Ehe Benjamin antworten konnte und seine Kassette aus der Tasche ziehen konnte, war sie auch schon weg. „Ich bin Michael Reichert“, sagte ein Typ mit zurück gegeltem Haar.
„Kannst Michael sagen, machen die alle hier, weiß auch nicht wieso.“
„Ich bin Benjamin, ich wollte zu Peter.“
„Ach Peter, ja, der ist hier leider nicht mehr. Meinte er müsste sich jetzt irgendwie selbst verwirklichen. Das kommt vor. Manchmal.“
Benjamin war irgendwie eingeschüchtert und sagte zur Vorsicht lieber gar nichts. „Bist Du der Typ, der das Praktikum machen wollte? Peter hat mir von Dir erzählt.“
„Eigentlich nicht, ich habe hier ein paar Songs.“
Benjamin kramte wieder in seiner Tasche. Jetzt fand er die Cassette und reichte sie Michael Reichert unsicher. Eigentlich wollte er noch sagen, dass er unter professionellen Bedingungen natürlich besser spielen könnte, dass er das Band nur mal eben so nebenbei aufgenommen hatte, doch dazu kam er nicht mehr, denn Michael Reichert sagte nur: „Gut, gut, hören wir uns mal an.“
Dabei ließ er die Kassette in die Tasche seines karierten Sakkos rutschen. Karierte Sakkos waren damals in, eigentlich mehr bei den Werbern, aber bei Michael Reichert auch. „Willst du nun das Praktikum oder nicht?“
Noch immer schien er nicht zu verstehen, dass Benjamin eigentlich hier war um Popstar oder so was Ähnliches zu werden.
„Warum nicht?“, brachte er heraus und so nahm seine Geschichte in dem Musikgeschäft seinen Lauf. Mehrmals versuchte er noch zu fragen, was aus seinen Songs geworden ist, doch irgendwann gab er es auf. Vielleicht zu früh, vielleicht aber auch nicht.
Benjamin legt die Kopfhörer zurück auf den Schreibtisch, als sein Telefon klingelt: „Hier ist Monica.“
„Hey Monica.“
„Michael hat schon Hunger. Er würde gerne jetzt schon gehen. Passt das?“
Es war eine rhetorische Frage. Wie fast jede Reichert-Frage. „Ja schon gut, ich komme.“
„Ciao Adriano!“ Reichert breitet seine Arme aus, als er das Restaurant betritt. Adriano ist erfreut, nimmt ihn in den Arm und küsst ihn rechts und links.
„Eine alberne Szenerie. Draußen pfeift der Wind durch das regnerische Hamburg und hier spielt Reichert den mediterranen Lebemann“ denkt Benjamin, als er schon vorgestellt wird, obwohl er hier jedes Mal wieder vorgestellt wird. „Das ist Benjamin.“
„Ciao Benjamin, habe dich hier auch schon gesehen, lange her.“
Adriano reicht ihm die Hand und Benjamin erinnert sich an seinen letzten Termin mit Michael Reichert in diesem Restaurant, in dem er ermahnt wurde, mehr Popmusik zu hören und ihm das Gefühl vermittelt wurde, dass er keine Ahnung hat.
Adriano trägt das Haar mittellang, grau meliert und seine braune Hautfarbe lässt darauf schließen, dass er sich noch viel in seiner sizilianischen Heimat aufhält. Das finden die Gäste meistens gut. Er hat einen ziemlichen Bauch und trägt einen Anzug. Als er Reichert vor sich her zu seinem Stammtisch führt, massiert er ihm leicht die Schultern. „Mein Freund, schön dassse du da bist.“
Adriano überholt Michael Reichert kurz vor dem Tisch und rückt ihm den Stuhl zurecht. Benjamin setzt sich ihm gegenüber. Reichert klatscht in die Hände. „Was hast du heute für mich?“ fragt er vor Vorfreude grinsend Adriano.
„Eine kleine Momente.“
Er holt eine schwarze Tafel an den Tisch, die mit italienischen Worten voll geschrieben ist. Es dauert lange, bis Adriano sich mit Reichert auf ein Lunch geeinigt hat. „Linguini mit Tartufo, gute Wahl meine Freund“
„Was möchtest du Benjamin?“
Da Benjamin jetzt schon drei Viertel der Gerichte vergessen hat und sie auch nicht mehr zuordnen kann, sagt er einfach: „Spaghetti Bolognese, bitte.“
Adriano guckt für einen Moment irritiert und wartet darauf, dass Benjamin lacht und ihn aus dem Schweigen erlöst. Benjamin guckt genauso unsicher.
