„Und was ist die „wahre Gesundheit“?, fragte Andrea und deutet auf das Menü. Stefan blätterte in seinem Notizbuch und zog sie auf seinen Schoß.
„Bist du sicher, dass ich das noch hören will?“, fragte sie und fing an, an seinem Ohrläppchen zu knabbern.
„Du hast mich etwas gefragt, und als wohl erzogener Mann gebe ich dir bereitwillig Auskunft. Das ist nämlich ziemlich raffiniert und gar nicht dumm von der Ausgangsbeobachtung. Die schreiben nämlich, die Menschen seien heutzutage völlig abhängig von den Ärzten und der Pharmaindustrie. Wegen jeder Kleinigkeit liefen sie zum Doktor und ließen sich etwas verschreiben. Die Ärzte haben für ernsthafte Beschwerden fast keine Zeit mehr und auch nicht für eingehende Gespräche mit ihren Patienten. Genau das habe ich neulich in dem Bericht des Chefarzts einer Klinik gehört. Und hier ist die Lösung natürlich, dass oft die Berührung eines Menschen genüge, der voll der göttlichen Liebe sei, um solche Irritationen zu beheben. Gewiss, Placebos helfen ja oft auch. Aber was passiert, wenn du vom Handauflegen nicht gesund wirst? Bist du dann nicht fest im Glauben? Bist du gar verstockt und alles fällt auf dich zurück? Ich denke, in solch einer Sekte hast du keine Chance, immer haben die anderen Recht, denn sie sind im Besitz der Wahrheit. Interessant ist auch noch deren Auffassung von Erziehung, denn aus der „wahren Erziehung“ geht hervor, dass körperliche Gewalt und Züchtigung durchaus legitime Methoden sind, um die Kinderlein auf den rechten Weg zu bringen. Aber im Vordergrund steht die absolute Kontrolle über dein Leben. Die haben Schulen, Wohngemeinschaften, Kliniken, Rehazentren, vor allem für Drogenabhängige, Beratungsstellen für Angehörige. Alles klingt im ersten Augenblick engagiert, hilfsbereit, konsequent.“
„Aber du trittst jetzt nicht ein in diesen Verein“, schmollte Andrea. „Komm jetzt lieber, ich will sehen, welche Wirkung mein Handauflegen bei dir hat.“
Ein neuer Keller, eine neue Zelle. Sie haben uns schon das dritte M al verlegt. Immer mit einem Kartoffelsack über dem Kopf und gefesselt in einem geschlossenen Lieferwagen. Ich fühle mich allein, einsamer als je zuvor. Schon lange habe ich nichts mehr von Amira oder von Circea gehört, kein Klopfen, kein Kratzen – nichts. Vielleicht sind sie schon – erlöst? Fast beneide ich sie. Ich halte noch aus, weiß nicht, woher mein Körper die Kraft nimmt. Oder ist es nicht der Körper? Ist es die Weigerung, eine Schuld einzusehen, die man mir eingeredet, aufgezwungen hat? Was habe ich um Gottes Willen getan? Was werft ihr mir vor? Was mein Vater über mich gesagt hat, verbreitet hat? Ich sei ein von Grund auf verderbtes Kind, vom Satan besessen und von ihm dafür bestimmt, fromme Seelen wie die seine ins Verderben der fleischlichen Lust zu locken?
Papa, ach, Papa, was hab ich dir getan? Ich war nichts anderes als ein Mädchen, das seine Eltern, das dich, meinen Papa, von Herzen geliebt hat! Bestand mein Vergehen darin, dass ich versucht habe, dir meine Liebe auszudrücken, indem ich dich geherzt und geküsst und umarmt habe? Oh ja, ich habe wohl bemerkt, dass du in den Umarmungen steif geworden bist, dass du meine Küsse abgewehrt hast. Oft genug habe ich mir Vorwürfe gemacht, es sei nicht genug, es sei nicht richtig, wie ich meine Gefühle ausdrücke. Mama hat mir gesagt, ich solle beten, dass meine Gefühle erhört würden, wenn ich nur genügend bete, würde alles gut werden. Es wurde aber nicht gut. Es wurde nur schlimmer. Irgendwann schaute mich Mama an, und ich fühlte, wie sie dachte: Sie betet nicht genug, sie betet nicht aufrichtig. Wenn Hans-Dieter ihre Liebe nicht fühlt, ist es nicht seine Schuld, sie ist nicht aufrichtig, ist nicht fest im Glau ben.
Ja, das mag ja sein, ich weiß nicht, was das heißt, fest im Glauben zu sein. Ich weiß nur, dass ich meine Eltern geliebt habe, meinen Papa und meine Mama. Aber sie haben mich der Inquisition übergeben, und ich wurde zum irdischen Fegefeuer verurteilt, zur Austreibung des Bösen aus meiner Seele und aus meinem Leib. Und ich weiß, dass ich das nicht überlebe, dass ich das nicht überleben soll. Oh Gott! Wenn es dich gibt, warum weißt du nicht, was wahr ist? Hörst du mich nicht? Es sind doch nicht nur meine Rufe, es sind doch viele, die dich rufen wie ich! Gott, mein Gott, hast du mich verlassen? Ich, Virginia, lege mein Schicksal in deine Hände, mein Leben. Ich habe solchen Durst.
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