Also das ist das, was ich jetzt nach gut eineinhalb Jahren sagen kann: Es hängt viel davon ab, wie ich aufgestellt bin. Wenn ich gut drauf bin, wenn ich an mich glaube und einfach MACHE, dann gibt es auch eine entsprechend positive Resonanz. Und wenn ich sehr mit mir hadere, dann ist es schwieriger. Dann verzögere ich bestimmte Dinge und komischerweise gibt es dann auch von Kundenseite her Verzögerungen oder Absagen. Das spiegelt sich.
Was hat dich denn in der Anfangsphase am meisten motiviert?
Für mich war es wirklich immer das Wichtigste ins MACHEN zu kommen. Und es war toll, dass ich wahnsinnig viel Unterstützung von Freunden und von meiner Familie bekommen habe. Ganz viele haben einfach aufgeatmet, als ich diesen Schritt gegangen bin. Manche haben ja schon Jahre auf mich eingeredet und sie glauben alle an mich. Das war gut – wenn mir selbst der Glaube ab und an gefehlt hat, dann haben Freunde das überbrückt. Und es war nicht so ein wohlgemeintes Zureden, so wie bei einer behütenden Mutter, die grundsätzlich alles toll findet, was ihre Tochter macht. Nein es war echter, überzeugter Glaube an mich und meine Fähigkeiten und das war schlichtweg super.
Ist das freie Arbeiten ohne einen festen Auftraggeber für dich eine Herausforderung?
Auf jeden Fall. Gerade dann, wenn so ein saisonales Loch kommt. Erlebt habe ich das nach dem ersten Weihnachtsfest. Da war halt länger nichts zu tun und es gibt ja auch keinen, außer dir selbst, der den Startpunkt, an dem du wieder loslegen musst, festlegt. Es ist ja niemand da, das Wetter ist grau und trüb, das Telefon klingelt nicht, weil keiner Fotos haben möchte und es ist einfach auch kein tolles Fotowetter. Also was fängst Du an? Es war damals so, dass ich von Oktober bis Dezember eine super Zeit hatte. Ich war ganz viel im MACHEN und Tun und dann kam diese Flaute, auf die ich wirklich überhaupt nicht vorbereitet war. So etwas erlebt man als Angestellter natürlich nicht.
Das klingt wirklich nach einer schwierigen Phase. Wie hast du sie überbrückt?
Ja, in der Zeit hat mir nicht einmal geholfen, dass die anderen an mich geglaubt haben. Das war zwar nett, aber es hat mein Problem nicht gelöst. Im Grunde habe ich da erst gemerkt, dass ich noch so viele Fragen zu dem Business überhaupt habe. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch keine Homepage, keine Visitenkarten, keine richtigen, professionellen Flyer. Mir war auch klar, dass ich unbedingt Hilfe bei der Entwicklung meiner Unternehmerpersönlichkeit brauchte, dass ich insgesamt noch viel mehr Informationen benötigte. Man kann ja vieles mit einem Businessplan abklären, aber was für ein breites Feld man als Selbstständiger zu beackern hat, das merkt man erst, wenn man drinsteckt.
Ich habe es gelöst, indem ich wieder zur .garage hamburg gegangen bin. In Hamburg gibt es ein spezielles Programm für Kreative, die .garage beta . Da waren neun oder zehn Leute in einer Gruppe. Sie kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen: Webdesigner, Produktdesigner, Yogalehrer, Klavierlehrer. Das Gute war, dass dieses Programm gefördert wurde und ich es berufsbegleitend wahrnehmen konnte. So bekam ich alle Informationen, die mir noch fehlten. Und zusätzlich musste jeder einmal pro Monat vor der gesamten Gruppe sein Unternehmen darstellen und das hat mich wirklich nach vorn gebracht und inspiriert. In dieser Zeit habe ich Visitenkarten erstellt, Flyer angefertigt und meine Homepage kreiert. In den drei Monaten ist wirklich richtig viel passiert. Ich habe neue Kontakte geknüpft, die auch heute noch bestehen. Ich habe mir ein richtiges Unterstützungsnetzwerk aufgebaut.
Im Anschluss an diese Phase habe ich noch das KfW-Gründercoaching genutzt. Also ich bin sehr dankbar, dass es all diese Möglichkeiten gibt – vom Gründungszuschuss über den Weiterbildungsbonus bis zum KfW-Coaching. Das ist besonders am Anfang einer Selbstständigkeit, wenn die Finanzen eher knapp sind, ein wahres Geschenk.
Meinst du, dass es unerlässlich ist für jemanden, der als Freelancer startet, zu gut zu vernetzen und dafür dementsprechende Netzwerktreffen zu besuchen?
