„Echt? Ey, ich hab da in der Zeitung gelesen, dass sie zwei unbekannte junge Frauen gefunden haben. Keiner weiß, wer sie sind und wo sie herkommen.“
Mir stieg ein dicker Kloß in den Hals. „Das waren sie wohl. Amira und Emilia. Sie haben es also nicht geschafft.“ Mir liefen die Tränen über die Wangen.
„Und jetzt sind sie hinter dir her?“
„Ja, ich weiß zu viel. Wenn mich die Wächter erwischen, bin ich echt dran.“
„Die Wächter? Klingt wie ein Computerspiel.“
„Ist auch völlig irre. Aber Schluss damit. Ich muss halt aufpassen. Sie sind überall, ich hoffe nur nicht bei deinen Kumpeln.“
„Hab noch nie gehört, dass da einer bei irgendeiner Gruppe ist. Wir sind alle eingefleischte Eigenbrötler.“
Dann liefen wir die Kurfürstenstraße bis zum Park am Gleisdreieck. Wir standen zwischen den beiden Brücken der U1 und der U2. Klärchen wandte sich kurz nach links und bedeutete mir mitzukommen. Treffpunkt war das Café Eule, eine Holzhütte, in der tagsüber Kaffee ausgeschenkt wurde. Die drei Typen, die dort warteten, zogen die Augenbrauen hoch, als Klärchen mit mir ankam. Er versicherte ihnen aber, ich sei in Ordnung. Dann ging es einige Meter nach Süden, bis wir an der Tunnelmündung der S1 standen. Der Tunnel der S2 und S25 lag ein paar Meter daneben. Klärchen meinte: „Das wird jetzt nicht ganz ungefährlich. Wir wollen in den Tunnel, müssen aber aufpassen, dass uns keine Bahn überrascht. Die haben einen mächtigen Sog, wenn sie vorbeirauschen und du musst dich irgendwo festhalten können. Bleib am besten dicht bei mir.“
Ich nickte und wir kletterten die Notfalltreppe an der Tunnelmündung hinunter. Bevor die Jungs anfangen konnten, die Tunnelwände zu verschönern, erklang ein greller Pfiff. Das hieß, ein Zug kam von Süden. Wir stiegen über die Gleise der Gegenrichtung und drückten uns an die Wand, bis die S-Bahn vorbeigerauscht war. Nach etwa zwei Stunden und etlichem Hin- und Hergerenne wegen sich nähernder Bahnen verließen wir den Tunnel und kletterten wieder nach oben. Die Jungs verabschiedeten sich mit einem Abklatschritual und gingen in verschiedene Richtungen.
Ich sagte zögernd: „Klärchen, sag mal, kann ich vielleicht bei dir pennen? Ich hätt gerne mal ein Dach überm Kopf und nicht nur Berber neben mir.“ Er nickte und meinte: „Kein Problem. Komm mit.“ Wir liefen zum nächsten S-Bahnhof Yorckstraße, stiegen Friedrichstraße um und fuhren bis zum Bahnhof Wedding. Dort folgte ich Klärchen durch einige Straßen, bis wir vor einem Haus standen, das recht verwahrlost aussah. „Miete is eben billig. Wenn sie erstmal anfangen zu renovieren, ekeln sie dich gleich raus.“ Wir stiegen drei Treppen hoch und Klärchen öffnete mir die Tür. Wir standen in einem kleinen Flur, von dem Küche und Bad abgingen. Am Ende blickte man in ein Zimmer mit Hochbett. Darunter stand ein Sofa. „Kann man ausziehen. Da kannst du schlafen.“ Ich zog meinen Mantel aus. Klärchen prustete los: „Wie siehst du denn aus?“ „Hab ich in einem Hotel geklaut, wo ich duschen war. Meine alten Sachen hab ich weggeschmissen, war eh nur ein altes Nachthemd.“
„Okay, willst du noch was trinken?“ Ich nickte. „Ne Flasche Rotwein hab ich noch offen.“ Klärchen holte zwei Gläser und wir tranken die angebrochene Flasche leer. Er schmeckte wesentlich besser als der Dornfelder oder der Sangria von Aldi im Tunnel. Ich zögerte und sagte dann: „Aber du denkst jetzt nicht an ...“ Klärchen rubbelte mir die Haare und meinte nur: „Keine Sorgen.“
Ich zog mein Kleid aus, wickelte mich in die Gästedecke von Klärchen und versuchte den Tag zu vergessen, nicht den Abend. Als Klärchen über mir im Hochbett lag, sagte ich noch schläfrig nach oben: „Wie heißt du'n eigentlich wirklich?“ Seine Antwort hörte ich schon nicht mehr.
