Ja, sie hätte sterben können, wäre verbrannt, wenn nicht René sie gerettet hätte, der Psychiater, den sie als Kleistkenner bei ihrem letzten Fall kennen gelernt hatte. Sie hatte sich in ihn verliebt.
René Beauchamps. Sie seufzte und schlang ihre Arme um die Brust. Anfangs hatte er sie noch besucht, in der Klinik und dann in der Reha-Klinik in Wismar, er war freundlich gewesen wie immer, aber auch distanziert nach ihrem Geständnis, dass sie ihn liebe. Dann erhielt er im September ein Angebot, als Gastprofessor in die USA zu reisen, für drei Monate. Anfangs hatte er noch aus Baltimore geschrieben, dann versiegten die Briefe. Er war wohl noch auf einer Rundreise durch die Staaten. Sie wusste nicht, wie es ihm ging, wie es mit ihnen ging. Sie fühlte sich alleine wie früher, noch schlimmer, seitdem Benjamin in Dresden war. Sie trank. Es klopfte. Scheck steckte den Kopf in den Türspalt. „Beate, kommst du mit? Es gibt eine Leiche.“
Manni Schulz fuhr die Rummelsburger Landstraße nach Westen. Sein Beifahrer war Ralph Demuth. Sie sollten einen Schuttcontainer am Ende der Rummelsburger laden und zurück nach Altlandsberg bringen. „Wat hat Chef jesacht, wo det jenau is?“, fragte Manni. „Mensch, du hast aber ooch mehr Sieb als Jedächtnis“, maulte Ralph.
„Ick fahre, mein Bester, ick muss ma konsentriern, vastehste? Da kannste mir den kleenen Gefallen mal tun, wa?“
„Also jut, jenau uff der Höhe von de Shelltanke jeht et rechts rin. Außerdem, meine Herren“, Ralph machte den Chef nach, „sehen Sie hinter der Tankstelle das ausgedehnte Gelände des Funkhauses Nalepastraße, Sitz des früheren Rundfunks der DDR. Und wenn Sie weiter über die Spree blicken – blicken, det musste dir mal vorstellen – sehen Sie bestimmt das Riesenrad des alten Spreeparks im Plänterwald.“
„Als ob wir det nich kennen, hält der uns für nen Wessi-Grünschnabel, wie er einer is?“, knurrte Manni. „Ick war noch mit meen Vadder im Spreepark, als allet noch funktionierte.“
Ralph rief laut: „Achtung, wir sind gleich da! Da vorne is die Tanke!“
Manni fuhr langsamer und bog in einen unbefestigten Weg ein, der parallel zur Straße lief, bis er wieder in die Rummelsburger mündete. Da stand auch der große gelbe Schuttcontainer, mit einer grünen Plane bedeckt. Manni rangierte vor den Container und fuhr die beiden Ausleger mit den Ketten aus.
„Nu mal hopp, Ralfi!“, scheuchte er seinen Beifahrer, „flott die Ketten festjemacht! Und prüf nochmal, ob die Plane auch dicht ist! Du weißt, wie’s neulich war, als wir alles hinter uns eingestaubt haben. Bloß’n Glück, dass keene Klamotten runterjekommen sind.“
Ralph sprang aus dem LKW und wollte auf seiner, der Straße abgewandten Seite, anfangen. Er war gerade dabei, die Ketten einzuhaken, als er merkte, dass die Plane an einer Stelle geöffnet war. Außerdem...
„Manni! Manni!“
„Wat is denn, Ralfi?“
„Da is was!“
„Na, wat is denn da?“
„Da hängt’n Been raus!“
„Mann, Ralfi, wat du dir immer zusammenspinnst!“ Manni kletterte vom Bock und ging auf die andere Seite zu Ralph. Der zeigte schreckensbleich auf eine Öffnung zwischen Plane und Container, aus der ein Unterschenkel ragte, die Kante im Kniegelenk. Manni wiegte seinen Kopf. „Det woll’n wir doch mal sehen.“ Bevor er an der Seite hochkletterte, sagte er noch zu Ralph: „Haste neulich den Krimi jesehen? Da dachte ooch eener, er hätte ne Leiche jefunden in nem Container. Und denn war’s ne Prothese. Und de Polizei war schon mit'm janzen Fuhrpark anjerückt.“
„Det is ne Leiche, sag ich dir“, zitterte Ralph, „ick gloob sojar det is 'n Mädchen. Guck dir doch mal den Fuß an.“
Manni stand inzwischen auf dem Blech, in das die Ketten eingehängt wurden. Er hob die Plane hoch und lugte darunter. Dann sprang er herunter, ebenso bleich wie Ralph und sagte: „Recht haste, det is n' totes Mädchen.“
„Wat mach'n wir'n jetze?“
„Nu dreh mal nich durch, Ralfi, setz dir mal in'n Wagen rin und trink was. Ick ruf mal die Bullen an und sach dem Chef Bescheid. Der wird sich freuen, det weeß ick schon.“
Manni zog sein Handy aus der Gürteltasche und tippte 110.
