Catherine St.John - Rätselhafte Nachbarschaft

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Die arme Waise Sarah wird von ihrer Tante liebevoll aufgenommen. Die Nachbarschaft in Great Abbington (das «Great» täuscht…) ist zum Teil gewöhnungsbedürftig, zum Teil aber auch durchaus sympathisch: Durch Zufall trifft Sarah den attraktiven, aber sehr zurückgezogen lebenden Sir Julian Mordale, der wegen eines vergangenen Skandals ausgegrenzt wird und mit dem sie sich sehr gut unterhalten kann. Die gegenseitige Sympathie wächst – aber ein Happy End scheint wegen des alten Skandals ausgeschlossen.
Da kommt aber Sir Julians mehr als resolute Tante, Lady Tenfield, angereist, um die Sache in die Hand zu nehmen. Bevor ihre Pläne greifen, gerät Sarah in Gefahr, was die Ereignisse sehr beschleunigt und einem glücklichen Ausgang für alle näherbringt…

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Sie wagte aber eine weitere Frage: „Hat niemand dieser Herren Lord Vance ein derartiges Verhalten übel genommen?“

„Seltsamerweise längere Zeit nicht, aber offenbar scheint Lady Vance eines Tages tatsächlich Trost gesucht zu haben und als sich die Hinweise verdichteten, hat Lord Vance seinen Nebenbuhler gefordert.“

„Huh – ein Duell?“

„Richtig. Tragisch, muss man schon sagen…“

„Na, Letty – wieso denn tragisch?“

Ein strafender Blick traf Mr. Granger. „Der Tod ist immer tragisch!“

Ihr Gatte grummelte etwas, aus dem Sarah nicht schade drum herauszuhören glaubte.

„Hat der Gegner die Forderung akzeptiert?“

„Selbstverständlich!“, entrüstete sich Mr. Granger. „Er wäre doch als absoluter Feigling dagestanden, wenn er sich gedrückt hatte. Alles lief auch ganz korrekt ab, wenn das wohl auch kaum Vances Verdienst war. Es gab genügend Sekundanten und einen Arzt, Mordale schoss mehr oder weniger absichtlich daneben, traf Vance aber doch – der war sofort tot, der Arzt konnte nichts mehr machen. Vier Zeugen bestätigten, dass Vance wohl selbst schuld war, also gab es nur einen Tadel vom Friedensrichter. Was daran tragisch sein soll… Vance war doch wirklich kein Verlust.“

Sarah seufzte beeindruckt. „Und dann hat Lady Vance ihren – äh – Verehrer geheiratet und alles wurde gut?“

Tante Letty errötete. „Nein, nicht wirklich – du lieber Himmel, Thomas, wir hätten das dem Kind wohl besser nicht erzählt, das ist nichts für die Ohren eines jungen Mädchens…“

„Das fällt dir aber früh ein, mein Schatz!“, spottete der Gutsherr.

„Mach dir keine Gedanken, Tante Letty, ich habe sehr viel gelesen. Was sollte man in Glanby auch sonst tun? Jedenfalls ist Ehebruch in der antiken und neueren Literatur durchaus ein Thema, von dem ich schon gehört habe. Warum wurden die beiden nicht glücklich miteinander?“

Tante Letty gab sich geschlagen; offenbar brannte sie ja auch darauf, den Ausgang der Geschichte zu erzählen: „Man weiß es nicht genau. Vielleicht konnte Lady Vance ihm den Tod ihres Mannes nicht verzeihen… jedenfalls reiste sie ins Ausland und verheiratete sich dort erneut. Sie lebt jetzt in Paris – eine Freundin von mir hat sie tatsächlich einmal in der Opéra getroffen. Offenbar ist ihr zweiter Gemahl sehr wohlhabend und trägt sie auf Händen.“

„Und was wurde aus ihm? Ich meine, dem Liebhaber?“

Tante Letty zuckte die Achseln und bedeutete ihrem Gemahl, fortzufahren.

„Mordale blieb hier auf seinem Besitz. Was er über die Affäre denkt, weiß keiner. Niemand wagt wohl, ihn zu fragen. Er wird nicht eingeladen.“

„Man schneidet ihn, obwohl dieser Lord Vance offenbar selbst schuld war?“ Sarah war empört. „Was bitte hätte er anderes tun können?“

Onkel Thomas zuckte die Achseln. „Nun ja – aber seine Kugel hat Vance getötet. Und er hätte eben besser seine Finger von Lady Vance gelassen.“

„Mag sein – aber ich finde das ungerecht! Der Schurke in diesem Stück war doch wohl Lord Vance, oder? Und bestraft wird dieser Mr. Mordale?“

„Er ist ein Baronet“, korrigierte Mrs. Granger mechanisch.

„Gut, also Sir Irgendwas Mordale. Was bitte hätte er denn anders machen können?“, wiederholte Sarah erbost.

„Eine Kämpferin für die Unterdrückten und Verachteten?“, neckte Onkel Thomas seine neue Nichte.

