Das grauenhafte Geschöpf besaß jetzt nur noch einen einzigen Kopf und änderte seine Taktik. Es holte mit seinem stachelbewehrten Schwanz aus und schlug damit so kräftig wie möglich nach Jan, der völlig überrascht war, da er diese Art von Angriff nicht erwartet hatte. Der vernichtende Schlag traf ihn mit voller Kraft. Der Junge wurde in hohem Bogen durch die Luft geschleudert und prallte hart auf den felsigen Boden auf. Alle Knochen taten ihm weh und Blut sickerte aus mehreren tiefen Wunden. Benommen richtete er sich unter Schmerzen auf. Er hatte sein Schwert verloren und stand nun wehrlos dem furchteinflößenden Monster gegenüber, für das er jetzt zu einer leichten Beute geworden war.
Der letzte noch verbliebene Kopf schnellte hervor, um dem Jungen den Todesstoß zu versetzen. Jan sah sich seinem eigenen Tode gegenüber, denn nichts mehr konnte ihn retten. Er hatte keine Waffe, mit der er diesen verheerenden Angriff hätte abwehren können. Ohne Aussicht auf Rettung schaute er sich ratlos um. Das furchterregende Antlitz des grauenhaften Ungeheuers befand sich bereits unmittelbar vor ihm. Es war zu spät. Im nächsten Augenblick würden sich die langen und spitzen Zähne in seinen Körper bohren.
In diesem Moment entdeckte Jan neben sich einen großen Stein. Mit einer allerletzten Anstrengung nahm er den Felsbrocken auf, der so schwer war, dass er ihn kaum heben konnte. Der Junge spürte schon den nach Verderben riechenden Atem der todbringenden Kreatur in seinem Gesicht. Da stemmte er den Stein so hoch es ging und zertrümmerte mit aller Kraft den letzten Schädel des hässlichen Monstrums, das leblos auf den Boden sackte.
Jan atmete erleichtert durch. Das Ungeheuer war tot. Mit seinen eigenen Händen hatte er es getötet. Es war endgültig besiegt. Der Junge hatte damit etwas geschafft, was er bis zuletzt für unmöglich gehalten hatte. Jedoch fühlte er sich so schwach, dass er seinen großartigen Triumph nicht auskosten konnte. Seine blutenden Wunden schmerzten. Wankend schleppte er sich mit kraftlosen Schritten zum Höhleneingang.
Mit unsicherer Stimme rief er hinein: „Holde Maid, kommt heraus! Habt keine Angst. Euer Peiniger ist vernichtet.“
Zunächst geschah nichts.
Dann hörte Jan aus den Tiefen des Schlundes zaghaft rufen: „Ist das wahr? Besteht keine Gefahr mehr?“
„Aber ja, wenn ich es so sage“, entgegnete Jan entschlossen.
Nach einiger Zeit tauchte aus der Dunkelheit der Höhle ein wunderhübsches Mädchen auf. Sie war in ein kostbares Gewand gekleidet und sah bezaubernd aus. Ihr goldblondes Haar fiel ihr wogend über die Schultern. So ein liebliches und wunderschönes Geschöpf hatte Jan bisher noch nie gesehen. Sie mochte etwa so alt sein wie er. Mit leichten Schritten lief sie auf ihn zu und schloss ihn in ihre Arme.
„Dank dir, mein tapferer Retter“, hauchte sie zart.
Dann neigte sie ihren Kopf zu ihm und legte behutsam ihre Lippen auf seinen Mund, um ihn zu küssen.
Das Bild verschwamm und die gesamte Wahrnehmung verschwand. Jan bekam einen Schrecken, denn vor seinen Augen tauchte Piet auf, der ihm das Spielgerät vom Kopf genommen hatte und in seiner Hand hielt. Jan wusste nicht, was dies zu bedeuten hatte. Es musste etwas Unerwartetes geschehen sein, sonst hätte Piet das Spiel nicht unterbrochen.
Erst allmählich fand Jan zurück in die Realität. Er saß immer noch auf der Kante von Piets Bett. Obwohl er in der Fantasiewelt weite Strecken zurückgelegt hatte, war er in der realen Welt an seinem Platz geblieben. Jan war von den Eindrücken des Spiels überwältigt, sodass er nicht reagieren konnte. Es war so real, als ob er es tatsächlich erlebt hätte. Selbst der Schmerz, den er empfunden hatte, war echt, wenn auch nicht unerträglich gewesen. Am meisten hatte er das Erlebnis mit der Königstochter genossen, das ihn nachhaltig beeindruckte. Zu gerne hätte er ihren Kuss erwidert und sie dabei zärtlich liebkost.
Da Jan außer Piet keine Freunde auf der Mondstation hatte, war er auch mit keinem Mädchen befreundet. Seine einzigen Beziehungen zu ihnen gestalteten sich in ähnlicher Weise wie die zu seiner verhassten Cousine Mechthild. Daher sehnte sich Jan nach dieser Art von menschlicher Wärme und Zuneigung, wie er sie beinahe im Spiel erfahren hatte.
