Piet schob einige Dinge beiseite und bot Jan einen Platz auf der Bettkante an. Zwischen allerlei Krempel holte er etwas hervor und setzte sich selbst auf den Stuhl gegenüber.
„Schau mal, was ich hier habe“, sagte Piet stolz und schwenkte vor Jans Augen einen Gegenstand herum, der aussah, wie ein breites Stirnband, an dem ein kleines Kästchen angebracht war. Jan lächelte voll freudiger Erwartung, denn er erkannte sofort, dass es eines von diesen Geräten zum Spielen in der künstlichen Realität war.
„Das ist ganz neu. Ich habe es erst letzte Woche von den Leuten vom Versorgungsschiff bekommen. Es ist viel besser als die alten. Du wirst staunen. So etwas gab es noch nie“, pries Piet das Spielgerät an und gab es Jan.
Der setze es sich sofort auf den Kopf und berührte zum Einschalten das kleine Kästchen an dem Stirnband.
Jan war glücklich. Durch das Spiel konnte er nicht nur der unerträglichen Enge der Mondstation, sondern der ganzen Welt mit all seinen unerfüllten Sehnsüchten entkommen. In der Scheinwelt, in die er nun eintauchte, gab es weder Schule noch Tante Martha und Mechthild. Hier fühlte er sich frei von allen Zwängen und Verpflichtungen, die ihm das strenge Leben auferlegte. Sogar das quälende Verlangen, so schnell wie möglich auf die Erde zurückzukehren, vergaß er. Solange er spielte, hatte er seine Freiheit wieder, die er so schmerzlich vermisste. Auch wenn diese Freiheit nur künstlich war, genoss er sie, denn sie war die einzige, die er auf der Station erlangen konnte.
Genüsslich schloss Jan seine Augen. Dichter, undurchdringlicher Nebel umgab ihn. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Unsicher tastete er sich voran. Der Duft von Tannennadeln stieg ihm in die Nase. Der Nebel lichtete sich und Jan erkannte, dass er mitten in einem Tannenwald stand. Er bahnte sich einen Weg, durch die Zweige, die ihn mit ihren Nadeln im Gesicht streiften. Alles wirkte real, als ob er es tatsächlich erlebte. Er sah nicht nur den Wald, er spürte und roch ihn auch.
Nach einigen Schritten erreichte Jan den Waldrand und blickte über eine bunte Wiese, die sich bis zum Horizont erstreckte. Er trat aus dem Wäldchen heraus und lief mit ausgebreiteten Armen durch das hohe Gras. Es war genau so eine Wiese, wie er sie von der Erde her kannte. Vor Glück machte er Freudensprünge und schlug Purzelbäume. Ausgelassen tollte er herum und fühlte sich so wohl wie lange nicht mehr.
Nachdem sich Jan ausgetobt hatte, sah er sich um. Weit entfernt erblickte er eine Burg. Es war ein großes, prachtvolles Bauwerk, in der ein mächtiger Herrscher regierte. Der Junge machte sich auf den Weg und ging darauf zu. Er kam viel schneller näher, als es die große Entfernung vermuten ließ. Nach kurzer Zeit hatte er die Festung erreicht. Die Zugbrücke war herabgelassen und zwei Wachen mit Hellebarden standen davor. Als er auf die beiden zuging, hatte Jan große Angst, dass sie ihn sofort ergreifen würden. Jedoch die Wachposten wichen zurück und verneigten sich unterwürfig vor ihm. Jan verstand zunächst nicht, weshalb sie das taten, aber als er an sich herunterschaute, stellte er fest, dass er eine prunkvolle Rüstung trug und ein stattliches Schwert an seiner Seite führte.
Ein Mann in höfischer Kleidung begleitete ihn in einen prächtigen Thronsaal. Von der Tür führte ein langer, roter Teppich bis vor den goldenen Thron, auf dem der König saß. Er hatte eine reich verzierte Krone auf dem Kopf und hielt als Zeichen seiner Macht ein edelsteinbesetztes Zepter in den Händen. Sein purpurroter Mantel besaß einen Kragen mit Hermelinfell. Jan trat vor den König und verneigte sich. Der nahm seine Ehrerbietung wohlwollend entgegen.
