Benjamin tritt auf die nächtliche Straße von Hamburg. Es sind etwa acht Grad, der Regen hat noch immer nicht aufgehört. Unaufhörlich prasselt er auf die Dächer und die Straße. Die wenigen Autos haben ihre Scheibenwischer auf die maximale Geschwindigkeit gestellt. Noch immer pfeift es in Benjamins Ohren, oder ist das der stürmisch kalte Nordwind, der durch die Stadt fegt und die Regentropfen waagerecht stellt?
„Man sollte sie verklagen“, sagt er laut zu sich, damit er den hohen Dauerton in seinem Ohr übertönt. Benjamin zieht die Schultern hoch und den Kopf so tief es geht dazwischen, um sich vor dem Regen zu schützen. In leicht gebeugter Haltung, die nicht die eines 29-jährigen entspricht, kämpft er sich von einem schützenden Dach zum anderen. Es hat keinen Sinn. Er ist durchnässt, als er schließlich seine Wohnung in Altona erreicht. Er schließt die Treppenhaustür auf, dann die Wohnungstür und hängt seine durchnässte Lederjacke an einen Haken, der nur noch halb in der Wand hängt. „Müsste ich mal reparieren“, denkt er, als er in seine unaufgeräumte und nicht besonders saubere Wohnung kommt. In der Küche stapelt sich der Abwasch und plötzlich bemerkt Benjamin, dass er Hunger hat. Schon als er die Kühlschranktür öffnet, weiß er, dass er nichts darin finden wird. Es ist der Kühlschrank eines Junggesellen, der neben Bier und ein bisschen Butter und Packungen mit abgelaufenem Käse mit der Aufschrift „Gut und billig“ lediglich noch ein Glas Gewürzgurken beherbergt. Benjamin schiebt sich die letzten Exemplare in den Mund und schaltet das RTL-Nachtmagazin ein. Er vermisst Heiner Bremer, der so viele Jahre Nacht für Nacht für ihn da war. Er war eine Konstante in seinem Leben, ein Stück wohlige Gewissheit. Doch jetzt schläfert der neue und vor allem jüngere „Nachrichten Host“ ihn so sehr ein, dass er auf dem Sofa nicht lange durchhält. Sein Pfeifton begleitet ihn in einen diffusen Traum, an den er sich glücklicherweise am nächsten Morgen nicht mehr erinnern kann, er hatte nur irgendwas mit Regen, klingelnden Handys und sehr lauter Musik zu tun.
Benjamins Büro in der Plattenfirma Phonostar Records liegt direkt gegenüber dem Hauptbahnhof in einem hohen Gebäude. Früher gehörten alle Geschosse zu Phonostar Records, doch durch das Internet, die illegalen Downloads, die MP3 Player, die Rohlinge, die es inzwischen sogar in Supermärkten gibt und durch all die Jugendlichen und Kids, die gestern noch die umworbene Zielgruppe waren und nun nichts weiter mehr als Kriminelle sind, die sich gegenseitig Musik-CDs brennen, musste die Firma über die Jahre entlassen, auslagern und umorganisieren. Benjamin ist mit umorganisiert worden und sitzt jetzt in einem der letzten beiden verbliebenen Stockwerke seiner Firma. Er kann aus dem Fenster die Züge aus dem Bahnhof fahren sehen und die Menschenmassen, die sich aus der Wandelhalle in die nahe gelegenen Einkaufsstraßen zwängen. Die Fixer und Kiffer sind auf der anderen Seite des Bahnhofs, da wird Phonostar Records bald hinziehen müssen, wenn diese Sache mit der Brennerei noch weiter geht. Doch noch wird bei Phonostar Records wenigstens ein bisschen Geld mit Musik verdient und Benjamin ist ein Teil dieser Maschinerie geworden,. unfreiwillig.
„Reichert hat gerade angerufen, du sollst mal zu ihm kommen.“ Christian, kurz Chris genannt, sitzt Benjamin am Schreibtisch gegenüber. Er sieht selbst wie ein Rockstar aus. Ein Nasenpiercing, silberne Ohrringe und schwarze Haare. Die Hose ist zerrissen und in seinen Schuhen fehlen die Schnürsenkel, das trägt man im Moment so. Die Rapper von Run DMC haben das angeblich mal so erfunden und auch das ist retro und damit wieder in und cool und sexy. In Wahrheit aber, hat man den Knackis in Alcatraz die Schnürsenkel abgenommen, damit sie damit keinen Unsinn anstellen können. Aber wen interessiert das schon, wenn es cool ist?
Benjamin ist dankbar, als Chris die Musik leiser dreht und ihm die Nachricht von Michael Reichert, dem Chef seiner Plattenfirma, überbringt.
„Alles klar, danke. Ich gehe gleich zu ihm.“
„Wie war denn Becksmen gestern?“
„Is nix für uns. Muss ich ihnen aber noch sagen.“ Benjamin versucht ein Grinsen. Chris guckt erstaunt:
„Echt nicht? In der MoPo steht eine Kritik über sie. Die haben vor zwei Tagen im Vorprogramm von „The Darkness“ in der Fabrik gespielt. Soll gut gewesen sein. Soll richtig rocken.“ Benjamins Tinnitus wird sofort eine Spur lauter. Die MoPo hat er noch unter dem Arm und den Kaffeebecher in der anderen Hand. Er stellt den Starbucks-Becher neben die Zeitung auf seinen Schreibtisch und guckt Chris erstaunt an.