Piet legte seinen Finger auf die Lippen und gab Jan damit zu verstehen, dass er leise sein sollte. Der Junge hörte sofort den Grund dafür. An der Tür wurde heftig geklopft und das schrille Signal der Türklingel drang in seine Ohren.
„Los, aufmachen, sofort!“, forderte eine energische Stimme im Befehlston. „Hier ist der Sicherheitsdienst. Aufmachen, sonst entriegeln wir die Tür gewaltsam.“
Es war aus. Piet war entdeckt worden. Jan bekam panische Angst. Mit den Sicherheitskräften wollte er sich nicht anlegen. Piet stopfte das Spielgerät unter einigen Kram, der herumlag, und schlich leise zum Eingang.
„Du stellst dich hinter die Tür, so dass dich niemand sehen kann“, flüsterte er Jan zu. „Ich mache auf und lasse die Störenfriede herein. Während ich sie ablenke, passt du einen günstigen Augenblick ab und fliehst.“
„Und was wir aus dir?“, fragte Jan zweifelnd.
„Mach dir um mich keine Sorgen“, beruhigte Piet ihn. „Ich kann auf mich aufpassen. Mir wird schon nichts passieren.“
Genauso machten sie es. Jan stand hinter der Tür und Piet öffnete sie mit einem Ruck. Zwei Sicherheitsleute purzelten ihm fast entgegen, da sie nicht erwartet hatte, dass der Eingang so plötzlich aufgerissen wurde. Sie stürzten sich augenblicklich auf Piet und hielten ihn fest.
„Lasst mich los! Ich habe nichts getan. Was wollt ihr von mir?“, schrie Piet aus Leibeskräften und wehrte sich vergeblich.
Die beiden vom Sicherheitsdienst waren so sehr mit Piet beschäftigt, dass sie nicht auf Jan achteten.
‚Jetzt ist eine gute Gelegenheit zur Flucht’, dachte sich der Junge und stürmte aus der Tür.
Draußen auf dem Gang prallte er direkt gegen einen weiteren Sicherheitsmitarbeiter, der ihn sofort packte. Jan versuchte sich zu befreien, aber es gelang ihm nicht. Der Mann war stark und darin geübt, Flüchtende einzufangen.
Neben ihnen stand eine Frau, die offensichtlich die Vorgesetzte dieses Sicherheitstrupps war.
Sie beugte sich zu Jan hinüber und fragte ihn in verächtlichem Tonfall: „Wen haben wir denn hier?“
Als Jan nicht antwortete, nahm sie ein kleines Gerät von ihrem Gürtel und hielt es vor den Identifikator, den Jan um seinen Hals trug. In dieser kleinen Kapsel waren sämtliche wichtigen Informationen über ihn gespeichert. Alle in der Station mussten so ein Halsband tragen. Es diente als Ausweis und als Schlüssel.
Die Frau las die Daten von dem Gerät ab. In ihrem Gesicht erkannte Jan ein gewisses Erstaunen.
„Was treibst du dich in dieser verrufenen Gegend herum? Du gehörst nicht hierher“, sagte die Sicherheitsmitarbeiterin barsch.
Sie gab ihrem Kollegen, der Jan festhielt, die Adresse, die auf ihrem Lesegerät angezeigt wurde, und wies ihn an: „Bringen Sie den Jungen sofort dahin und sorgen Sie dafür, dass er dort in Empfang genommen wird!“
Dann deutete sie auf Piet und rief den beiden Sicherheitsleuten in seiner Wohnung zu: „Nehmt den da fest und durchsucht hier alles!“
Tante Martha war außer sich vor Wut, als Jan so spät nach Hause kam und dazu noch von einem Sicherheitsmitarbeiter begleitet wurde, der ihr berichtete, wo und unter welchen Umständen Jan aufgegriffen worden war. Geduldig ließ Jan das Geschimpfe seiner Tante über sich ergehen. Anschließend schickte sie ihn in sein Zimmer. Das machte ihm jedoch nichts aus, im Gegenteil, denn dorthin wollte er sowieso schnellstmöglich, um seine Ruhe zu haben. Er legte sich in sein Bett und versuchte zu schlafen, aber er musste ununterbrochen an Piet denken.
Jan wusste, dass Piet großen Ärger bekommen würde und eine strenge Bestrafung zu erwarten hatte. Er war traurig, dass er ihn voraussichtlich für eine längere Zeit nicht mehr sehen würde. Dabei war Piet für ihn der einzige Mensch auf dieser trostlosen Mondstation, von dem er sich verstanden fühlte. Fast noch schlimmer war, dass er durch Piets Verhaftung keinen Zugang zu dem Spielgerät mehr hatte. Dadurch war ihm die einzige Möglichkeit genommen, seinem Elend zu entfliehen. Jan hatte ein unbändiges Verlangen nach diesem Spiel. Am eigenen Leib spürte er, weshalb davor gewarnt wurde, dass das Spielen damit süchtig machte, wenn er es auch nicht zugeben mochte. Jan fühlte sich einsam und verzweifelt.
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