Als es zu dämmern begann, setzte sie sich an einen Baumstamm und aß von dem Brot, das Mira ihr mitgegeben hatte. Sie suchte Gras und Zweige zusammen und bereitete sich ein Nachtlager. Durch die Äste der Bäume drang das verhaltene Licht eines Sternenhimmels. Eine zarte Mondsichel stand im Westen über den Wiesen und blinzelte durch den dichten Wald. Eine gute Zeit, um mir Rat einzuholen, dachte Morgaine.
Sie machte es sich unter ihrer Decke bequem und konnte nicht umhin, an Ciarán zu denken. Er hätte alle Voraussetzungen erfüllt, um in den Kreis der Druiden auf der Insel aufgenommen zu werden. Aber er hatte sich anders entschieden. Da er keine Harfe spielen wollte, war er zum Boten zwischen der Welt und der Insel geworden, oder, Morgaine rückte ihre Gedanken zurecht, der Welt jenseits der Insel. Denn die Insel war ja ein Teil der Welt. Noch, dachte sie. In Ciarán steckte ein Krieger, das hatte sie von Anbeginn gefühlt. Er musste kämpfen, auch wenn sie nicht wusste wofür oder wogegen. Er erzählte selten davon, was er tat und was er erlebte. Viel lieber fragte er Morgaine aus und hörte ihr zu. Nur einmal hatte er gesagt, er wäre froh, wenn sie ihn begleiten könnte. Frauen würden nicht auf ihn hören und er könnte sich ihnen nicht verständlich machen. Was er wohl gemeint hatte? Sie war nicht darauf eingegangen, weil sie die Insel nicht verlassen wollte, und Ciarán hatte die Sache nicht wieder angeschnitten. Vielleicht muss ich die Welt besser verstehen lernen, dachte Morgaine, während sie beobachtete, wie die Sterne wanderten. Dann sprach sie ein Nachtgebet, zog die Decke über ihren Kopf und fiel in einen tiefen Schlaf.
Ein Eichelhäher weckte sie im Morgengrauen, als würde er sie vor einer Gefahr warnen wollen. Sie erinnerte sich an einen Traum, in dem sie geflogen war. Ein gutes Omen, dachte sie, rollte die Decke ein und verstaute alles in einem Bündel, um sich auf den Weg zu machen.
Der mit Moos bewachsene Pfad schlängelte sich stetig bergauf durch das Dickicht. Das Zwitschern der Vögel kündete den Sonnenaufgang an. Sie würde vor den ersten Sonnenstrahlen am Waldrand sein. Von dort aus war es nur ein kurzer Weg durch ein lichtes Wäldchen von Krüppeleichen bis zu der Höhle der Eremitin. Als sie aus dem Wald heraustrat, breitete sich eine Wiese voller Morgentau vor ihr aus. Die Baumwipfel leuchteten in der Morgensonne. Morgaine hielt inne, sammelte sich und dachte an den Ort, der ihr Ziel war. Sie sah die Eremitin vor ihrem inneren Auge und kündigte in Gedanken ihren Besuch an. Dann schritt sie beherzt fort, bis der Eingang der Höhle nur noch wenige Schritte entfernt lag. Die Eremitin trat aus dem Dunkel heraus und hob warnend den Krückstock, auf den sie sich gestützt hatte.
„ Ich habe lange auf Euch gewartet“, krächzte sie mit heiserer Stimme. Sie setzte sich auf einem Holzblock am Eingang der Höhle und schloss die Augen, als wäre die Anstrengung des Sprechens zu groß. Sie hatte ihr dünnes graues Haar zu einem Zopf zusammengebunden und stützte ihr Kinn auf den Stock. Morgaine grüßte die alte Frau in aller Ehrerbietung. Sie überreichte ihr mit ausgestreckten Händen das für sie mitgebrachte Essen, das diese gierig mit knochigen Fingern ergriff und sich in den zahnlosen Mund stopfte. Malmend und kauend bedeutete sie der Besucherin mit einer Handbewegung, sich zu setzen. Die Tradition verlangte zu warten, bis die Eremitin das Wort ergriff. Nach einem genüsslichen Rülpsen umschlang die Alte ihre Knie, grinste schelmisch und begann in näselndem Tonfall zu sprechen.
„ Ihr kommt spät, obwohl Ihr wisst, daß es keine Zeit gibt und die, die jetzt ist, erfordert entschiedenes Handeln“, knurrte sie. „Was bringt Euch erst jetzt her?“
Auf ihrem zahnlosen Gaumen kauend rollte sie bedrohlich mit den Augen. Um ihren Respekt zu bezeugen, blickte Morgaine auf den Boden, während sie sprach..
