Sam interessierte sich auch für Renés Arbeit und fragte ihn auf den langen Autofahrten oder bei gemeinsamen Abenden in ihrem oder seinem Häuschen, womit er sich beschäftige. Er erzählte von der Arbeit im Psychiaterteam und auch von seinen geplanten Vorträgen über „bipolar disorders“. „Weißt du“, sagte er, „ich suche nach einer Verbindung zwischen dem Individuum und gesellschaftlichen Einflüssen. Es ist als Symptom einer manischen Episode bekannt, dass die Betroffenen ein unkontrollierter Kaufzwang beherrscht. Aber ist es nicht auch wichtig, was sie kaufen? Woher kommt das und was hat das mit ihnen, ihrem Leben zu tun? Ein junger Patient von mir kaufte zum Beispiel die teuersten und besten elektronischen Geräte, Fernseher, Smartphones. Dahinter steckt ein Ziel, das aber von der Industrie und der Werbung vorgegeben wird. In einem anderen Land, einer anderen Gesellschaft käme niemand auf die Idee, sich mit Handys zu verschulden, weil ihn niemand dafür bewunderte. Wenn solche 'Early Adopters' nicht bewundert oder gar beneidet würden, gäbe es sie wohl nicht.“
Der Winter zog ins Land. Sie besuchten noch Washington, die Nachbarstadt und fuhren immer wieder ans Meer, genossen die Weite. Doch die drei Monate waren im Dezember fast abgelaufen und immer wieder wurde René das Herz schwer, wenn er an Berlin dachte. Sie schliefen seltener zusammen, Sam respektierte seine gedrückte Stimmung, war aber nachdenklich. Zu Weihnachten kündigte Sam an, sie wolle zu ihren Eltern in eine kleine Stadt am Susquehanna River fahren, aber den Jahreswechsel könnten sie zusammen verbringen. René meinte, er habe sicher eine Weihnachtsfeier im Hospital zu überstehen und werde nicht vereinsamen.
Trotz der turbulenten Weihnachtsfeier im Hospital mit allen Kolleginnen und Kollegen, mit roten, fellbesetzten Mützen und Gelächter wurde Renés Stimmung nicht besser. Als er mit Sam eine Beziehung begann, hatte er aufgehört an Beate in Berlin zu schreiben. Es ging einfach nicht. Doch nun, als die Rückkehr näher kam, merkte er, dass er sich darum gedrückt hatte, dass er sie und ihre Gefühle nur beiseite geschoben hatte. „Und wenn du einfach da bleibst“, sagte eine innere Stimme, „deine Sachen und die Wohnung in Berlin hast du schnell verkauft. Was hält dich dort noch? Eine Stelle und eine Praxis findest du hier auch! Und Sam liebt dich.“ Aber René wusste, dass er es in den USA nicht lange aushalten würde. So schöne Flecken es hier auch gab, mit der amerikanischen Kultur und Lebensweise konnte er sich nicht anfreunden, schon gar nicht auf Dauer. Er würde immer die Sprache vermissen, die Auseinandersetzungen in seinem Fach und – vermisste er Beate, die gebeutelte, tapfere Kommissarin? Sie hatten es nicht geschafft, sich einmal zu lieben, immer war ihnen der Mörder aus dem Kleist-Fall dazwischen gekommen. Aber es war nichts geklärt, er würde wieder einen Abschied verkraften müssen, ohne sich auszusprechen, so wie damals den durch den Unfall erzwungenen Abschied von seiner Frau Anita. Er musste wieder nach Berlin zurück.
Auf diesem Hintergrund verlief die Silvesterfeier erwartungsgemäß verheerend. Nicht nur seine innere Stimme, auch Sam fragte ihn, ob er nicht in Baltimore bleiben wolle, bei ihr bleiben wolle. René erklärte ihr, warum er das nicht könne. „Erzähl mir von dieser Polizistin in Berlin“, forderte Sam. Er erzählte ihr die ganze Geschichte. Sam ging zum Fenster und schaute auf die verschneite Stadt. „Wie schön für dich. Es gibt also zwei Frauen, die dich lieben.“ Dann drehte sie sich um und schrie ihn an: „Und warum bin ich diejenige, der du wehtust? Warum ist es nicht deine deutsche Polizistin? Was bist du für ein Egoist! Wieso hast du es zugelassen, dass ich mich in dich verliebt habe? Wir hätten ein paar schöne Tage verbringen können, so what? Müsst ihr Männer immer verletzen?“
René stammelte: „Es war so schön und so – unbefangen mit dir! Ich habe einfach nicht mehr an Berlin gedacht.“
„Fuck beautiful, fuck ingenuous! Ich war also nur eine Urlaubsliebe und kann auf den nächsten Hopkinsgast warten!“ Damit fing Sam an, die Einrichtung ihres Häuschens systematisch zu zerstören, sie schmiss Porzellan an die Wand, fegte Bücher aus den Regalen. René ging auf sie zu und umarmte sie, hielt sie fest. Sie schluchzte auf, erwiderte die Umarmung, bis sie sich löste, ein Papiertaschentuch nahm und schneuzte. „Und jetzt lass mich bitte allein. Geh!“ René ließ die Arme sinken und ging hinüber zu seiner Wohnung. Er hatte Sam nicht mehr gesehen bis zu seinem Abflug.
