„Ich habe mir heute in Ihrem Büro einen Schlafsack geholt, ein junger Mann sagte Sie seien krankgeschrieben. Ich hatte Sorge, dass Sie nicht kommen würden.“
„Ja, der ewige Stress, mein Arzt meinte, ich brauche dringend Ruhe. Das tägliche Elend nimmt einen schon mit.“
„Ist das nicht ein Fass ohne Boden?“
Karl schaute sie bei der Frage von der Seite an und merkte wie gut es ihm tat, mit dem Mädchen zu reden. Sie zupfte an ihrer Bluse herum und sagte: „Klar ist das ein Fass ohne Boden, aber wir können diese Menschen nicht im Regen stehen lassen. Es müsste sich grundlegend was ändern. Es gibt keine Interessenvertreter und solange das so ist, wird sich kaum etwas ändern.“
Karl meinte: „Ich wusste gar nicht, dass es so was in Deutschland gibt. Waren Sie schon mal in diesem Männerheim?“
Sie schüttelte den Kopf und warf einem Kind den Ball zu, der auf sie zugerollt war. Die Kleine klatschte in die Hände und freute sich.
„Lassen Sie uns den Tag genießen“, sagte sie, stand auf, nahm Karl an die Hand und zog ihn zu sich hoch.
„Karl, was hältst du davon wenn ich dich zum Essen einlade? Du kannst dich ja revanchieren wenn es dir besser geht.“
Das ´Du´ war ihr ganz selbstverständlich über die Lippen gekommen. Karl war überrascht und dachte, warum bin ich nicht selber darauf gekommen? Es war seine Schüchternheit gegenüber Frauen. Es war ihm Recht, wenn das weibliche Wesen die Initiative ergriff. Gemeinsam schlenderten sie zum Ausgang. Karl merkte, dass er seinen Schlafsack auf der Bank liegen gelassen hatte. Er lief zurück, in der Hoffnung ihn noch zu finden. Er hatte Glück. Außer Atem kam er bei Lena an.
„Lieber schlafe ich unter Gottes freiem Himmel, als im Vorhof der Hölle.“
„Ach Karl, der Vorhof der Hölle ist nicht das Männerheim sondern unsere Menschheit schlechthin.“
Er dachte, bildlich gesprochen mag sie Recht haben, es passte nur nicht zu einem jungen lebensfrohen Geschöpf. Frauen mit politischer Dominanz kannte er. Maria Roland, ein kühl distanziertes Weib, die wenig von dem hatte, was man sich unter einer Frau vorstellte. Ein ideologisch vollgestopftes Wesen, die selbst beim Orgasmus an Stalin dachte. Als Akteur einer fanatisierten, politischen linken Sekte hatte er zweieinhalb Jahre in der Kiste gesessen. Von einer Maria Roland hatte er nie mehr etwas gehört.
„Das mit dem Schlafsack im Freien lassen wir lieber. Wenn du versprichst in deinem Sack zu bleiben, kannst du bei mir die Nacht verbringen. Ich suche keinen Beischläfer unter allen Umständen. Du verstehst mich?“
Karl fiel ein Granitstein von der Pumpe. Er dachte an die feuchte Nacht am Sportplatz. Das musste er nicht nochmal haben.
Vom Park war es nicht weit bis zum Stadtzentrum. Menschen saßen unter großen Sonnenschirmen der Cafés und Eisdielen. Lena ging zielstrebig zu einem Restaurant und verschwand mit Karl hinter einer großen Tür mit Butzenscheiben. Es war ein Balkanrestaurant direkt in der Fußgängerzone. Es war mit Landschaftsbildern des Balkans geschmückt. Menschen in den Trachten der einzelnen Völkerschaften. Für Karl war es zu dick aufgetragen, einfach Kitsch. Lena war hier bekannt. Der Inhaber kam auf sie zu und begrüßte sie mit Handschlag. Karl wurde dem Serben vorgestellt. Wenn das Essen nur halb so gut ist, wie dieser Firlefanz, bin ich beruhigt, dachte Karl.