„ Die Welt entwickelt sich in eine andere Richtung, als wir es für sinnvoll halten, ehrwürdige Eremitin. Ich muss wissen, was zu tun ist.“
Nach einer Pause, die Morgaine unendlich erschien, und in der sie ihren Blick nicht vom Boden ließ, begann die Eremitin zu sprechen.
„ Die Wirklichkeit ist ein Abbild unseres Geistes. Wenn er gefangen ist, ist die Welt gefangen. Dann wissen wir nicht mehr, daß die Freiheit innen ist. Deshalb führen wir Kriege. Deshalb tun wir uns und anderen Gewalt an.“
Als die Eremitin lange nicht weitersprach, begann Morgaine leise:
„ Ehrwürdige Eremitin, ich höre, daß es so ist. Und doch denken wir auf der Insel eine andere Wirklichkeit.“
Die Eremitin fing an schallend zu lachen, und wiegte ihren hageren Köper langsam hin und her, bevor sie in dem gleichen näselnden Ton fortfuhr:
„ Herrin vom See, die Insel ist Teil der Welt. Wenn Ihr den Zugang zur Insel erschwert habt, war das richtig, weil es Euch ermöglicht hat, Eure Regeln und Rituale zu bewahren. Aber so sehr Ihr das auch wünscht, Ihr könnt sie nicht bewahren. Die Insel wird untergehen, weil sie dem Gesetz des Lebens gehorcht, wie alles andere. Ihr könnt sie nicht retten.“
Morgaine fühlte eine aufsteigende Beklemmung, die ihr die Kehle zuschnürte. Als Herrin vom See war es ihre Aufgabe, die Insel und damit das Wissen zu bewahren. Diesem Dienst hatte sie als leitende Priesterin den Schwur gegeben. Sie wollte nicht versagen und schluckte, um ihre Tränen zu unterdrücken. Da hob die Eremitin erneut an:
„ Alles ist eins, es gibt keine Grenze zwischen der Insel und der Welt. So wenig wie es Zeit gibt. Und doch vergessen die Menschen es mehr und mehr. Daß alles zusammengehört. Daß alles sich zu einem Ganzen zusammenfügt. Daß jedes Denken jedes andere Denken beeinflusst. Daß die Menschen gemeinsam im Denken ihre Wirklichkeit erschaffen.“
Zwischen ihren Sätzen legte sie bedeutungsschwere Pausen ein, als wartete sie auf eine Frage von Morgaine. Aber diese schwieg. Sie kannte die Weisheit von der Einheit der Dinge. Sie war ein wesentlicher Teil ihrer Tradition. Die Eremitin fuhr sich mit ihren bleichen Händen durch das schüttere Haar, als wollte sie dem, was sie zusagen hatte, besonderen Nachdruck verleihen.
„ Die Menschen jenseits der Insel haben begonnen, in Gegensätzen zu denken, und so werden noch mehr Gegensätze entstehen. Aus diesen Gegensätzen werden Kämpfe entstehen. Gewalt wird sich verbreiten und das wird zu neuen Gegensätzen führen. Alle Versuche, die Gegner auszulöschen, werden nur zu neuen Gegnern führen. Daraus werden viele Dinge entstehen und Erkenntnisse geboren, die den Menschen in ihrer Entwicklung helfen werden. Aber das Leid wird vermehrt, die Gewalt wird wachsen. Die Trauer wird eine tägliche Begleiterin sein.“
„ Was können wir tun?“ Morgaine unterdrückte ihre Furcht.
„ Es wird eine Sphäre der Gegensätze geben und es wird eine Sphäre des Absoluten geben. Die Menschen werden in ihrem Inneren immer das Absolute suchen, aber sie werden nicht wissen, wie sie es benennen sollen.“
„ Was können wir tun, ehrwürdige Eremitin?“ wiederholte Morgaine ihre Frage drängender.
„ Ihr könnt die Insel nicht bewahren, Herrin vom See. Jedoch müsst ihr das Wissen um das Absolute bewahren. Tragt es in die Welt! Verbreitet es! Findet die Form, die es schützt und die jeder Mensch versteht.“
„ Ihr meint, wir sollen die Insel verlassen? Ist die Gefahr nicht zu groß?“
„ Die Essenz Eures Wissens sollt ihr bewahren. Nicht die Rituale“, setzte die Eremitin ihre Rede fort, ohne auf Morgaines Frage einzugehen. „Das ist alles, was ich Euch zu sagen habe, Herrin vom See. Geht und nehmt meinen Frieden.“
Morgaine senkte den Kopf. Es war eindeutig, sie würde nicht mehr erfahren. Enttäuscht erhob sie sich und verbeugte sich neun Mal vor der Eremitin, die zusammengesunken und mit geschlossenen Augen da saß und sie mit einer schwachen Handbewegung segnete. Sie drehte sich um und verließ mit bedächtigen Schritten die Höhle.
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