Die andere Sache war das mit dem Schloss. Wie kann man diese Idee thematisch in das Produkt hineinbringen. Wie muss die Verpackung aussehen? Wie kann man dieses Bild vermarkten? Kann man jetzt schon das Schloss aufdrucken, das vermutlich erst 2018 oder 2019 stehen wird? Ja und auch das haben andere dann umgesetzt.
Warum hast du dich für ein Design, beziehungsweise eine Abbildung von etwas, entschieden, was es streng genommen noch gar nicht gibt? Wie reagieren denn die Kunden darauf?
Die Verpackung zeigt jetzt das Panorama der Berliner Stadtmitte, so wie es irgendwann einmal wieder aussehen wird. Natürlich verstehen das viele Menschen, die das Motiv anschauen, noch nicht. Sie kaufen die Dose, weil sie eine gewisse Nostalgie transportiert. Aber das mit dem fertigen Schloss ist ein wichtiger Teil des Marketingkonzepts, denn ich glaube, wir brauchen einfach auch diese Vorlaufzeit, um uns als Marke zu etablieren. Und wenn es uns dann noch gibt, dann sind wir sozusagen die ersten, die das umgesetzt haben. Darauf kann ich jetzt schon hinarbeiten.
Gab es zwischendurch Zweifel? Manchmal kommen die ja erstaunlicherweise, wenn man vom Erfolg überrollt wird.
Ja, so ähnlich war es. Natürlich hatte ich auch zwischendrin immer Zweifel und dachte, wenn jetzt irgendeiner dahinterkommt und merkt, dass ich von dem Markt an sich und vor allem auch von Schokolade überhaupt keine Ahnung habe, was dann? Und viele Fragen bilden sich ja auch erst dann, wenn man mitten im Prozess steckt.
Was hilft dir dann?
Letztendlich muss man einfach MACHEN. Und man muss die richtigen Fragen stellen. Nicht um den heißen Brei herum reden. Ich bin mit meiner direkten Art immer gut gefahren. Die Wege, wie Produkte auf den Markt kommen, sind ja auch so unterschiedlich. Ich hatte halt eine Idee, dann eine klare Vorstellung, dann bin ich mit dem Muster losgezogen. Andere haben schon das fertige Produkt. Und bei mir kam ja noch etwas anderes dazu. Ich wollte ja nicht den Schokoladenmarkt erobern, sondern ich wollte zunächst in den Souvenirbereich. Und da war die Schokolade erst einmal eigentlich zweitrangig. Wichtig war, dass sie schmeckt.
Aber die Schokolade gibt es doch mittlerweile nicht mehr nur in der Souvenirdose, sondern auch in einer anderen Verpackung.
Da hinzukommen war noch einmal ein Weg für sich. Als die Dose schon auf dem Markt war, habe ich bedauert, dass sich über die Verpackung überhaupt nicht transportiert, wie lecker die Schokolade ist. Der Kunde von außerhalb, der Tourist, der kauft nur die Dose und die Schokolade ist für ihn zweitrangig. Also habe ich überlegt, wie ich die Berliner selbst und nicht nur die Souvenirkäufer erreichen kann. Das sind unterschiedliche Strategien. Dem Berliner muss die Schokolade schmecken und sie muss sichtbar sein, denn er kauft in der Regel eher selten Souvenirs. Es ging also darum, noch einmal genau die Zielgruppe zu analysieren und ihre jeweiligen Bedürfnisse. Ich kam zu dem Schluss, dass es unbedingt noch eine andere Verpackung geben muss. Denn bei der Dose war klar, dass der Berliner Kunde für sich selbst, also für den Hausgebrauch, maximal einmal eine Dose kaufen wird. Und dann steht sie auf dem Regal oder im Schrank. Will ich ihm also nicht nur die Dose, sondern auch die Schokolade verkaufen, muss ich das anders aufziehen. Und so haben wir über eine Kartonage nachgedacht, bei der eben die Schokolade und nicht das historische Berlin im Vordergrund steht. Und mit diesem Schritt kamen wieder neue Fragen, wie zum Beispiel: „Willst du jetzt eine Marke haben, die in jedem Supermarkt steht oder soll sie nur für exquisite Geschäfte sein?“ Und so ist das ein fortlaufender Entwicklungsprozess.
Gibt es weitere Erfahrungen, die du mit anderen Gründern teilen möchtest?
Unterschätze nie das Marketing. Der Aufwand ist immens. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit dem richtigen Budget wirklich etwas bewegen kann. Wenn ich könnte, würde ich als Nächstes gern einmal ausprobieren, den Spruch: „Traust Du Dich höflich zu sein?“ in ganz Berlin zu plakatieren. Mal sehen.