Nachdem Jan sich vorgestellt hatte, sprach der König in würdevollem Ton: „Dank dir, oh du kühner Ritter, dass du mir in der Zeit meiner größten Not Beistand leistest. Meine einzige und liebste Tochter ist von einem grausigen Ungeheuer entführt worden und wird von ihm in einer dunklen Höhle gefangen gehalten. Viele mutige Männer sind ausgezogen, um sie zu befreien, aber nicht einer von ihnen ist zurückgekehrt. Du bist meine allerletzte Hoffnung, mein Kind vor dieser fürchterlichen Bestie zu retten. Sollte dir Erfolg beschieden sein, gebe ich dir meine Tochter zur Frau und das halbe Königreich dazu.“
Jan nahm dir Herausforderung an, verneigte sich abermals vor dem König und verabschiedete sich. Draußen im Burghof erwartete ihn ein edles Ross mit schneeweißem Fell. Der Junge stieg auf und galoppierte durch das Burgtor hinaus. Er trieb das Pferd an und hatte bald die Festung weit hinter sich gelassen. Sein Weg führte ihn über saftige Wiesen und fruchtbare Felder. Gegen Abend kam er in ein enges Tal, in dem kein Gras und keine Bäume wuchsen. Die Berge rundherum waren pechschwarz und düstere Wolken bedeckten den Himmel. Jan fröstelte und er bekam Angst, schreckliche Angst. Schritt für Schritt ritt er umsichtig in das Tal hinein. Kein Laut war zu hören. Es herrschte unheimliche Stille. Kurz vor dem Ende der Schlucht stieg er ab und ließ sein treues Pferd zurück. Mühsam kletterte Jan über Felsen und Vorsprünge, bis er die Höhle des furchtbaren Scheusals erreichte.
Der Eingang klaffte vor ihm im Berghang wie der Schlund eines riesigen und grässlichen Untieres. Jan zitterten die Knie, als er sich mitten vor diese unheilbringende Öffnung stellte. Darin war nichts außer tiefes, unergründliches Schwarz zu erkennen.
Er fasste all seinen Mut zusammen und rief in das Loch hinein: „Komm heraus, du Ungetüm! Ich werde dich zerschmettern, du widerlicher Wurm.“
Der Junge zuckte vor Schreck zusammen, als er das Echo seiner eigenen Stimme aus den Tiefen des Höhlenschlundes vernahm. Aus dem Bau des abscheulichen Wesens drang dumpfes Grollen und furchteinflößendes Fauchen. Jan wäre am liebsten vor Angst fortgelaufen, aber er blieb und erwartete das Unausweichliche.
Der Gestank von Schwefel schlug ihm entgegen. Er konnte die Nähe des Monsters spüren, bevor er es erblickte. Im Höhleneingang erschien eine grässliche Kreatur, scheußlicher als er sie sich je hätte vorstellen können. Sie war riesengroß und besaß sieben Köpfe mit messerscharfen Zähnen in den weit aufgerissenen Mäulern. Der gesamte Körper war mit unzähligen Warzen bedeckt, aus denen eine ätzende Flüssigkeit quoll. An den Klauen befanden sich dolchartige Krallen und der Schwanz war mit spitzen Stacheln besetzt. Jan wurde bei dem Anblick übel und er wollte sich übergeben, aber dazu bleib ihm keine Zeit.
Schon sauste der erste Kopf direkt auf ihn zu und schnappte nach ihm. Der Junge konnte gerade noch zur Seite springen. Er hob sein Schwert und schlug dem Ungeheuer den ersten Kopf mit einem Hieb ab. Die übrigen Köpfte stimmten daraufhin ein vielstimmiges Wehgeschrei an. Aber Jan konnte sich nicht ausruhen, denn der nächste Kopf schnellte zum Kampf hervor. Jan stieß sein Schwert tief in den Schädel, bis dieser mit lautem Krachen zerbarst. Die restlichen Häupter gaben im Chor ohrenbetäubende Schmerzensschreie von sich.
Nun griffen Kopf Nummer drei und vier von beiden Seiten an. Jan duckte sich schnell, bevor er zwischen den beiden Schädeln zermalmt wurde. Stattdessen prallten die zwei Köpfe mit voller Wucht aufeinander, so dass sie benommen zu Boden sanken. Hastig durchtrennte Jan die beiden Hälse, die schlaff herabhingen, sodass der Bestie nur noch drei von ihren sieben Häuptern blieben.
Die Kreatur wurde vorsichtiger und attackierte Jan nicht mehr direkt. Sie streckte den einen Kopf vor und zuckte immer wieder ein Stück zurück, wenn Jan ihm zu nahe kam. Der Junge bemerkte, dass das Ungeheuer ihn damit nur täuschen wollte, während sich ihm in seinem Rücken ein weiterer Kopf näherte. Jan durchschaute die List und wandte sich ruckartig um. Mit einem gewaltigen Schwerthieb spaltete er den Schädel, der ihn von hinten angriff, in zwei Teile. Blitzschnell drehte sich Jan zurück und bohrte sein Schwert in die Stirn des Kopfes, der ihn zuvor abgelenkt hatte.
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