Ich selbst habe wirklich nur positive Erfahrungen damit gemacht. Ich kenne allerdings durch andere Gründer auch die negativen Seiten. Es gibt ja zum Beispiel diese Gründerstammtische oder die Frauenstammtische. Ich glaube, es hängt viel von dem Business und von der eigenen Persönlichkeit oder von dem Kreis ab, in den man eintaucht. Das kann auch nach hinten losgehen. Ich habe von Beispielen gehört, wo solche Netzwerktreffen sehr stark konkurrenzorientiert geführt wurden und das kann demotivieren. Dann fängst man wieder an sich zu vergleichen und sieht, was andere schon gemacht haben. Dann ist solch ein Netzwerk nicht hilfreich. Ich hatte zwei Existenzgründer in meinem Bekanntenkreis, mit denen ich mich intensiv austauschen konnte, dazu die Teilnehmer aus der .garage . Das hat mir geholfen zu sehen, dass die Probleme, mit denen ich mich herumschlage, nicht exklusiv meine sind. Auch das Gefühl, mich selbst wie der letzte Depp zu fühlen, weil ich nicht hochkomme oder weil ich auf dem Schlauch stehe und nicht weiß, was ich als nächstes machen soll – das geht in der Regel 90 Prozent der anderen Gründer auch so. Und das versteht jemand, der angestellt ist, natürlich nicht. Das habe ich vorher auch nicht verstanden. Aber mit einem Mal bin ich in einer neuen Welt, die nach ganz anderen Regeln funktioniert. Da ist schon hilfreich und auch noch mal beruhigend zu sehen, dass es anderen genauso geht wie einem selbst.
Hast du dich spezialisiert, um dich von der Konkurrenz abzuheben?
Also alles fotografiere ich nicht. Ich glaube, ich bin vielseitig und mein Alleinstellungsmerkmal ist wahrscheinlich meine Doppelprofession. Das, was ich gut kann, ist, mit Menschen zu arbeiten und Menschen zu fotografieren, die sich nicht für besonders fotogen halten. Ich schaffe einen Rahmen, in dem sich meine Kunden, auch Fotoangsthasen, wohlfühlen. In dieser Atmosphäre entstehen Bilder, mit denen sich die Menschen identifizieren können. Von April bis September fotografiere ich Hochzeiten. Alles, was zu Emotionen und Natürlichkeit gehört. Trotzdem entwickeln sich weitere Themen. Mein Faible für Natur hat mir auch Felder eröffnet. So habe ich Kunstkarten erstellt, die von einem Förderverein hier aus der Gegend, in der ich lebe, verkauft werden. Dann habe ich eine Anfrage von einem Hotel, welches sich atmosphärische und emotionale Imagebilder wünscht.
Ich probiere mich aus. Mein Kerngeschäft ist aber die Arbeit mit Menschen. Hochzeiten, als ein Schwerpunkt und Porträts im weitesten Sinne als einen anderen Schwerpunkt. Ich habe aber auch andere kleine Samen gesät und schaue mal, was daraus sprießt. Zum Beispiel diese Postkarten, von denen ich eingangs erzählte. Oder es gibt ein Porträtprojekt hier im Ort mit Interviews. Das sind so kleine Geschichten, die sich nebenher ergeben.
Könntest du dir vorstellen, noch einmal angestellt zu sein?
Nein, im Moment nicht.
Wie ist es, trägt sich dein Geschäft schon? Kannst du davon leben, jetzt nach eineinhalb Jahren?
Es ist knapp. Die Förderungen sind ausgelaufen, das heißt, ich habe jetzt noch die Verlängerung des Gründungszuschusses beantragt. Aber auch der läuft ja irgendwann aus und dann erhöhen sich automatisch die Krankenkassenbeiträge. Dann kommt dazu, dass wir in diesem Jahr so einen langen Winter hatten, was sich negativ auf das Geschäft ausgewirkt hat. Ich habe wirklich das große Glück, dass ich notfalls auf Ersparnisse zurückgreifen kann. Also ganz ehrlich und konkret: Wahrscheinlich hätte ich diesen Weg gar nicht gehen können, wenn ich das Ersparte nicht gehabt hätte, was mir einfach auch eine gewisse Sicherheit gibt. Gut ist, dass ich relativ niedrige Investitionskosten hatte. Ich habe keinen Laden oder kein großes Studio, das ich finanzieren muss. Mal abgesehen von einigen technischen Ausrüstungsgegenständen, die ich einfach benötige, um professionell arbeiten zu können, halten sich also die Ausgaben im Rahmen. Ich musste aber in einigen Monaten immer noch etwas dazulegen, um über die Runden zu kommen. Es ist halt auch ein Saisongeschäft – also zum Beispiel die Hochzeitssaison. Die geht im Frühsommer los, da kommen große Aufträge, die mich wahrscheinlich über den Winter tragen. Aber allgemein gesagt, sind meine finanziellen Ziele definitiv noch nicht erreicht.
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