„Ja, hallo, die Polizei? Ja, wir haben hier ne Tote jefunden, also ne Leiche jewissermaßen. Wo hier is? Na, inne Rummelsburger Landstraße, jenau gegenüber vonne Shelltanke und von det Funkhaus. Mit wem...? Also, ick bin Manni, also Manfred Schulz und mein Beifahrer, das ist der Ralph … Demuth, mit h hinten, aber det is jetzt nich so wichtig. Wo wir...? Innem Container, den wollten wir abholen. Ja, klar, wir bleiben vor Ort und warten, bis Sie kommen. Und nüscht anfassen, un'nich rumtrampeln, allet klar.“
Dann sah Manni nach Ralph, der mit blasser, spitzer Nase im Führerhaus saß. „Die werden wohl bald kommen. Weeßte wat, du passt hier schön auf, rührst dir nich vom Fleck und ick hol uns mal 'n Kaffee von gegenüber. Chef ruf ich später an.“
Er wartete, bis er die Rummelsburger Landstraße überqueren konnte. Seine Hände zitterten.
Schneller als erwartet, kamen Scheck und Beate vorwärts. Auf der Stadtautobahn und durch den Britzer Tunnel in Richtung Schönefeld ging es problemlos. An der Johannisthaler Chaussee mussten sie die Autobahn verlassen. Als sie in der Rummelsburger Landstraße 6 ankamen, waren alle schon da: die Kriminaltechnik, der Forensiker Dr. Traber und Wolfgang Menzel, der natürlich die junge Kommissaranwärterin mitgenommen hatte. Über den Köpfen zerflogen die Dampfwolken der kondensierten Atemluft. Traber stand auf einer Leiter der KT und untersuchte das Mordopfer, das oben auf dem Schuttcontainer lag. „Was können Sie sagen, Dr. Traber?“, drängelte Menzel. Traber blickte unwillig auf ob der Störung, da sah er Beate, die mit Scheck vor dem Container stand. Seine Falten zogen sich nach oben, dass man es für die Andeutung eines Lächelns halten konnte und er sagte: „Frau Hauptkommissarin Lehndorf, willkommen in der wirklichen Welt.“ Das war schon eine der größten Freundlichkeiten, deren er fähig war. Gleich darauf nahmen die Falten wieder die gewohnte mürrische Lage ein und er knurrte zu Menzel: „Fassen Sie sich in Geduld, Herr Hauptkommissar. Ihren Zauberer müssen Sie selbst mitbringen.“ Er beschäftigte sich wieder mit der Toten, schüttelte immer wieder den Kopf, bis er Anweisung gab, die Leiche aus dem Container zu holen. Vorher hatte der Polizeifotograf schon den Tatort aus allen Perspektiven fotografiert. Als die Tote vor ihnen lag, dozierte Traber: „Das Opfer ist etwa 18-20 Jahre alt. Es sind keine äußeren Verletzungen erkennbar, die zum Exitus geführt haben können. Aber wie Sie an dem Stand der Abmagerung erkennen können, kann hier ein Marasmus vorliegen und gleichzeitig eine Exsikkose.“ „Auf Deutsch, bitte, Herr Dr. Traber!“, monierte Menzel. Der seufzte und sagte: „Schwere Unterernährung und Austrocknung. Der Tod kann letztlich durch Infektionen eingetreten sein, verursacht durch den Proteinmangel, aber eben auch durch Dehydrierung. Genaueres später.“
Kira Worms flüsterte: „Weggeworfen wie Abfall hat man das arme Ding.“ Beate registrierte mit hochgezogenen Augenbrauen, dass Menzel tröstend den Arm um sie legte und sagte: „Deshalb fangen wir gleich an zu arbeiten, um die Sache aufzuklären. Wir fahren ins Präsidium und du kannst mit Leni recherchieren, ob das Mädel vermisst gemeldet ist. Scheck und Beate, ihr fragt am besten in der Umgebung nach. Hier sind zwei Firmen und rechts einige Einfamilienhäuser. Außerdem ist die Tankstelle gegenüber von Belang. Die beiden Fahrer, die die Leiche gefunden haben, habe ich schon befragt.“ Menzel genoss die leitende Rolle sichtlich, zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit konnte er sich nicht herablassen. Beate fühlte den Konflikt anwachsen, bis es zu einem Ausbruch kommen musste.
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