„Als ich noch Krankenschwester war, habe ich seine Frau im örtlichen Krankenhaus gepflegt. Sie hatte Krebs. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie sterben würde. Sie war Mitte fünfzig, sehr nett, ich habe sie auch außer meiner Dienstzeit betreut. Ihr Mann wollte nicht, dass sie ihren wahren Zustand erfuhr. Er glaubte, die Wahrheit würde sie umbringen. Durch die Privatversicherung der Familie wurde zu lange versucht, sie am Leben zu halten. Wie zu erwarten starb sie und er und sein Sohn konnten die Tragödie lange nicht überwinden. Der Besitzer bedankte sich mit einem Ölbild bei mir, mit einer serbischen Landschaft. So Karl, das ist der Grund, warum ich hier bevorzugt bedient werde.“
„Ach Leni, das ist schon okay.“
Er nannte sie Leni und sie fand es in Ordnung, wobei sie sich fragte, ob sie wohl in ihn verliebt sei. Ihrem Wesen nach war sie eine nüchterne, praktische Person, es passte nicht so recht zu ihrem Charakter. Bekannte, Freunde hatte sie nicht und sie vermisste auch nichts. Man ging meist Verpflichtungen ein, die man nicht wollte. Natürlich lernte sie junge Männer kennen, was meist mit einer Bettgeschichte endete. Eine echte Bindung war nie daraus entstanden. Die erwachsenen Knaben waren zu doof, eine Frau zu befriedigen und die alten Säcke wollte sie nicht. Ihr Vater war kein Mann großer Worte und Gefühle. Die Mutter versuchte das zu kompensieren, was in einer Affenliebe ausartete. Der Vater war Justizvollzugsbeamter und hatte in jungen Jahren ein Alkoholproblem. Als Schließer im Knast hatte er kein sonderlich gutes gesellschaftliches Ansehen. Das war der Grund, warum er zum Trinker wurde. Nach Entziehungskuren auf Kosten der Allgemeinheit wurde er als Beamter in die Verwaltung versetzt. Als Aktenschieber durfte er über die Flure stolpern und auf seine Pensionierung warten. Die Mutter hatte sich abgefunden und machte das Beste daraus.
Nach ihrem Examen als Krankenschwester suchte Lena eine kleine Einzimmerwohnung und lebte so, wie sie es für richtig hielt. Durch ihren Beruf fand sie in der Hilfe für Mitmenschen eine gewisse Befriedigung. Sie wusste wohl, dass die Voraussetzungen für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse nur durch Umgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung zu finden sei. Das war starker Tobak den man in Westdeutschland nicht laut propagieren durfte. Soweit ging die Toleranz nicht.
Das Essen im Restaurant war mehr als gut. Karl war erstaunt, dass auf dem Balkan so gut gekocht wurde. Er sagte es Lena und die meinte: „Glaubst du nicht, dass wir in einigen Dingen mit Vorurteilen behaftet sind?“
„Ja, da magst du Recht haben.“
Als sie gingen, hatte die Dämmerung eingesetzt. Kleine Geschäfte hatten schon geschlossen, doch in den Biergärten und gemütlichen Kneipen saßen überwiegend junge Leute und genossen die frische Abendluft. Karl Hent freute sich, ihm war an diesem Tag nur Schönes und Erfreuliches zuteil geworden. Diese kleine zarte Person hatte das möglich gemacht und in seiner noch düsteren Situation ein Fenster zu einer besseren Welt geöffnet. Er durfte bei Ihr die Nacht verbringen, ohne Asyl! Es überkam ihn ein Gefühl von Dankbarkeit und Freude.
Lena ging schweigend neben ihm. Auch sie machte sich Gedanken über den jungen Mann an ihrer Seite. Auf den ersten Blick wirkte er in seiner Größe schlaksig und unfertig obwohl er ja bereits Ende zwanzig war. Das störte sie aber nicht. Etwas Zeit und persönliche Erfolge würden das ausgleichen. Sie spürte sein Verlangen nach Wärme und Geborgenheit. Lena wohnte in einer so genannten Schlafstadt, Betonburgen mit einigen Stockwerken. Die Gebäude waren noch recht neu, etwas Grünfläche zwischen den Parkplätzen und hier und da ein kümmerliches Bäumchen. Hier wohnten Arbeiter und kleine Angestellte, zumal die Mieten hier noch bezahlbar waren.
Lenas Wohnung lag im obersten Stock, mit einem kleinen Balkon. Aus dieser Höhe war es ein herrlicher Blick über die Stadt, die allmählich von unzähligen Lichtern in allen Farben beleuchtet wurde. Das Wohn-Schlafzimmer war einfach aber gemütlich eingerichtet, die schmale Küche und das Badezimmer waren fensterlos und für eine Person konzipiert.
„Ich mache uns ein leckeres Mixgetränk und wir könnten fernsehen“, sagte Lena.
Karl war von der Wohnung begeistert. Er hatte immer zu Hause gelebt, als junger Mann noch in seinem Kinderzimmer. In Lenas Bücherecke fand er einiges interessantes und blätterte darin. Inzwischen stellte Lena zwei große Gläser auf das kleine Tischchen.
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