»He, must ne alte Lady doch nicht subsen. Hättest doch gleich sagen können, dass du swul bist!«, hörte er sie hinter sich keifen, als er drei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinaufjagte.
»Du siehst aus, als ob dir der Leibhaftige begegnet wäre«, begrüße ihn Jamaika, als er seinen Hocker erreichte.
»Der war‘s nicht, aber ich glaube, der wäre bei dieser Begegnung auch ganz schön blass um die Nase geworden«, antwortete er mit noch ganz wackeligen Knien. Die Wirtin grinste zu ihm rüber. »Na, hat dich die Zahnfee erschreckt?« Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause und zwinkerte ihm zu. »Die ist harmlos, hat bei uns einen Kellerraum angemietet, wo sie wohnt und ihre Kundschaft bedient.«
Kundschaft?, staunte Joshua, so viele Perverse kann es doch in St. Georg, in Hamburg, ach Quatsch, auf der Welt nicht geben, als dass die von ihren Einnahmen leben könnte. Joshua zündete sich mit immer noch etwas zittrigen Fingern eine Camel an und bestellte sich zur Beruhigung einen Ouzo.
Nachdem er etwas lockerer geworden war, bemerkte er, dass Jamaika sanft lächelnd nach unten deutete. Ihrem Blick folgend, erkannte Joshua, dass sein Hosenstall sperrangelweit offen stand. Licht aus, Joshua leuchtet, erinnerte er sich an einen blöden Spruch aus Kindertagen, als er spürte, wie seine Ohren heiß wurden. Betreten murmelte er eine Entschuldigung und zog den Reißverschluss hoch.
Unbemerkt von Jamaika hatte ein weiterer Kosovo-Albaner in Joshuas Abwesenheit die Sportbar betreten. Zielstrebig war er an den Tisch der Osteuropäer getreten und hatte kurz, aber heftig auf sie eingeredet. Dann war er wieder in der Nacht verschwunden.
Joshua überlegte gerade, wie er nach dieser peinlichen Pause den Faden für das Gespräch mit Jamaika wieder aufnehmen konnte, als er bemerkte, dass sich die Osteuropäer, die vorhin noch am Tisch gesessen hatten, um ihn scharrten. Ein grobschlächtiger Kerl mit einer angegrauten braunen Igelfrisur und einer Nase, der man ansah, dass sie schon mehrmals gebrochen war, sprach ihn schließlich an: »Na, wie war’s denn heute in der Schule, Herr Lehrer.«
Joshua schaute ihn vollkommen entgeistert an. Er fragte sich gerade, ob die Irrenanstalt in Hamburg-Ochsenzoll heute wohl Tag der offenen Tür hatte, als sein Gegenüber fortfuhr:
»Komm mit, der Albaner will dich sehen.«
Jetzt reichte es Joshua. Jamaikas warnenden Tritt ignorierend, antwortete er und wurde dabei langsam immer lauter:
»Prima, dass ihr mich daran erinnert habt, dass ich der Lehrer bin, ich hatte das nämlich schon vollkommen vergessen.«
Die beiden alten Männer unterbrachen ihr Gespräch und schauten zu der Gruppe hinüber.
»Und dann erst der Albaner, na? Ha, ich werd verrückt«, legte Joshua nach.
»Ey, keine krummen Touren, Mann!«, zischte sein Gegenüber und schlug die Jacke ein wenig zurück, sodass Joshua den Kolben einer Schusswaffe im Schulterhalfter erkennen konnte.
»Ah, hat der Albaner dir die Waffe als Geschenk für mich mitgegeben oder war das etwa der andere Schwerenöter, Don Georg, das alte Haus?«, steigerte sich Joshua weiter in die ganze Angelegenheit hinein und ignorierte den nun deutlich festeren Tritt von Jamaika.
Mittlerweile hatte er die Aufmerksamkeit der ganzen Bar auf sich gezogen. Selbst das schwule Pärchen, die beiden Huren und die Asylanten starrten gebannt zum Tresen. Die Osteuropäer waren ständig nervöser geworden und warfen unsichere Blicke in die Runde.
Die Wirtin klärte die Situation schließlich, als sie von hinter der Bar an den Tresen trat und die Osteuropäer anfuhr: »Hey, kein Stress in meiner Kneipe! Klärt das meinetwegen draußen, aber nicht hier, verstanden?«
Mehmet 5, so hieß der grobschlächtige Kerl mit der lädierten Nase, bebte vor Wut, kam aber zu der Einsicht, dass ein Mord vor so vielen Zeugen eine schlechte Idee wäre. Er knallte der Wirtin fünfzig Euro auf den Tresen, murmelte: »Stimmt so«, und marschierte mit dem Rest seiner Truppe im Schlepptau zur Tür. Irgendwann musste der Kerl ja rauskommen! Wut kochte in seinem Bauch, als er in die bitterkalte Nacht trat.
