Einen Moment herrschte Schweigen, dann räusperte sich der Albaner: »Sohn, woher kennst du den Schwanz von Mehmet 1?«
Erneutes Schweigen, dann ein kleinlautes: »Sag ich nicht.« Der Albaner schüttelte den Kopf langsam, während er sein Gesicht in den Händen vergrub. »Geh jetzt, Sohn, ich muss nachdenken.«
Als der Albaner allein war, erhob er sich und ging langsam auf ein Fenster zu. Von hier oben, aus dem obersten Stockwerk des Hotels Graf Zeppelin hatte er einen fantastischen Blick auf die Straßen St. Georgs, auf sein Reich. Nun denn, dachte er, dann hat mein Spitzel in den Reihen Don Georgs also recht behalten: Don Georg hat einen Auftragskiller auf mich angesetzt.
Zwar passte die Beschreibung des Lehrers als extrem auf seine Zielperson fokussiert, jedes überflüssige Blutbad vermeidend und fast ausschließlich mit Schusswaffen agierend nicht zu dem Gemetzel, aber was machte das schon?
Der Albaner streckte sich und ging zu seinem Schreibtisch zurück, schnappte sich das Telefon und rief seine Jungs zusammen. Als er auflegte, stand sein Entschluss fest. Dieser Kiez verträgt nur einen König. Lass es uns heute Nacht klären, ein für alle Mal, Don Georg, dachte der Albaner grimmig.
»Der wer?« fragte Joshua irritiert nach.
»Der Lehrer«, wiederholte sie ruhig.
»Nun, um Ihnen einen Gefallen zu tun, wäre ich sehr gerne der Lehrer, aber, um ehrlich zu sein, bin ich Geschäftsführer eines Unternehmens in der Chemiebranche. Mein Name ist Joshua Frankel und ich bin hier gestrandet, weil die S-Bahnen noch nicht fahren und kein Taxi zu kriegen ist, sorry.«
»Natürlich, wer denn auch sonst?«, schmunzelte sie.
Joshua runzelte die Stirn. »Ich weiß zwar nicht, warum sie mir nicht glauben, aber noch mal: ich bin kein Lehrer, war kein Lehrer und werde wohl auch nie Lehrer sein.«
»Ist ja gut. Ich hege keine Sympathien für den Albaner. Machen Sie mit ihm, was sie wollen. Mich interessiert nur Don Georg.« Joshua verdrehte unbemerkt die Augen. So schön und so gaga, ging es ihm durch den Kopf, als er antwortete: »Ich weiß nicht, ob es Sie überrascht, aber ich kenne keinen Albaner und vor allen Dingen auch keinen Don Georg.«
Sie nahm einen weiteren Zug von ihrer Zigarette und schaute ihn weiter schmunzelnd an.
Plötzlich hatte Joshua eine Idee. Er kramte kurz in seiner Reisetasche und knallte dann eine Unternehmensbroschüre vor ihr auf den Tresen. »Bitteschön, Sie finden mich gleich auf Seite 2.«
Lachner Galvanisierungswerke GmbH, las sie auf dem Cover und tatsächlich fand sie auf Seite 2 sein Foto mit einer kurzen Vita. Ziemlich viel Aufwand für eine Tarnung, ging es ihr durch den Kopf, als sie die Internetadresse der Firma entdeckte. Und vor allen Dingen, warum verriet er ihr seine Tarnung? Merkwürdig. Mehr als merkwürdig sogar.
»Entschuldigen Sie mich einen Moment«, lächelte sie Joshua an, »bin sofort wieder da.«
Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und verschwand die Kellertreppe zu den Toiletten hinunter. Auf der Damentoilette aktivierte sie die Internet-App ihres Smartphones und ging auf die Homepage der Lachner Werke. Schnell fand sie im Archiv einen Ordner mit Fotos von Firmenveranstaltungen der letzten Jahre. Ihr Tresennachbar war bei allen Veranstaltungen dabei gewesen.
Scheiße, er ist nicht der Lehrer, wurde ihr schlagartig klar. Joshua hatte sich gerade eine Camel angezündet, als die unbekannte Schöne wieder am Treppenabsatz auftauchte. Sie schüttelte lächelnd den Kopf, als sie zu ihm trat: »Es ist mir schrecklich peinlich, aber ich habe sie tatsächlich verwechselt.«
»Kein Problem«, lächelte Joshua zurück.
»Antoinette Laveau«, streckte sie ihm ihre zierliche Hand entgegen. »Immer noch Joshua Frankel«, erwiderte er lakonisch und schüttelte ihre angenehm kühle Hand.
Die nächste dreiviertel Stunde verging wie im Fluge. Antoinette bestellte sich einen Tequila Sunrise und noch ein Duckstein für Joshua. Sie bestand – wegen der blöden Verwechslung – darauf, ihn einzuladen und Joshua gab sich schließlich geschlagen.