Mit einem Ruck setzte die Maschine auf dem Flughafen Tegel auf. Wenig später hielt das Taxi vor seiner Haustür in Charlottenburg und René stieg die Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Als er die Tür aufschloss, überwältigte ihn das Gefühl zu Hause zu sein. Es war alles vertraut, aber nicht mehr bedrückend. Er atmete tief ein und sagte: „Good luck for you, Sam, and many thanks for your love. I won't forget you.“
Beate hatte Rufdienst. Da sie keine Lust hatte, im Kino oder bei Freunden im Gespräch durch das Handy herausgerissen zu werden, saß sie zu Hause bei einem Buch. Damit ihre Wohnung nicht allzusehr Einsamkeit ausdünstete, hatte sie eine CD aufgelegt, ein Geschenk von René, als sie an der Ostsee war: „Gently Disturbed“ hieß das Album, von einem Bassisten Avishai Cohen. Sie bewegte sacht den Kopf zu der ruhigen Musik, die Stehlampe hinter dem alten Ledersessel schnitt einen warmen Lichtkegel in die Dunkelheit des Zimmers. Sie las John Baileys „Elegie für Iris“, den Bericht über die Alzheimererkrankung der Dichterin Iris Murdoch. Da spielte ihr Handy den Anfang der 4. Symphonie von Mendelssohn-Bartholdy. Gottlob war Scheck dran. Menzel hatte den Abend frei. „Che...Beate, wir haben einen Einsatz in Lichtenberg. Willst du alleine hinfahren oder soll ich dich abholen?“ Beate nahm das Angebot abgeholt zu werden dankbar an. Scheck wusste, wo sie wohnte. Sie zog sich in Ruhe warm an.
Als Scheck ankam, stand sie schon vor dem Haus. Sie stieg hinten ein, auf dem Beifahrersitz saß Kira, die Kommissaranwärterin. Scheck fuhr los, auf der Alboinstraße setzte er das Blaulicht aufs Dach und beschleunigte. Kira teilte mit, dass jemand am Prenzlauer Volkspark eine Tote gefunden habe – in einem Altkleidercontainer. „Wir werden wahrscheinlich die ersten am Fundort sein. Bis die KT losgefahren ist, wird länger dauern, als bei uns. Der Pathologe war in einem Konzert.“ Beate mochte die sachliche, knappe Art der jungen Polizistin, die in dieser Dreierkonstellation viel offener wirkte.
Nach einer halben Stunde kamen sie in der Maiglöckchenstraße an, die Streifenpolizisten hatten schon abgesperrt und einen Scheinwerfer auf den Container gerichtet. „Ich wusste gar nicht, dass hier ein Park ist“, staunte Kira. „Das ist der Prenzlauer Volkspark, hier ist auch der einzige Berg im Ortsteil Prenzlauer Berg, 91 m hoch. Aber der Name stammt eigentlich von einem urgeschichtlichen Höhenzug, dem Barnim. Die alten Berliner wohnten ja in einem Urstromtal und die nördlichen Dörfer waren viel höher“, dozierte Scheck. „Genug davon, an die Arbeit“, mahnte Beate. Sie ließ sich von dem uniformierten Kollegen Bericht erstatten. „Eine ältere Dame aus den Wohnhäusern hier am Park wollte eine Plastiktüte mit Altkleidern in den Container werfen, da sah sie im Licht der Straßenlaterne einen Arm aus den Kleiderbündeln ragen. Sie ist sofort nach Hause gelaufen und hat angerufen. Ich hab sie in der Wohnung gelassen. Sie ist völlig mit den Nerven fertig.“ „Gut gemacht, wir können sie ja noch befragen, Sie haben ja die Anschrift.“ Beate ging zu dem Container. Die Kollegen hatten inzwischen die Vorderfront abgenommen, sodass sie an den Inhalt des Containers herankonnten. Zwischen den Mülltüten, aus denen Kleidungsstücke quollen, lag die Leiche eines Mädchens oder einer jungen Frau. Durch das gewaltsame Ablegen im Container sah man Schürfwunden an Armen, Beinen und am Rumpf. Das Mädchen, Beate schätzte sie auf höchstens 16 Jahre, trug ein einfaches weißes Nachthemd aus einem groben Leinenstoff, sie war blass, die Haut war fahl und sie war außergewöhnlich dünn. „Sieht ganz ähnlich aus wie die Tote in Rummelsburg“, flüsterte Scheck. Beate, die Handschuhe angezogen hatte und die Leiche oberflächlich begutachtete, nickte und sagte: „Ja, ich kann auch keine besonderen äußeren Verletzungen erkennen. Es sieht tatsächlich aus, als hätte sie jemand weggeworfen.“ Sie wendete sich an Kira: „Komm, wir besuchen die Frau, die sie gefunden hat. Scheck wartet auf die KT und den Pathologen.“
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