Nach dem Treffen mit Girish war ich fest entschlossen gewesen, Mumbai umgehend zu verlassen. Noch im Café beschlich mich das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein, als wäre ich Statistin in einer geheimen Dramaturgie, die ich nicht kannte. Ich war froh, dass Girish sich nach kurzer Zeit mit der Begründung verabschiedete, seine Frau würde auf ihn warten. Höflich gab ich ihm mit, dass ich mich auf das Treffen mit Deepali am nächsten Tag freuen würde. Danach war ich durch die Stadt geschlendert und hatte lange neben dem gerade renovierten Triumphbogen am Taj Mahal gestanden, um gedankenverloren auf das stille gelblich Meer zu sehen. Ich fragte mich, wie lange die vielen Frachter hier in der trüben Bucht vor Anker liegen mussten, bevor sie gelöscht wurden. Später schlenderte ich ziellos durch die Stadt. Ich genoss das Alleinsein in der Menschenmenge und wunderte mich, dass ich im Gegensatz zu den anderen Europäern auf rätselhafte Weise in Ruhe gelassen wurde. Zurück auf der Uferpromenade sah ich, wie hinter dem Dunst, in dem die Schiffe geduldig warteten, sich über dem Meer ein Gewitter zusammenbraute. Rechtzeitig vor dem Wolkenbruch erreichte ich das Hotel. Ich entschied mich zu bleiben, um Deepali nicht zu enttäuschen. Man wusste ja nie, wie wichtig diese Verbindung zur Konkurrenz werden konnte. Die Unterhaltung mit ihrem Mann würde ich nicht von mir aus ansprechen.
„Dass Frauen zunehmend die Rolle von Entscheidungsträgern wahrnehmen werden, ist ein Trend, der nicht aufzuhalten ist“, erklärte Deepali mir gerade lautstark, um das Knattern der Schiffsmaschine zu übertönen.
„Das verändert, wie Entscheidungen getroffen werden. Frauen sind strategischer, weil sie schneller lernfähig sind.“
Ich war froh, dass das Gespräch sich auf einer fachlichen Ebene bewegte.
„Inwiefern sind Frauen strategischer?“
„Man muss natürlich fragen, strategisch für was? Ich bin überzeugt, dass die globalen Fragen, die uns beschäftigen, Fähigkeiten brauchen, über die viele Frauen verfügen: Pragmatismus, Anpassungsfähigkeit, Lernfähigkeit und einen Sinn für das größere Ganze, meinen Sie nicht?“
Ich zögerte. So hatte ich das bisher nicht gesehen.
„Frauen sind die besseren Krisenmanager“, fuhr Deepali fort, „und Krisen haben wir ja wirklich genug! Die Umfeldbedingungen für Managemententscheidungen verändern sich rasend. Alles wird komplexer, uneinschätzbarer. Wer kann denn heute noch planen? Frauen lernen schneller, sie können sich anpassen, ohne dass ihr Ego ihnen ein Bein stellt. Sieh dir die drei älteren Damen dort an der Reling an, sie wagen den Blick über den Tellerrand und müssen ohnehin für ihre Familien täglich innovative Lösungen finden.“
Ich erinnerte mich an eine Unterhaltung, die ich vor Wochen mit dem Finanzvorstand des Konzerns geführt hatte. Er verglich das Management der Investitionen in der Finanzkrise mit Achterbahnfahren. Man wusste nie, ob man bei der nächsten Kurve aus der Bahn geschleudert würde.
Dennoch wollte ich ihr weder zustimmen, noch widersprechen. Ich versuchte, das Gespräch zu dem Thema zu lenken, wofür ich mir von ihr Anregungen erhoffte.
„Und wie schaffen Sie es in Ihrem Konzern, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen?“
„Starre Strukturen auflösen, mehr Flexibilität ermöglichen, Gestaltungsmöglichkeiten bieten, alberne Territorialkämpfe verhindern, dem Zufall eine Chance geben. Eine andere Arbeitsatmosphäre schaffen, in der Frauen sich zu Hause fühlen. Agilität ist die Fähigkeit der Zukunft, eine Mischung aus Veränderungsbereitschaft, Reflektion und Kreativität.“
Ich war perplex über ihre präzise Antwort.