Er erfuhr, dass sie aus Jamaika stammte, wo ihre Eltern zu den wenigen wohlhabenden Grundbesitzern gehörten. Diesem Umstand verdankten sie es auch, dass sie ihre Tochter auf ein Internat in der Schweiz hatten schicken können, was wiederum erklärte, warum Antoinette so gut deutsch sprach.
»Ich denke die ganze Zeit schon über ihren Familiennamen nach«, hakte Joshua nach. »Ich war vor Jahren mal in New Orleans und habe auf dem St. Louis Cemetery No. 1 das Grab der berühmten Voodoo-Queen Marie Laveau gesehen.« Antoinettes Lachen unterbrach ihn. »Zwei Dinge Herr Frankel. Zum einen nennen sie mich bitte Jamaika wie alle meine Freunde in Deutschland.«
»Wenn sie mich Joshua nennen, gerne. «
Sie nickte ihm kurz lächelnd zu, bevor sie fortfuhr. »Und ja, ich bin tatsächlich entfernt verwandt mit Marie Laveau.«
»Dann habe ich also quasi schon einmal am Grab deiner Ururgroßmutter gestanden«, lachte Joshua.
»Ja, wenn man so will«, lächelte sie zurück. Was für ein Lächeln. Hammer.
Sie hatte gerade erzählt, dass sie als Auslandskorrespondentin für eine amerikanische Fernsehgesellschaft arbeitete und dabei sei, für eine Serie über das Nachtleben in Deutschland zu recherchieren als Joshua merkte, dass er ein menschliches Bedürfnis nicht länger ignorieren konnte.
»Entschuldigst du mich mal eben?«
»Aber natürlich.« Wieder dieses Lächeln. Und der dazu passende Augenaufschlag.
Mit schnellen Schritten eilte er die Treppe hinunter. Jetzt, wo er wusste, dass sie doch nicht gaga war, wollte er dieses Traumwesen auf keinen Fall lange warten lassen. Zum Glück war das Herrenklo leicht zu finden und sogar halbwegs sauber, obwohl sich Joshua ein wenig über die Spiegelreihe über den Pissbecken wunderte. Er fummelte an seiner Anzughose herum. Endlich hatte er seinen Freund befreit und begann, sein Geschäft zu verrichten, als sein Blick wieder nach oben zu den Spiegeln wanderte.
Entsetzt schrie Joshua auf. Die Reflexion im Spiegel ließ ihn unwillkürlich zusammenzucken und er bemerkte erst gar nicht, dass er sich einen satten Strahl lang auf den linken Schuh schiffte.
Im Eingang der Herrentoilette lehnte eine dicke, alte Frau mit zerzaustem grauem Haar. Mein Gott, aus welchem Albtraum stammt denn die, dacht Joshua. Ihr aufgedunsenes Gesicht war ungesund talgig weiß oder stellenweise mit roten Pusteln überwuchert. Die Lumpen – Kleidung konnte man das nicht nennen – die sie trug, schienen nur gerade so von Schmutz und Dreck zusammengehalten zu werden. Oh Gott, jetzt kommt sie auch noch rein, nahm Joshua entsetzt aus dem Augenwinkel war.
»Für’n sehner süttel ich ihn dir aus«, nuschelte sie beim Näherkommen.
Als sie den Mund dabei zu einem Lächeln öffnete, wusste Joshua auch warum sie so nuschelte.
Ein Zahn, sie hat tatsächlich nur einen einzigen Zahn im Mund, den linken unteren Eckzahn, ansonsten gähnende Leere. Das sieht aus, als würde man einer Kuh ins Arschloch gucken, durchzuckte es ihn. Schneller pinkeln, ich muss schneller pinkeln, sie ist gleich da! Und wenn ich ihn einfach einpacke? Klar Kumpel, um dann mit vollgepisstem Schritt neben Jamaika zu sitzen, ist das dein Plan?
Wilde Gedankensplitter schossen ihm durchs Hirn, als ihn die Alte erreichte. Endlich, Joshua ließ die Boxershorts gerade über seinen Penis gleiten, als sie ihm von Hinten in den Schritt griff.
»Für’n fünsiger blas ich dir auch einen, Süser.«
Joshua hatte sich automatisch auf die Zehnspitzen hochgedrückt, aber das half ihm herzlich wenig.
»Na, komm son, keine lutst dir deinen Korken so wie ich.«
Mit Sicherheit nicht und lutschen trifft es ja wohl voll und ganz, schüttelte es Joshua. Er drückte ihre Hand mit den vor Dreck starrenden Fingernägeln aus seinem Schritt, wirbelte herum und stürzte an ihr vorbei aus der Toilette. Unterschwellig nahm er dabei ihren Gestank nach Pisse, Schweiß und abgestandenem Fusel wahr.
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