterscheiden kann. Wie sollen denn so Legenden heute noch entstehen? Benjamin hat nur eine einzige tatsächliche Entdeckung bei Phonostar Records gemacht und die ist tatsächlich eine Legende.
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