Als ich aufwachte und auf eine Uhr an der Wand schaute, war es drei Uhr nachmittags. Ich hatte volle 15 Stunden geschlafen. In der Küche fand ich einen Zettel: „Lauf nicht weg. Nimm, was du möchtest. Ich komm gegen Abend. Max.“ Ich ging erst noch einmal duschen. Wer weiß, wie lange ich den Komfort noch hatte. Zu kochen und herumzukramen hatte ich keine Lust. Ich zog mich wieder als Zimmermädchen an, schlüpfte in meinen Mantel, setzte Mütze und Sonnenbrille auf und ging auf die Straße. Einen Schlüssel hatte Klärchen mir hingelegt. Zwei Häuser weiter war ein türkischer Bäcker, der Kaffee anbot. Ich kaufte mir einen Pott Kaffee und zwei Hörnchen, die ich andächtig verzehrte. Die junge Türkin am Tresen schenkte mir noch ein Rosinenbrötchen, als sie merkte, dass ich nicht satt wurde. Ob es in der Nähe ein Kaufhaus oder einen Klamottenladen gebe, fragte ich sie. Sie erklärte mir den Weg zu einer C&A-Filiale. Dort versorgte ich mich mit Unterwäsche, Sweatshirts und Schal. Bei einem Friseur ließ ich mir die Haare kurz schneiden. Auf dem Rückweg kaufte ich mir eine Zeitung und eine große Flasche Mineralwasser. Im Lokalteil stand etwas über den letzten Fund eines toten Mädchens: „Immer noch keine Spur – wer war das tote Mädchen?“ Sie zeigten ein Bild der toten Emilia und eine Telefonnummer für „sachdienliche Hinweise“. Ich griff zum Telefon, legte den Hörer aber gleich wieder hin. „Viel zu gefährlich, warnte mich eine Stimme. Du weißt doch gar nicht, ob sie nicht Leute bei der Polizei haben.“ Das war sogar ziemlich wahrscheinlich. Sicher gab es frömmelnde Bullen, gerade weibliche. „Was für ein Quatsch!“, sagte eine andere Stimme. „Glaubst du, die verfolgen dein Gespräch zurück? Das ist doch keine Entführung! Und irgendwann musst du die Bullen anrufen. Die wissen doch gar nicht, dass da noch mehr Menschen eingesperrt sind und in Lebensgefahr schweben. Die wissen eigentlich überhaupt nichts.“ Am Nachmittag regte sich wieder der Hunger. Ich ging noch einmal los und kaufte eine Packung Spaghetti und ein Glas Tomatensauce mit Kräutern und einen Kopf Salat. In der Wohnung fing ich an zu kochen und vertilgte schon einmal eine mächtige Portion. Für Klärchen ließ ich etwas übrig. Als er am Abend kam, hatte ich mich längst umgezogen und sah fast aus wie eine normale Zwanzigjährige. Klärchen staunte Bauklötzer, als er mich sah. „Hey, bist du's wirklich, äh...wie heißt du eigentlich? Ich hab dich gestern noch gefragt, aber du hast schon gepennt.“
„Meinen richtigen, bürgerlichen Vornamen weiß ich gar nicht mehr. Wir Sektenkinder kriegen immer neue Namen. Ich wurde „Circea“ genannt.“ Max-Klärchen schüttelte den Kopf. „Das ist eine Pflanze: das gemeine Hexenkraut, circaea lutetiana. Kommt wohl von der griechischen Circe.“ „Woher hast du das, Klärchen?“ „Bio-Leistungskurs und Interesse für Kräuter. Was dagegen, wenn ich dich Zea nenne? So komm ich um Circe herum, und wie eine Verführerin wirkst du nicht gerade, obwohl man in deine grünen Augen echt reinstürzen kann.“ Ich musste lächeln, so ein Kompliment hatte ich noch nie gehört, und in meinem Bauch fing es an zu kribbeln. Dann wirtschaftete ich am Herd herum und präsentierte ihm einen Teller mit Nudeln und ein Schälchen Salat. „Bitte sehr, die Hexe hat gekocht!“ Er gab mir einen Kuss auf die Wange, was meinen Herzschlag auf einmal vervielfachte. Dann setzte er sich und mampfte. Zwischendrin sagte er: „Findest du nicht, du solltest bei den Bullen anrufen? Die wissen doch gar nicht, was da läuft.“
„Ich trau mich noch nicht. Vielleicht legen sie mich rein und liefern mich aus.“ „Wem denn? Erzähl doch mal!“
„Nee, lieber nicht, ich mag nicht daran denken, sonst steck ich wieder mitten in der Angst.“
Wir plauderten noch lange weiter. Klärchen erzählte von seinem Pharmaziestudium und dass er in einer Apotheke aushelfe. Irgendwann hielt er mir den Telefonhörer hin und sagte: „Los, nun probier's doch mal.“ Ich seufzte, schaute in die Zeitung nach der Nummer und wählte. Nach einigen Klingeltönen wurde abgenommen und eine etwas müde Frauenstimme sagte: „Landeskriminalamt Lehndorf, was kann ich für Sie tun?“
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