Und was rätst du jungen Gründern, die sich neu auf einem Markt etablieren wollen?
Das Wichtigste für mich war immer, nicht in Grenzen zu denken. Es heißt ja oft, man müsse ein mutiger Typ sein, wenn man gründet. Aber das trifft auf mich zum Beispiel gar nicht zu. Ich bin sogar eher vorsichtig und habe ein hohes Sicherheitsbewusstsein, überprüfe und kalkuliere lange, bevor ich mich entscheide. Manchmal habe ich sogar Angst, dass ich scheitere, weil ich zu vorsichtig bin. Und trotzdem habe ich immer GEMACHT. Habe mich also nicht von Meinungen und Ansichten beschränken lassen, sondern habe es stets selbst überprüft, indem ich den Weg gegangen bin. Ich bin der Meinung, dass man sich nicht von angeblich herrschenden Marktregeln einschüchtern lassen sollte. Märkte können sich verändern, das ist nicht vorhersehbar.
Gibt es nach wie vor Hürden?
Ja, aktuell stehen Verhandlungen an. Da merke ich, dass es schwierig für mich ist, auf die lange Bank geschoben zu werden. Ich habe es halt gern, wenn die Dinge von allein laufen und ich nicht immer nachschieben muss. Was ich auch als Herausforderung sehe, ist die Warenkalkulation. Oder wenn bestellte Ware nicht pünktlich kommt und ich dann mit den Händlern in Verzug gerate. Aktuell haben wir die Preise angepasst. Jetzt muss ich beobachten, wie das läuft und ich muss eventuell auch mal damit leben, dass etwas ausverkauft ist und ich nicht so schnell nachliefern kann. Dinge nicht 100-prozentig vorausplanen zu können – das empfinde ich manchmal als schwierig. Aber sonst kann man alles irgendwie lösen.
2 Mein einziger Kollege bin ich selbst – arbeiten als Freelancer
Maya Meiners – photographie
Das Gut Jersbeck liegt ein wenig abseits von Hamburg, ein bisschen versteckt und eingebettet in einen wunderschönen Barockgarten. Hier bin ich verabredet mit einer Fotogräfin – so jedenfalls hat die Zeitschrift „LandGang“ Maya Meiners unlängst in einem Artikel genannt. Die Wortkreation passt zum Ambiente. Als ich das Gut erreiche, mein Auto abstelle und langsam auf das Haus von Maya zugehe, empfängt mich eine Atmosphäre von Ruhe und Abgeschiedenheit. Es ist, als würde ich an einem Urlaubsort ankommen, weit weg von meinem Alltag. Mein erster Gedanke ist, dass das ein Ort ist, der zum Verweilen, Ausruhen und Entspannen einlädt. Weniger ein Ort an dem man arbeitet. Aber vielleicht ist es auch genau richtig so, denn das Bild, das man schnell vor sich sieht, wenn das Wort Freelancer fällt, ist ein entspannter Mensch, der mit einem Laptop auf den Knien in der Sonne sitzt und neben sich einen Cappuccino oder einen Cocktail zu stehen hat. Wir glauben, dass er jederzeit seinen Rechner zuklappen kann, um seine Freiheit in vollen Zügen zu genießen.
Freelancer – allein das Wort klingt verlockend. Es trägt den Duft von Freiheit in sich, von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Hören wir, dass jemand als Freelancer arbeitet, dann denken wir vielleicht an „The 4-Hour-Workweek“ von Timothy Ferris, das Buch in dem er beschreibt, wie man sein Geld mit einer Vier-Stunden-Woche verdienen kann. Heimlich träumen wir davon, auch so ein Leben zu führen. „Freikreierer“ heißt Freelancer wörtlich übersetzt und es impliziert, dass ein solcher natürlich nur die Arbeit macht, die ihm gefällt. Dass er sie erledigt, wann es ihm gefällt und dass er alles ganz in seinem Sinne gestalten kann.
Soweit die Theorie. Allein die Tatsache, dass – obwohl viele davon träumen - die wenigsten diesen Traum leben, zeigt, dass die Realität wahrscheinlich etwas anders aussieht. Viele ahnen, dass Freiberuflichkeit ihren Preis hat. Dass es den wenigsten Freelancern vergönnt ist, wirklich so ein lässiges Leben jenseits der 40-Stunden-Woche zu führen. Und dass der Schritt, jeden Morgen aus eigenem Antrieb heraus aus dem Bett zu steigen, anstatt sich noch einmal umzudrehen, vermutlich einen Charakterzug erfordert, den sich die wenigsten zutrauen: knallharte Disziplin.
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