Als Joshua seinen Blick wieder Jamaika zuwandte, schaute sie ihn traurig den Kopf schüttelnd an. »Dir ist gar nicht bewusst, dass du dich gerade um Kopf und Kragen geredet hast, oder?«
»Wieso das denn. Die Masche ist aus einem alten Cary Grant- Film, North by Northwest. Wenn du bedroht wirst, musst du Aufmerksamkeit erregen«, grinste Joshua sie an.
Sie blickte ihn vollkommen perplex an. Entweder der Kerl ist unglaublich abgezockt oder aber er begreift noch nicht einmal im Ansatz, in welcher Gefahr er schwebt, schoss es Jamaika durch den Kopf.
»Okay«, begann sie, »hör mir jetzt bitte zu.« Als er sie unterbrechen wollte, schüttelte sie den Kopf und legt ihm einen Finger auf den Mund. »Ich hab jetzt keine Zeit für lange Erklärungen. Nur so viel: Diese Typen halten dich für einen Auftragskiller und halb St. Georg ist auf den Beinen, um dich umzulegen. Ich versuche jetzt, die fünf Kerle abzulenken, damit ...« Diesmal unterbrach er sie: »Einen Auftragskiller? Gerade sollte ich doch noch Lehrer sein. Ist das die St. Georg-Version von Was bin ich? Heiteres Beruferaten in der Sportbar?«
»Hör mir verdammt noch mal zu. Der Lehrer ist der Auftragskiller, Joshua. Und von wegen Was bin ich ... eher Scottland Yard und du bist Mr. X, den alle jagen.«
»Und du meinst wirklich, die warten draußen auf mich?«
»Selbstverständlich, was denkst du denn!«, zischte sie ihn an. »Also, ich versuch die Kerle jetzt zu beschäftigen, damit du verschwinden kannst, aber du musst schnell sein, verstanden?«
»Hoffentlich geht das mit meiner Reisetasche«, warf er ein.
»Scheiß auf die Reisetasche«, fauchte Jamaika, packte die Tasche und wuchtete sie auf den Tresen. »Tina, kannst du die für mich verwahren?«
»Klar, Jamaika«, antwortete die Wirtin und verstaute die Tasche unter dem Tresen.
»Aber ...«, wollte Joshua gerade ansetzen, als er ihren Finger erneut auf seinen Lippen spürte. »Joshua, entweder wir holen die Tasche nachher ab oder du befindest dich auf einer Reise, auf der du kein Gepäck mehr brauchst.«
»Aber warum rufen wir nicht die Polizei?«, fragte Joshua.
»Weil die fünf mit Verstärkung hier sind und dich mit Gewalt rausholen, bevor die Polizei hier ist – falls die Polizei dir überhaupt glaubt und dich nicht für einen Spinner oder Spaßvogel hält.«
»Also, los jetzt!«, schaltete sich die Wirtin unwirsch ein.
»Hier.« Jamaika drückte Joshua einen Zettel in die Hand.
»Wenn die Luft rein ist, stehe ich in einer dreiviertel Stunde vor der Normannen-Schenke. Die Adresse steht auf dem Zettel. Wenn ich nicht da bin, musst du versuchen, dich zum Bahnhof durchzuschlagen, sobald die Bahnen wieder fahren.«
»Jamaika, bitte«, drängte Tina zum Aufbruch.
»Wenn du den Tumult draußen hörst, kommst du raus und rennst den Steindamm runter, auf gar keinen Fall rauf, da würdest du ihnen genau in die Arme laufen. Renn, so schnell du kannst und versteck dich in einem Hinterhof, irgendwo unter einer Mülltonne, oder besser in einer Mülltonne.« Jamaika schaute ihn einen Moment lang an, bewegte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Viel Glück!«
»Dir auch«, antwortete Joshua verdattert. Jamaika war aufgestanden und flüsterte einem der Engländer etwas ins Ohr. Dieser riss die Augen auf und winkte aufgeregt seine Kumpels zusammen. Knappe zehn Sekunden später schob sich die Gruppe durch den Ausgang.
Joshua saß vollkommen konsterniert auf seinem Hocker. In was für einen Albtraum war er hier hineingeraten? Das konnte doch alles gar nicht wahr sein! Vor gerade mal zehn Minuten hatte er hier noch lachend mit Jamaika am Tresen gesessen. Dann war er zur Toilette gegangen und irgendwie war die Welt aus den Fugen geraten. Unterschwellig nahm er von draußen die Geräusche einer Schlägerei wahr, als Tina ihn mit einem: »Los jetzt!«, aus seiner Apathie riss.
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