Yes, they’re sharing a drink, they call loneliness
But it’s better than drinkin‘ alone
BILLY JOEL
Als Mehmet 1 und Mehmet 2 den Hauptbahnhof durch den Ausgang Süd verließen, folgte ihnen Karl mit nur zehn Metern Abstand. Sie gingen links herum, dann am Hotel Atlantic mit seinem Globus auf dem Dach vorbei. Bei Udo brannte noch Licht, deutete Mehmet 2 nach oben. Dann überquerten sie die Straße und begaben sich ans Alsterufer. Die zugefrorene Binnenalster bot einen einmaligen Anblick.
»Au«, schrie Mehmet 2 auf, als ihn die Wespe in den Nacken stach. Jetzt leben die Viecher sogar noch im Winter, dachte er, bevor er zusammenbrach. Mehmet 1 betrachtete gerade die weihnachtlichen Lichter, die vom Jungfernstieg herüberleuchteten und sich in bunten Kaskaden auf dem Eis der Alster brachen, als sich der Körper von Mehmet 2 knirschend in den Schnee grub. Mehmet 1 riss überrascht die Augen auf, aber nur einen Moment lang, dann hatte auch ihn die Wespe gestochen.
Durch den Raum voll Rauch und Stimmen sah ich zu dir hin. Und dein Blick hielt meinen fest und fühlte wer ich bin; erinnerte sich Joshua an die frühere Diebels-Alt-Werbung, als er in die rauchgeschwängerte Sportbar am oberen Ende des Steindamms trat.
Eine Gruppe englischer Touristen nahm den kompletten Tresen in Beschlag. Joshua vermutete eine Fußballmannschaft, da es sich ausnahmslos um Männer zwischen zwanzig und dreißig handelte. Engländer, so wusste Joshua, besuchten häufig Hamburg, um die Verlockungen der Reeperbahn und deutsches Bier zu genießen. Vermutlich will diese Combo Silvester in Hamburg feiern und dann am zweiten Januar zurück nach England fliegen, wenn alle ihren Rausch ausgeschlafen haben, dachte er gerade, als er am Ende des Tresens doch noch ein freies Plätzchen entdeckte. Joshua zwängte sich an den Engländern vorbei und schwang sich am Ende des langen Tresens auf einen der letzten beiden freien Barhocker. Die Sportbar bestand eigentlich nur aus einem zehn Meter langen Tresen, über dem sechs Flachbildschirme Sport aus aller Welt zeigten, und einer Reihe Tische, die entlang einer ähnlich langen Sitzbank positioniert waren. Joshua winkte der Wirtin freundlich zu und bestellt ein großes Duckstein.
»Gute Wahl«, lachte die Wirtin und begab sich zum Zapfhahn. Die Mittvierzigerin war ihm mit ihrer herzlichen Art sofort sympathisch. Zu ihrer schlichten weißen Bluse trug sie eine klassische Wirtschürze und flache Turnschuhe. Ihr dunkles Haar war etwa schulterlang. Die schummrige Beleuchtung machte es unmöglich zu erkennen, ob es schwarz oder dunkelbraun war. Sie war ein wenig stämmig, aber das passte irgendwie gut zu ihr. Alles in allem eine gestandene Frau, eine gestandene Wirtin.
Joshua ließ seinen Blick an den Tischen entlangwandern und stellte mit einem kleinen Lächeln fest, dass die anderen Gäste in ihrer Gesamtheit dieses ganz eigene St. Georg-Gemisch darstellten. Das ist schon fast idealtypisch im Sinne von Max Weber, dachte Joshua bei sich. Die ersten beiden Tische hatte eine Gruppe schwarzafrikanischer Asylanten in Beschlag genommen. Sie diskutierten in einem Joshua unbekannten Dialekt vermutlich darüber, wie kompliziert doch das Leben in Deutschland ist. Die beiden Männer am nächsten Tisch gehörten eindeutig der Regenbogenfraktion an, die ihr Zentrum in St. Georg hat und waren wahrscheinlich unterwegs zu einem der Schwulen-Clubs des Viertels hier hängengeblieben. Viel Leder, viel Schmuck, viele Küsse; eindeutig, dachte Joshua. Die nächsten beiden Tische beheimateten das alte Jugoslawien: Serben, Kroaten und Kosovo-Albaner hatten verschworen die Köpfe zusammengesteckt. Hier gab es keine ethnischen Konflikte, denn die gemeinsamen kriminellen Aktivitäten einten die Völker Südost-Europas in St. Georg. Die beiden obligatorischen alten Männer folgten am nächsten Tisch. Und wie in jeder anderen Bar und zu jeder anderen Tageszeit lamentierten sie darüber, dass früher alles besser war: Früher, als ab der unteren Brennerstraße noch nicht jede zweite Bar oder Kneipe mit einer bunten Regenbogenfahne geschmückt war. Früher, als die Mieten auf der Langen Reihe noch erschwinglich waren und die Straße noch nicht zur Szene-Ecke für Yuppies mutiert war, und natürlich waren auch früher die Huren am Steindamm, am Hansaplatz und den verbindenden Quer- und Parallelstraßen hübscher gewesen.