„Und das geht bei Ihnen?“
„Alles geht, wenn man es will.“
Das Schiff näherte sich schlingernd einer wenig vertrauenserweckenden Steganlage. Die Maschine dröhnte so laut, dass ich befürchtete, sie würde explodieren. Am Ufer stand eine Menschenmenge, die offensichtlich schon auf die Rückfahrt wartete. Auf dieser Seite des Flusses lag ein Vergnügungspark, ein beliebtes Ausflugsziel in Mumbai. Die Silhuette eines beängstigend hohen Riesenrades blinkte neben einer verschlungenen Achterbahn in der Mittagshitze. Von einem Tempel, den Deepali erwähnt hatte, war nichts zu sehen. Die Fähre legte knirschend an einem morschen Holzsteg an, wurde lieblos vertäut und die Passagiere sprangen über einen gefährlichen Spalt auf morsche Holzplanken. Während die Menge sich schnatternd auf den Weg zum Vergnügungspark machte, zog Deepali mich beiseite und zeigte auf einen schmalen Pfad. Ausgetretene Treppenstufen schlängelten sich durch blassgrüne Büsche steil bergauf. Wir waren die Einzigen, die auf dem Steig zum Tempel hinaufkletterten. Als wir fast oben angekommen waren, tauchte eine goldene Kuppel auf. Ich war überrascht über die Größe und zugleich Maßgenauigkeit und fragte mich, wie viel Ingenieursintelligenz es gebraucht hatte, um diese Konstruktion stabil zu machen.
„Eine faszinierende Leistung“, bemerkte Deepali, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Ein intensiver Dialog von Fachleuten zur besten Vorgehensweise Es waren übrigens etliche Ingenieurinnen beteiligt.“
Auf dem Vorplatz türmte sich Baumaterial und Schutt, als hätte sich niemand darum gekümmert es zu entsorgen. Durch eine hohe geschnitzte Tür mit unendlich vielen Verzierungen betraten wir den Innenraum. Die große Halle war zur Hälfte mit Menschen gefüllt, die im Schneidersitz saßen und meditierten. Die Stille traf mich unerwartet. Deepali bedeutete mir zu schweigen. Wir zogen die Schuhe aus, stellten sie in ein Regal und gingen im gedämpften Licht barfuß weiter, um uns einen Platz zu suchen. Ein zart bemaltes Rundgewölbe legte sich schützend über die Meditierenden, die gleißende Helligkeit des Mittags war von schmalen Fensterschlitzen gebannt. Die Ruhe überwältigte mich wie ein plötzlicher Nebel. Nur das vereinzelte Hüsteln und Räuspern erinnerte mich daran, dass hier Menschen saßen. Deepali reichte mir eines der blauen Kissen. Ich setzte mich und versank augenblicklich in einer anderen Welt, die mir zeitlos und ohne Grenzen erschien. Eine angenehme Schwere hüllte mich ein. Das erste, was vor meinen geschlossenen Augen erschien, war das Manuskript. Ich dachte mich in die merkwürdige Welt von Morgaine hinein, die in diesem Moment etwas sehr Vertrautes hatte. Wieder kam es mir vor, als wäre ich in eine der Geschichten von meiner Großmutter geraten.
Als Deepali mir sanft an die Schulter tippte, kam es mir vor, als wären nur ein paar Minuten vergangen. Steif in den Gliedern und benommen im Kopf erhob ich mich, vorsichtig um niemanden zu stören, und schlich ihr hinterher zum Ausgang. Schweigend zogen wir die Schuhe an. Als ich im grellen Sonnenlicht vor dem Eingang der Pagode auf die Uhr sah, stellte ich fest, dass ich über eine Stunde meditiert hatte.
„Wir müssen das letzte Schiff bekommen“, sagte Deepali lachend, als wollte sie mich zurück in die Wirklichkeit holen, legte ihren Arm um meine Hüfte und schob mich sanft auf den Weg. Im Laufschritt liefen wir hinunter zum Schiffsanleger. Unbeeindruckt von der Unregelmäßigkeit der Treppenstufen, setzte sie ihre Rede fortsetzte, als wäre nicht mehr als eine Stunde im Schweigen vergangen.
„Der Bau der Pagoda ist eine hervorragende Planungsleistung, aber dem ging etwas voraus, was man nicht planen kann. Das hat mich fasziniert.“
„Und was war das?“, fragte ich, während mein Blick in die Ferne schweifte. Am Horizont konnte ich blass die Silhouette von Mumbai erkennen. Dahinter kündigte sich ein Gewitter an. Depali blieb abrupt stehen und drehte sich zu mir um.
„Es ist die Fähigkeit von Menschen, das Unmögliche zu denken“, sagte sie nachdenklich. „Deshalb habe ich Sie hierher gebracht.“
Ich befürchtete, das Gespräch würde in eine mir unangenehme Richtung gehen und schwieg. Was hatte sie mit mir vor?
Читать дальше