„Wieso haben die bei „The Darkness“ im Vorprogramm gespielt? Die standen doch gestern im Proberaum und ich durfte Zeuge dieser einzigartigen Darbietung sein. Das nächste Mal lasse ich mich nicht mehr überreden eine Band so hautnah und live zu erleben. Eine CD tut es ja schließlich auch.“
„Weil das die MoPo ist und da nachts keiner mehr arbeitet und denen sogar die Volontäre zu teuer sind, die noch in der gleichen Nacht die Konzertkritiken schreiben sollen. Deshalb stehen sie erst am nächsten Tag in der Zeitung.“ Eigentlich nichts Neues für Benjamin, doch er hatte es vergessen. „Ach ja, die Morgenpost.“ Die meisten Mitarbeiter von Plattenfirmen lesen ausschließlich die Boulevardzeitung Morgenpost. Sonst nichts.
Das ist bei Michael Reichert anders. Er liest die Frankfurter Allgemeine und ganz besonders gerne den Börsenteil, über den er nun Benjamin ansieht, als er sein Büro betritt.
„Na Ben, how is life?“
„Habe gestern diese Becksmen gesehen....“
„Ja, ja, das weiß ich. Die MoPo hat ja eine begeisterte Kritik geschrieben. Hast Du die Nummer gleich eingetütet? Da sind ja einige dran.“
Reichert sieht ihn über den Rand seiner Zeitung nun genauer an.
„Du siehst beschissen aus. Warst wohl noch mit denen unterwegs.“
Reichert lacht.
„Ja, ja“
Benjamin weiß, wie gerne sein Boss es hatte, wenn man zu seinen Künstlern einen persönlichen Kontakt pflegt.
„Was wollen die denn für einen Vorschuss?“
„Das ist gewissermaßen noch nicht ausdiskutiert.“
Benjamin kratzt sich am Ohr. Das tut er oft, wenn ihm die Situation nicht angenehm ist. Er hofft jetzt auf weniger Fragen, damit er nicht auch noch rot im Gesicht wird. Schon beginnen seine Augen zu flackern.
„Dann gib Gas“, sagt Michael Reichert.
„Wir brauchen mal wieder einen Erfolg.“
Benjamin nickt.
„Du brauchst mal wieder einen Erfolg.“
Michael Reichert guckt ihn diesmal ein bisschen länger an. Gerade will Benjamin aufstehen, als Reicherts Telefon klingelt. Noch während er abnimmt, gibt er ihm ein Zeichen sitzen zu bleiben.
Benjamin weiß, was er an dieser Stelle zu sagen pflegt:
„Ich bin für ein transparentes Unternehmen.“
Dazu kommt er nicht mehr. Stattdessen sagt er „Phonostar Records Reichert“ in den Telefonhörer. Benjamin bleibt sitzen und beobachtet seinen Chef, wie er sich erst in seinem Stuhl gelassen zurücklehnt und plötzlich bei den Worten „Ja, stelle ihn durch“ nach vorne rückt.
Seine Augen sind jetzt hellwach, jede Faser in seinem Körper scheint angespannt. Es sieht aus, als wäre Michael Jackson persönlich am Telefon. Es ist noch schlimmer. Es ist Bruce Butcher, der Boss der Plattenfirma, der aus New York anruft. Ein Ereignis, das nur sehr selten vorkommt. Eigentlich nie, jedenfalls hat Benjamin davon noch nie etwas mitbekommen.
Benjamin wagt sich nicht zu bewegen. Er versucht wegzuhören und starrt aus dem Fenster. Aus einem Fenster, das einen urbanen Blick über die Straßen von Hamburg bietet. Reichert sieht nicht hin, denn er ist in seinem Element. Im großen Musikbusiness. In seinem Geschäft.
Vor ihm die Börsenkurse in der FAZ, kleine Gadgets, wie ein Miniatur – Dirk Nowitzki, der per Knopfdruck einen kleinen Ball in den Korb werfen kann oder ein silberner Golfschläger, mit dem man, wenn es mal langweilig im Büro wird, sein Minihandycap verbessern kann. Reichert gibt liebend gerne Geld für derartigen Kram aus. Es passt zu ihm, denn es verleiht ihm den Schein eines Mannes, der schon alles hat und sein Geld für Spielereien ausgeben kann. Reichert liebt Geld, Macht und das große Business. Der Sinn seines Lebens findet zwischen Blackberrys Laptops und den neuesten Handymodellen statt. Er wirft mit absurden Marketingbegriffen um sich. Ein Telefonat ist ein Call, ein frühes Treffen vor zehn Uhr morgens im Büro ein Early Bird, eine große Plattenfirma ein Majorlabel und ein Künstler ein Act. Er veranstaltet Conference Calls, Kick off Meetings, nutzt Business Tools, betreibt On the Ground Marketing, und ein Hit seiner Plattenfirma ist sofort die Benchmark für den nächsten Hit. Sein Lieblingswort ist „After Work Club“, denn es vereint alles, was Michael Reichert liebt. Freitags um 17 Uhr geht er chillen. Er schaut jungen Mädchen mit kurzen Röcken auf die Beine und hört dazu auch diese Musik ohne Strophe, Refrain und Instrumente. „Chill Out“ heißt das Zauberwort.
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