Als Joshuas Augen weiterwanderten, sah er, dass am letzten Tisch, kurz vor der Treppe, die zu den Toiletten in den Keller führte, zwei dieser besonderen Streetworkerinnen saßen, um sich aufzuwärmen. Die ältere der beiden mochte um die vierzig sein und hatte sich eigentlich ganz gut gehalten. Nur der stumpfe Glanz ihrer Augen und ein harter Zug um ihren Mund verrieten, dass sie in ihrem Leben nicht nur eine enttäuschte Hoffnung hatte wegstecken müssen. Die andere, vielleicht halb so alte, hatte ein wirklich hübsches Gesicht, wobei ihr Körper kindlich, ja, fast unterentwickelt aussah. Joshua wusste, dass dies ein Zeichen für den jahrelangen Konsum harter Drogen war und er wusste auch, dass der jetzt noch so offenkundige Altersunterschied zwischen den beiden Frauen in einigen Jahren verwischt sein würde.
Eine Bewegung direkt an seiner Seite riss Joshua aus seinen schwermütigen Gedanken. Neben ihm stand die schönste Frau, die er jemals gesehen hatte.
Ihre schwarze Haut schimmerte sogar im fahlen Licht der Bar und ihre perfekten Kurven zeichneten sich unter einem knielangen, dunkelroten Samtkleid ab, das sich weich um ihre vollen Brüste schmiegte. Für ihre umwerfende Figur hatte Joshua jedoch im erst Moment kein Auge, weil ihn das Gesicht der Schönen ganz in seinen Bann geschlagen hatte. Sie hatte ihr langes schwarzes Haar zu einem strengen Pferdeschwanz nach hinten gebunden, sodass nichts von ihren zarten, fast europäischen Zügen ablenkte. Wie eine Äthiopierin, durchzuckte es Joshua und er meinte, sich zu erinnern, im Geschichtsunterricht gelernt zu haben, dass im Römischen Reich die Äthiopier als schönstes aller Völker gegolten hatten. Komisch, dachte er noch, an was man sich aus dem Unterricht so erinnert, als sich ihr schöner Mund zu einem strahlenden Lächeln öffnete und sie ihn mit einer etwas rauchigen, wohltönenden Stimme fragte, ob der Hocker neben ihm noch frei sei.
Es dauerte einen Moment, bis sich Joshua im Hier und Jetzt gesammelt hatte. Mit einer kleinen Verzögerung und einem etwas dümmlichen Gesichtsausdruck deutete er auf den Hocker: »Bitte«.
»Danke«, lächelte sie, als sie Platz nahm, ihre schlanken Beine übereinanderschlug und eine Schachtel Philips Morris aus ihrer Handtasche hervorkramte. Bevor Joshua ihr Feuer anbieten konnte, hatte sie sich schon eine Zigarette angezündet und blies den Rauch nachdenklich in Richtung Decke. Joshua überlegte fieberhaft, wie er mit der Schönheit ins Gespräch kommen konnte, als diese sich ihm immer noch lächelnd zuwandte, ihn einen Augenblick mit ihren braunen Mandelaugen studierte und schließlich sagte: »So, Sie sind also der Lehrer. Ich hätte Sie mir älter vorgestellt, so lange wie Sie schon im Geschäft sind.«
Der Halbaner, der gerade mal einsachtundfünfzig kleine, schmächtige Sohn des Albaners, stürmte in das Büro seines Vaters. »Es geht los, Vater«, sprudelte es aus ihm heraus. »Mehmet 1 und Mehmet 2 ... sie sind beide tot.«
Der Albaner blickte von seinem Schreibtisch auf und betrachtete seinen Sohn einen Moment: »Setz dich und dann noch mal der Reihe nach, Sohn.«
Der junge Mann nahm Platz, versuchte sich zu beruhigen und sagte: »Vater, der Lehrer ist da und ... und ... er ist wahnsinnig, voll krass irre.«
»Der Reihe nach, der Reihe nach, Sohn.« Der Halbaner atmete tief durch und setzte erneut an: »Als sich Mehmet 1 und Mehmet 2 nicht mehr gemeldet haben, bin ich mit Mehmet 3 und 4 ihre Runde abgegangen. Wir haben sie an der Alster gefunden. Und das war echt megakrass. Sie lagen auf dem Rücken, ausgebreitet wie Schneeengel. Alles war voller Blut und«, hier stockte der Halbaner kurz und schloss die Augen, »und im Mund von Mehmet 2 steckte der abgeschnittene Schwanz von Mehmet 1 und umgekehrt. Und ... und das krasseste überhaupt ... der Lehrer hat ihre Eier mitgenommen.«
Читать дальше