Aber nicht nur das. Freelancer sind Multitasking-Talente. Als Ideengeber, Arbeitnehmer, Auftragsbeschaffer, Vertriebsprofi und Chef in einem meistern sie ihren beruflichen Alltag. Tauchen immer wieder in neue Projekte mit ganz neuen Anforderungen und neuen Menschen ein. Das verlangt ein hohes Maß an Selbstmanagement, Organisationstalent und die permanente Bereitschaft, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen.
Als Freelancer zu arbeiten ist ein Statement. In erster Linie dafür, dass man gut mit sich selbst klarkommt. Denn wie schon in der Überschrift gesagt: nur Kollege ICH ist Teil des Kernteams. Das hat Vor- und Nachteile. Gut ist, dass man vieles allein entscheiden kann. Dass die Entscheidungswege damit kürzer sind. Und doch fehlt manchmal das Feedback von anderen. Oder die Ideen, die ein anderer beitragen könnte. Oder einfach nur mal ein freundliches Wort, wenn man durchhängt und auch der dritte Kaffee nicht den gewünschten Kick bringt.
Mehr noch als bei Selbstständigen, die in einen gewissen Rhythmus eingebunden sind, ist es für Feelancer fundamental, eine Balance zwischen der täglichen Arbeit und den Auszeiten zu schaffen, in denen es gelingt, den „Brunnen aufzufüllen“, wie es Julia Cameron in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ beschreibt. Denn Kreativität braucht einen Nährboden, und der muss gut gesättigt sein, will man zu jeder Zeit auf ihn zurückgreifen. Viele Freelancer neigen dazu, sich auszubeuten und zu knechten. Sie arbeiten bis in die Nacht hinein und stellen die persönlichen Bedürfnisse, ihre Familie und ihre Freizeit hintenan. Das Gefühl nur mal eben noch kurz die Welt retten zu wollen, oder zumindest den Auftraggeber noch glücklicher zu machen, in dem man die Arbeit doch schneller als vereinbart erledigt, diesen Mechanismus kennen die meisten Freelancer sehr gut. Und die meisten wissen auch, dass das auf Dauer nicht funktioniert.
Eine Freelancer-Gründung sieht auf den ersten Blick wie eine simple Sache aus. Man geht zum Finanzamt, meldet seine Tätigkeit an, kauft sich ein bisschen Equipment und los geht es. Manchmal funktioniert es genau so. Allerdings nur dann, wenn man schon so gut vernetzt und bekannt ist, dass die potenziellen Kunden Schlange stehen und den Gründungsstart gar nicht mehr erwarten können. Will man sich etablieren und in einem bereits satten Markt positionieren, dann braucht es schon weitaus mehr Vorbereitung. Denn es dürfte kaum das Ziel sein, der tausendste Fotograf, Webdesigner oder Lektor in Hamburg oder die zigtausendste Journalistin, Sängerin, Grafikerin oder Übersetzerin in Berlin zu sein und sich nur mit Mühe und Not über Wasser halten zu können. Freelancer-Märkte sind meist sehr dichte Märkte, gerade in Zeiten, in denen es sich Unternehmen selten leisten können, kreative Köpfe fest anzustellen. Es bedarf also entweder einer Spezialisierung, um sich abzuheben, oder man muss einen anderen Weg finden, um auf sich aufmerksam zu machen.
In unserem Interview beschreibt Maya Meiners sehr aufgeschlossen und ehrlich, mit welchen Herausforderungen sie sich auseinandersetzen musste, um zum einen zu ihrem eigenen Rhythmus als Freelancer zu finden und zum anderen, wie sie es geschafft hat, sich als Fotografin zu positionieren.
Das war alles andere als ein Spaziergang im Barockgarten, denn Maya ist wie viele Freelancer Quereinsteigerin und hat lange mit sich gehadert, überhaupt diesen Schritt zu wagen. Was sie aus ihrem Alltag erzählt, macht Mut, zeigt aber auch, wie sehr man als Selbstständiger – und insbesondere als Freelancer – immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. Was für eine Herausforderung es ist, Tag für Tag allein an vorderster Front zu stehen: ohne eine Gemeinschaft, in der man mal eben untertauchen, sich verstecken oder von der man sich tragen lassen kann.
Maya, wie bist du dazu gekommen, dich als Fotografin selbstständig zu machen? Das war ja nicht dein Ursprungsberuf.
