„Sehen Sie, Mona, in Mumbai, wo Grund und Boden so teuer sind wie kaum an einem anderen Platz der Welt, hätte man ein solches Gebäude nicht planen können. Es mussten ganz viele Faktoren zusammenkommen, damit das geht.“
„Und welche waren das?“
Jetzt war ich doch neugierig geworden.
„Es musste Menschen geben, die eine Idee hatten, einen Traum, oder, in der Sprache unserer Unternehmenswelt, eine klare Vision. Die Bereitschaft, das Unmögliche zu wagen. Als sich die Idee wie eine Kettenreaktion in den unterschiedlichsten Köpfen verfestigte, begann eine Veränderung. Die Absicht hatte sich in den Herzen verankert. Einer der Meditierenden entschloss sich eines Tages, das Grundstück zu spenden. Eine Gruppe von Ingenieuren kam zusammen und begann auf freiwilliger Basis die Planung und Supervision des Baus. Ein Unternehmen aus Gujarat spendete das Material. Immer mehr Spenden trafen ein. Zug um Zug konnte die Pagode gebaut werden.“
An der Anlegestelle wartete schon das Schiff. Wir beeilten uns an Bord zu gehen und mussten uns mit einem Stehplatz an der Reling begnügen. Die Fähre war eindeutig überladen. Das trübe dunkle Wasser spülte in sanften Wellen Unrat ans Land. Ein schmaler Teppich von Plastikmüll bedeckte die Uferzone. Ich dachte daran, dass Nina kritisch nachfragen würde, warum Menschen Geld für eine goldene Pagode ausgaben, anstatt es sinnvoller einzusetzen, und damit den Armen zu helfen oder die Umwelt zu verbessern. Der Motor dröhnte beängstigend, als sich das Schiff vom Ufer entfernte. Es schaukelte bedrohlich in den Wellen, die in der Vorahnung des Gewitters größer wurden. Wir hielten uns an der Reling fest. Ein starker Wind war aufgekommen und kündigte Regen an. Am Himmel braute sich eine Wolkenfront zusammen. Es würde nicht lange dauern und einer dieser tropischen Regengüsse, nach denen alle Straßen überflutet waren, würde auf uns niederprasseln.
„Mein Vorgänger im Unternehmen legte viel Wert darauf, dass jeder Manager einmal im Jahr für eine Woche meditierte. Es klingt banal, aber ich habe erst da begriffen, dass das Äußere und das Innere zusammengehören.“
Deepali war nicht von ihrem Thema abzulenken.
„Deswegen war ich gezwungen, mich damit zu beschäftigen. Früher hielt ich Meditation für Unfug – oder für Luxus. Bevor ich in mein jetziges Unternehmen eingetreten bin, habe ich in Mumbai eine Organisation geleitet, die sich um Obdachlose kümmerte. Wir haben hervorragende Arbeit gemacht und vieles erreicht. Aber ich habe gemerkt, dass wir nicht an das System, sozusagen das ‚Denksystem’, herankamen, das den Kreislauf der Armut aufrecht erhält. Wir waren nur die Reparaturwerkstatt der Gesellschaft.“
Deswegen hatte ihr Mann von den Obdachlosen gesprochen! Die beiden passten gut zusammen. Dennoch überraschte mich eine solche Karriere. Bei uns hätte niemand mit einer Vergangenheit im sozialen Bereich Chancen auf so eine Position im Konzern gehabt.
„Und, was hat Sie bewogen, ausgerechnet die Aufgabe in einem Automobilkonzern anzunehmen?“
„Die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, Mona. Das müssten Sie doch verstehen!”
Sie sah mich an, als wäre ich ein begriffstutziges Kind.
“Hinter dem Gesamtkonzept meines Konzerns stehe ich. Mobilität für alle Schichten der Bevölkerung. Die Umweltbilanz ist nicht vorzeigefähig, das ist mir klar. Aber ich brauchte eine neue Herausforderung. Wir sind doch alle auf der Suche, nicht wahr Mona?“
Sie sah mich prüfend an, während ich versuchte, den Gedanken an Chris abzuschütteln. Vielleicht war es Deepalis Begeisterungsfähigkeit, die sie so attraktiv machte?