„Oh, ich gucke meine Freund, ob wir noch Personalessen haben.“
Jetzt wendet er sich sichtlich erfreut, dass das erledigt ist, wieder an Michael. „Ich habe eine wunderbare Barbera de Asti.“
Diesmal ist es keine Frage. Adriano dreht bereits die Weingläser um und entfernt sich von dem Tisch, um den guten Tropfen zu holen.
„Willkommen in meinem Wohnzimmer“, sagt Michael Reichert und guckt sich wie der Pate höchstpersönlich zufrieden im Restaurant um. Adriano kommt zurück an den Tisch. Der Wein wird entkorkt, fließt in das bauchige Glas. Reichert hält fachmännisch seine Nase hinein und wendet sich nach dem ersten Schluck an Adriano. „Ich könnte dich küssen.“
„Bene“, sagte Adriano und gießt das Glas zu einem Viertel voll. Beide trinken einen Schluck. „Lecker“, sagt Benjamin.
„Vor allem die Nase und der Abgang gefällt mir. Ein feines Bouquet, vielleicht noch ein bisschen jung.“
Benjamin nickt, trinkt einen weiteren Schluck und versucht zu begreifen, was Reichert sagt. „Am Ende ist es nur Alkohol und der hilft mir über die nächsten eineinhalb Stunden“, denkt Benjamin und trinkt einen weiteren Schluck. Benjamin macht sich nichts aus Wein. Er ist Biertrinker, und da sich sein Job meistens in Hamburger Kellerclubs abspielt, in denen er sich neue aufstrebende Bands anhört, ist es schlicht unkomplizierter ein Bier zu bestellen.
Ein Teller mit Olivenöl wird auf den Tisch gestellt. Michael Reichert stippt Weißbrot hinein und schiebt es sich in den Mund. „Wir müssen reden, Benjamin“, sagt er schließlich.
Benjamin ahnt in diesem Moment noch nicht, dass nach diesem Essen alles in seinem Leben anders sein wird.
„Ich habe vorhin mit Mister Butcher telefoniert“, sagt Michael Reichert, als er sich ein Stück Brot abreißt und diesmal darauf achtet, dass es nicht zu groß ist, damit er auch beim Kauen sprechen kann. Benjamin nickt still.
„Phonostar Records hat Großes vor.“
Reichert breitet die Arme aus, um die Dimension wenigstens andeutungsweise zu beschreiben.
„Butcher ist es gelungen Bryan White unter Vertrag zu nehmen. Bislang war er bei Warner Music.“
Michael Reichert grinst süffisant, als hätte er den Deal gerade persönlich eingefädelt. „Es wird uns Millionen gekostet haben, aber es wird uns auch Millionen in die Kassen spülen. Man bedenke mal: Bryan White, kennst du einen größeren Popstar?“
Benjamin kannte keinen. Bryan White ist weltweit nicht nur der attraktivste Popstar, sondern vielleicht auch der begabteste. Seine Show ist Entertainment pur, seine Songs laufen weltweit im Radio. Allein von seinem letzten Album hat er weltweit 20 Millionen Platten verkauft. Seine Show ist größer als die letzte Tour der Rolling Stones. Eine Zeitschrift mit einem Bild von ihm auf dem Cover verkauft sich gleich doppelt so gut. Bryan White ist ständig präsent. Omnipräsent, wie man in den Medien sagt. Jede Frau an seiner Seite wird weltweit von der Presse analysiert. Ist sie die Richtige für Mister Unerreichbar? Wie wird sie seiner Karriere schaden? Hat sie überhaupt das richtige Sternzeichen? Was für eine Figur werden sie in Portofino am Strand zusammen abgeben? Bryan White ist Bryan White. Der King of Pop war gestern. Das Essen kommt.
Unter lautem „vorzüglich“ und „Adriano, du hast dich mal wieder selbst übertroffen“ werden Benjamin und Reichert die Teller hingestellt. Wein wird nachgeschenkt, eine Flasche Wasser auf den Tisch gestellt. Adriano grinst und wünscht guten Appetit.
Reichert lässt Messer und Gabel liegen, als er sich wieder an Benjamin wendet. „Jetzt aber kommt der Haken an der Sache. Bryan White plant ein Album, das eine Liebeserklärung an alle Länder sein soll, die er auf seiner einjährigen umjubelten Welttournee besucht hat. Als eine Hommage an seine Millionen von Fans möchte er sein persönliches Lieblingsstück des betreffenden Landes neu einspielen. Doch damit nicht genug. Als besondere Liebeserklärung an das Land plant er, das Stück mit dem damaligen Interpreten im Duett neu einzuspielen. Es handle sich bei diesem Projekt um die wohl wichtigste und aufwendigste Popplatte aller Zeiten. Man müsse sich vorstellen: „Mister Bryan White hat sich für den Hit „A man falls in Love with Judy“ entschieden.“
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