Geändert hatte sich das erst, als ein Mann auftauchte, dem es gelang, die Osteuropäer zu organisieren und so ein größeres Stück vom Kuchen abzubekommen. Dieser Mann hieß auf dem Kiez nur der Albaner und er hatte in den letzten Jahren ständig an Einfluss gewonnen, was den Machtbereich von Don Georg deutlich verkleinerte. Mehrere Treffen der Bandenchefs mit dem Ziel, den Kiez einvernehmlich aufzuteilen, verliefen am Ende ergebnislos im Sand.
Als vor zwei Wochen auch die Bremer Reihe – eine der verruchtesten Adressen im ganzen Bezirk – an den Albaner fiel, hatte Don Georg beschlossen, das Spiel nach seinen Regeln zu beenden: Der Albaner musste weg und der Lehrer sollte ihn Don Georg vom Hals schaffen – der Auftrag war da unmissverständlich. Diese Gefälligkeit ließ sich der Lehrer mit vierzigtausend Euro entlohnen. Zwanzigtausend Euro hatte er bereits kassiert. Die weiteren zwanzigtausend würden folgen, sobald der Auftrag ausgeführt war.
Don Georg hatte ihm natürlich Fotos des Albaners zukommen lassen. Sie zeigten einen breitschultrigen Mann von circa einsfünfundachtzig, sehr muskulös. Sein braunes, langes Haar hatte er zu einem Zopf gebunden. Seine braunen Augen versprühten einen harten Glanz. Unterstrichen wurde der finstere Eindruck noch durch eine vielleicht vier Zentimeter lange Narbe auf der rechten Wange. Der Lehrer schätzte en Mann auf ungefähr fünfzig. Die reinste Schlägervisage. Der Lehrer schüttelte in Gedanken versunken den Kopf.
Um zu wissen, mit wem er es zu tun hatte, hatte er sich Fotos von Don Georg aus dem Internet besorgt. »Leute gibt‘s«, murmelte der Lehrer vor sich hin. Der Mann auf dem Foto war ein gealterter Pseudo-Elvis; silbergraue Haartolle, silbergraue Koteletten und – das Schrägste überhaupt – einer dieser unsäglichen, überdimensionalen Glitzeranzüge, wie sie der King bei seinen späten Auftritten getragen hatte. Der Lehrer hatte die Mappe gerade wieder verstaut, als Karls Geschnatter im Gang die Rückkehr seiner Mitreisenden ankündigte.
Den Rest der Fahrt schaute der Lehrer auf das Schneetreiben vor dem Fenster oder döste vor sich hin. Zumindest so weit das möglich war. Der kleine Fettsack schwätzte die ganze Zeit über auf den anderen Mitreisenden, scheinbar einen Geschäftsmann, ein. Eigentlich hätte der Mann ihm Leid tun müssen, aber mit so etwas Profanen wollte er seinen Geist nicht belasten. Er war voll und ganz auf seinen Auftrag fokussiert. Dann kündigte der knarrende Lautsprecher endlich an, dass der Hamburger Hauptbahnhof in wenigen Minuten erreicht würde. Gott sei Dank.
Als sich die Hydrauliktür mit dem typischen, dumpfen Zischlaut öffnete, wartete Karl bereits mit Joshuas Reisetasche im Gang.
Joshua wuchtete gerade schwungvoll den Monsterkoffer von der Ablage, als sich auch der Lehrer erhob. Die rechte untere Kofferecke traf ihn genau an der linken Schläfe, ohne dass es Joshua aufgefallen wäre. Der Lehrer verharrte einen Augenblick in seiner Position und sackte dann in seinen Sitz zurück.
Joshua hatte das Abteil bereits verlassen. Eisig schlug ihm die Hamburger Nachtluft entgegen, als er gefolgt von Karl auf den Bahnsteig trat.
»Vielen Dank für den Kaffee und das tolle Gespräch«, versuchte Karl den anfahrenden Zug zu übertönen, der sich auf den Weg zur Endstation Hamburg–Altona machte.
»Gerne, so ist die Zeit doch für uns beide schneller rumgegangen«, log Joshua.
Sie schüttelten sich noch einmal die Hand und verabschiedeten sich voneinander. Karl wollte noch schnell zu McDonalds und dann in sein Hotel. Joshua hatte vor, sich vom Bahnhofsvorplatz aus im Taxi auf den Heimweg zu machen.
Am Geländer des Rundgangs, eine Etage oberhalb der Gleise, standen zwei arabisch aussehende Männer, die in ihren Kreisen als Mehmet 1 und Mehmet 2 bekannt waren.