4
Als ich abends im Hotel auf meinem Bett lag und der Verkehrslärm Mumbais durch das Fenster in mein Zimmer im dritten Stock drang, kam es mir vor, als wären nicht knapp zwei Tage vergangen, sondern Wochen. Draußen prasselte ein Sturzregen auf die Straße zwischen und erzeugte mit gleichmäßigen Trommelschlägen einen Rhythmus, der sich in mein Gehirn hämmerte, als wollte er mir das Denken verbieten. Ich starrte auf das Gemälde an der gegenüberliegenden Wand und fühlte mich wie in einem Traum, dessen Sinn ich nicht erfassen konnte. Warum wollte ich hierherkommen? Hatte mich meine Sehnsucht nach Chris getrieben? Was hatte ich erhofft, was erwartet? Ich überlegte, wann ich das letzte Mal eine Situation erlebt hatte, in der nicht ich Aufgaben delegierte und Vorträge hielt. Deepali hatte mich den ganzen Tag belehrt. Sie war eine brillante Rednerin, genauso wie ihr Mann. Beide schienen so überzeugt von ihren Ideen zu sein, dass keine andere Weltsicht zwischen die Atemlücken ihrer Ausführungen passte. Ich hatte mich in mein Schicksal ergeben und zugehört.
Nach der Ankunft der Fähre waren wir in eine Rikscha gesprungen, weil meine Begleiterin meinte, wir müssten uns beeilen, um dem Regen zu entkommen. Als wäre Eile ein Wort, das zu diesem Land passen würde, in dem mir alles zäh und verlangsamt vorkam wie in einem Film, den man in Zeitlupe abspielt. Im Regionalzug auf dem Weg zurück nach Mumbai schwieg Deepali endlich, als hätte sie alles gesagt. Mit rhythmischen Stößen rollten die Waggons durch die regenfeuchte Landschaft, aus der in Schwaden Dunst aufstieg. Ich saß gedankenverloren auf einer Holzbank und sah starr aus dem Fenster. Chris ging mir nicht aus dem Kopf. Warum hatte er mich verlassen, um in ein Land zu gehen, von dem die meisten Menschen noch nicht einmal wussten, wo es lag? Warum hatte er Deepali empfohlen, mich nach Mumbai einzuladen? Warum meldete er sich nicht bei mir? Das Rattern des Zuges machte eine Unterhaltung unmöglich. Die Waggons waren überfüllt wie das Schiff. Sogar bei uns in der ersten Klasse standen Menschen im Gang. Als wir die Vorstädte erreicht hatten, ertönte in kurzen Abständen ein schrilles Pfeifen, wenn der Zug dicht an Märkten und Häusern vorbeifuhr. Bei jedem Halt boten Trauben von Händlerinnen in farbigen Saris durch die heruntergezogenen Fenster Essbares an die Fahrgäste feil. Schreiend drängten sie ihnen Bananen, Papayas und Feigen auf, während Bahnangestellte sie zu verscheuchen versuchten, sobald der Zug schwerfällig anfuhr. In der Abenddämmerung zogen die heruntergekommenen Slums von Mumbai vorbei, von namenlosen Gassen durchschnitten, in denen Kinder im Unrat spielten. Als wir in Kolaba aus dem Zug ausstiegen und uns aus dem überfüllten Bahnhofsgebäude gerettet hatten, blieb Deepali unvermittelt stehen und fragte: „Sagen Sie, Mona, wie stehen Sie zu Christopher Jones? Sie müssen nichts sagen, aber es interessiert mich. Ich bin da sehr direkt.“
Ich hatte geahnt, dass die Frage kommen würde. Trotzdem traf sie mich unvorbereitet mitten ins Herz. Es ärgerte mich, dass ich nicht wusste, wie ich antworten sollte.
„Eine adäquate Bezeichnung für das zu finden, was uns miteinander verbindet, fällt mir schwer“, wich ich aus.
Vor uns lief eine Gruppe von Frauen in bunten Saris durch die Gasse. Ich fixierte sie, um zu vermeiden, dass Deepali mein Gesicht sah. Aus dem Stück Himmel, das zwischen den Häusern zu sehen war, drückten tiefschwarze Regenwolken auf die Dächer der Stadt. Ich fragte mich, ob wir es trocken zum Hotel schaffen würden.
„Ich kenne ihn zu wenig“, fuhr ich widerstrebend fort, ohne sie anzusehen. „Um ehrlich zu sein. Er ist ein Rätsel für mich. Ich fand ihn faszinierend. Wir hatten gute Gespräche. Vor einigen Wochen hat er ein Stellenangebot in Kinshasa angenommen, wie Sie sicherlich wissen. Seitdem haben wir nur sporadisch Kontakt.“
Deepali blieb stehen. Sie hielt mich so fest am Arm, dass ich mich zu ihr umdrehen musste.
„Entschuldigen Sie Mona, ich wollte Sie nicht verletzen. Ich kenne Chris seit fünf Jahren, aus der Zeit, als er in der Pharmaindustrie gearbeitet hat. Er hatte sich damals gerade entschieden, den Konzern zu verlassen. Er müsse sein Element finden, sagte er mir, den Raum, der sein Raum wäre. Er ist auf der Suche, Mona! Sie müssen das verstehen!“
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