Stimmt, ich habe Sozialpädagogik in Hamburg studiert und danach auch sieben Jahre als Sozialpädagogin in unterschiedlichen Arbeitsfeldern gearbeitet. Dann kam der Bruch – klassisch mit Burnout. Mir war damals klar, dass ich etwas verändern musste. Jedenfalls bin ich ein Jahr auf Reise gegangen. Mit einem alten VW-Bus durch Europa getourt und die Kurzfassung ist, dass ich danach gegründet habe.
Ohne je als Fotografin gearbeitet zu haben?
Nein, natürlich nicht. Nach dem Abitur hatte ich zwei Berufswünsche. Soziale Arbeit und Fotografie. Zunächst habe ich mich auch der Fotografie gewidmet, war ein Jahr Assistentin bei einem Modefotografen in Hamburg. Aber das Modebusiness lag mir nicht besonders, darum habe ich anschließend ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und mich danach für die Soziale Arbeit entschieden. Das Fotografieren hat mich aber immer begleitet, das heißt, ich hatte parallel zu meiner Arbeit immer auch kleinere Fotojobs. Ich habe das als Ausgleich und Hobby betrachtet. Obwohl damals schon einige meiner Freunde und Bekannten gesagt haben, ich sollte mich doch als Fotografin selbstständig machen. Aber ich habe mich einfach nicht getraut. Das lag zum einen daran, dass ich mich selbst überhaupt nicht als Unternehmerpersönlichkeit gesehen habe. Ich komme nicht aus einem Unternehmerhaushalt, wo die Frauen Karriere machen. Im Gegenteil. Karriere oder wirtschaftliche, zahlenorientierte Berufe haben mich nie interessiert.
Dazu kam, dass ich wusste, dass es gerade in Hamburg Tausende Fotografen gibt. Schließlich ist es eine Medienhochburg. Was sollte ich denn da noch? Ich als Quereinsteigerin, die den Beruf noch nicht einmal richtig gelernt hat. Ich fand mich zum damaligen Zeitpunkt auch einfach nicht gut genug. Also unterm Strich, ich war ein Stück weit alles in dem klassischen Satz gefangen, der alle Zweifel zusammenfasst: „Ich schaffe es nicht.“ Ich verglich mich mit anderen und habe immer gedacht: Ja, das ist ja ganz nett, was du da machst. Aber damit kannst du kein Geld verdienen.“ Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen.
Jetzt ist es Realität. Hast du dir das Wissen und Können selbst angeeignet oder noch einmal eine Ausbildung absolviert?
Eine Ausbildung habe ich nicht gemacht. Ich habe in dem einem Assistenzjahr sehr viel gelernt. Und ich habe ein natürliches Talent für die Fotografie. Das ist sogar größer als mein Technikverständnis, das man in der Branche selbstverständlich auch braucht. Mittlerweile sage ich immer, dass der, der technisch hochperfekte Bilder will, bei mir nicht an der richtigen Stelle ist. Aber ein Mindestmaß an Technik muss vorhanden sein. Wenn ich selbst ein bestimmtes Bild kreieren will oder mein Kunde wünscht ein bestimmtes Bild, dann muss ich einfach wissen, mit welchen technischen Mitteln ich das umsetzen kann. Und das habe ich mir selbst angeeignet. Eben einfach geMACHT und gelernt durch Bücher und unzählige Video-Tutorials aus dem Internet. Aber der Grundstein war die Assistenz bei dem Fotografen.
Greift da der Spruch: Wenn man etwas wirklich will, setzt man alle Hebel in Bewegung?
Definitiv. Was mich all die Jahre angetrieben hat, waren Fragen wie „Was will ich wirklich?“, „Wofür schlägt mein Herz?“, „Was fällt mir leicht?“, „Wo zieht es mich automatisch hin?“. Ich wollte mich auf die Suche nach meiner Berufung machen, herausfinden, was in mir angelegt ist an Talenten, an Ideen, an Leidenschaft. Im Grunde wusste ich, dass es die Fotografie ist, also lag der Gedanke nah, dass ich damit auch mein Geld verdienen könnte. Und wenn man das erst einmal weiß, dann setzt man auch alle Hebel in Bewegung, räumt alle Steine aus dem Weg. Ich glaube, das kennt jeder, der sprichwörtlich schon ein paar Jahre auf der Uhr hat. Die Dinge, die man wirklich vom Herzen her will, die kann man auch umsetzen.
Es war also nach deiner Reise auch sofort klar, dass du nicht mehr in den sozialen Bereich zurückgehst, sondern dich als Fotografin selbstständig machst?
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