Mehmet 1 versuchte, möglichst unauffällig in sein Handy zu zischen: »Ey Halbaner, du kannst deinem Vater ausrichten, jetzt wird’s voll ernst. Der Lehrer is gerade angekommen.«
Dann legte er auf und blickte wieder in Richtung Joshua.
»Das is also der Lehrer«, begann er. »Vierzigtausend Morde zu dreißig Euro.«
»Andersrum.«
»Wie jetzt, der Lehrer is andersrum?«
»Die Zahlen andersrum, Idiot. Dreißig Morde je vierzigtausend Euro.«
»Selber Idiot. Warst du nich Schule, oder was? Vierzig mal dreißig oder dreißig mal vierzig is das Gleiche.«
»Stimmt.«
»Krass.«
»Ja, voll krass, Digger.«
Karl musste schmunzeln, als er daran dachte, dass Joshua noch nicht einmal gemerkt hatte, dass er den Sack in der Bahn ausgeknockt hatte. Noch komischer war, dass das dem Kerl vermutlich das Leben gerettet hatte, denn Karl hatte Hunger, großen Hunger, und den würde er natürlich nicht bei McDonalds stillen. Er verstaute den Monsterkoffer in einem Gepäckschrank, nachdem er einige Utensilien und einen kleinen Rucksack entnommen hatte. Naja, dachte er, wenn schon nicht den mürrischen Anzugträger, dann vielleicht einen der Araber, die uns beobachtet haben? Oder gar beide? Ihm lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Ja, überlegte er, die wären nach meinem Geschmack. Er machte sich auf den Weg.
Als der Lehrer kurz hinter dem Hauptbahnhof wieder zu sich kam, bebte er vor Wut. So etwas war ihm noch nie passiert! Schade, dass ich den Kerl wohl nie wiedersehen werde, ärgerte er sich. Seine Laune erreichte den endgültigen Tiefpunkt, als er in Hamburg-Altona aufgrund des Wetters und eines Streiks der Hamburger Taxifahrer keinen Wagen fand, der ihn zurück nach St. Georg hätte bringen könne. Da die nächsten S- und U-Bahnen auch erst frühestens in drei Stunden den Betrieb aufnehmen würden, entschied er sich, den Weg zu Fuß in Angriff zu nehmen. Genau wie Karl suchte er sich ein Schließfach und verließ zehn Minuten später mit zwei Glock-Halbautomatik-Waffen, sechzig Schuss Munition, der zusammengerollten Infomappe und viel, sehr viel Wut im Bauch den Bahnhof Altona in Richtung Innenstadt.
Als Joshua im leichten Schneetreiben auf den Bahnhofvorplatz trat, erwartete ihn ein trostloser Anblick. Kein Taxi weit und breit. Er erinnerte sich noch vage an eine Streikandrohung der Hamburger Taxifahrer. Hm, überlegte er, die erste S-Bahn Richtung Pinneberg ginge in zweieinhalb Stunden. Ach, was soll’s, grinste Joshua vor sich hin, ich war schon lange nicht mehr zu so einer Uhrzeit in St. Georg unterwegs. Hier gab es genug Kneipen, Bars, ja Spelunken, die rund um die Uhr geöffnet waren. Joshua überquerte die Kirchenallee an der sich die altehrwürdigen Hamburger Hotels mit gelassener Erhabenheit aufreihten und bog schließlich in den Steindamm ein.
Mal schauen, in welcher ruhigen Kneipe ich mir die Wartezeit mit dem einen oder anderen gemütlichen Bier versüße, pfiff Joshua im Angesicht der Lichter von St. Georg vor sich hin.
Wobei ihm klar war, dass ruhig und St. Georg nicht so recht zusammenpassten. In diesem schillerndsten und ambivalentesten aller Hamburger Stadtteile war es niemals ruhig. Yuppie-Partys, die Schwulen- und Lesbenszene, Drogenhandel und Prostitution, bildeten in St. Georg ein spannendes, aber auch gefährliches Konzentrat. Joshua erinnerte sich nur zu gut an das erstaunte Gesicht eines Geschäftspartners, als er ihm in St. Georg eins der berühmten Waffenverbotsschilder gezeigt hatte. Vor einem gelben Hintergrund wurde darauf hingewiesen, dass das Mitführen von Schusswaffen, Schlagstöcken, Messern und Reizgas in St. Georg polizeilich untersagt war. So etwas gab es nur hier und in St. Pauli und zwar aus gutem Grund. Na, was soll’s, dachte Joshua, als er sich von einer schreiend grünen Leuchtreklame in eine Sportbar auf dem Steindamm locken lies. Ich suche ja keinen Streit, sondern nur einen warmen Platz und ein kühles Bier.
ZWEI
And the waitress is practicing politics
As the businessman slowly gets stoned
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