„Vielleicht“, drohte Sarah nur halb im Scherz. „Ich kenne sicher nicht alle Fakten, aber mir scheint, dieser Sir – wie? dient der ganzen Gegend als Sündenbock. Was tut ihr, wenn ihr ihm begegnet? Schneidet ihr ihn?“

Ihre Tante seufzte. „Wir hätten dir die traurige Geschichte tatsächlich besser nicht erzählt – aber um auf deine Frage zurückzukommen: Wir begegnen ihm nie. Er bleibt zu Hause und streift wahrscheinlich nur über sein eigenes Land.“

„Apropos Herumstreifen“, warf ihr Gemahl ein, „du kannst doch reiten, Sarah?“

„Nun ja“, bekannte diese, „ich habe es freilich zusammen mit Lavvy und Selly gelernt, aber ich hatte wenig Gelegenheit dazu. Ein Gig kann ich fahren, darin habe ich Übung.“

„Dann werden wir dir morgen ein passendes Pferd heraussuchen und du kannst wieder üben“, beschloss der Gutsherr.

„Hier gibt es häufiger Ausflüge zu Pferde“, erläuterte Tante Letty.

Sarah fühlte sich ganz überwältigt. „Ihr seid so lieb zu mir! Aber vergesst bitte nicht, dass ich noch in Trauer bin – und ein Reitkleid besitze ich natürlich auch nicht.“

„Meine Zofe wird mein Dunkelgraues umarbeiten, ich habe ja das neue Dunkelblaue. Grau ist eine angemessene Farbe für Halbtrauer – und du musst sich mit deinem Pferd ja erst einmal bekannt machen.“

Gegen Tante Letty war kein Ankommen, aber sie meinte es wirklich gut. Und Sarah konnte es sich sehr nett vorstellen, die Gegend hoch zu Ross zu erkunden und andere junge Menschen kennenzulernen, also beschränkte sie sich auf ein dankbares Lächeln.

5

Gegen Ende der Woche hatte Sarah ihrer kleinen Mary eine schlichte, aber absolut nicht schief sitzende Frisur beigebracht, das dunkelgraue Reitkleid samt Hut in Empfang genommen und sich mit einer entzückenden kleinen hellgrauen Stute namens Velvet angefreundet, wozu auch eine Handvoll Rüben beigetragen hatte. Ja, sie war auch schon auf Velvet geritten, die traumhaft ging und auf die leisesten Befehle reagierte. Sarah hatte sogar einen kurzen Galopp gewagt und war von Tante Letty, die sie begleitet hatte, sehr gelobt worden.

Außerdem hatten sie einen verblüffend gut sortierten Laden in Great Abbington selbst aufgesucht. Die Inhaberin hatte nicht nur an Litzen, Spitzen, Knöpfen, Bändern und sonstigem Putz alles zu bieten, was das Herz begehrte, sondern im Hinterzimmer gab es auch Rollen um Rollen der interessantesten Stoffe. Sarah, die sich immer für eine nüchterne Person gehalten hatte, bestenfalls für eine Art Blaustrumpf, entdeckte plötzlich eine ganz neue Seite an sich, als sie verzückt über die Samt- und Seidenstoffe, den zarten Musselin und den festeren, aber doch geschmeidigen Perkal mit feinen Mustern strich.

„Der Samt ist wohl eher ungünstig“, holte Tante Letty sie wieder auf den Boden zurück, „dafür wird es in wenigen Wochen viel zu warm sein. Vielleicht den hellgrauen Perkal mit dem blassgrünen Zweigmuster?“

Die Zweiglein waren liebevoll aufgestickt – der Stoff musste ein Vermögen kosten! Sarah warf ihrer Tante einen zweifelnden Blick zu. „Ist er nicht arg kostspielig?“

Tante Letty sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu Mrs. Emmerden und diese verstand und nannte einen erstaunlich moderaten Preis.

„Sehr schön… vielleicht diesen lavendelblauen Musselin noch? Und sobald du deine Trauer abgelegt hast, denken wir über diesen wunderbaren warmen Rosaton nach, ja? Mit deinen braunen Haaren und dunklen Augen müsste er hervorragend harmonieren!“

Sarah nickte etwas beklommen und verfolgte die Auswahl geeigneter Samtbänder, Knöpfe und Spitzen. Es folgten eine Diskussion über Kragenschnitte und die Begutachtung verschiedener Stiefeletten. Nur gut, dass ihr Tante Lettys ältere schwarze Reitstiefel wie angegossen passten, dachte sie, sonst müsste man solche auch noch anmessen lassen. Warum gaben die Grangers so viel Geld für sie aus?

Waren sie wirklich nur gutherzige Menschen, die keine eigenen Kinder hatten und es sich leisten konnten, eine arme Verwandte zu umsorgen?

Wahrscheinlich war das tatsächlich der Grund. Sarah schämte sich prompt dafür, dass sie so freundlichen Leuten böse Nebenabsichten unterstellte; Tante Letty hatte sich offenbar immer eine Tochter gewünscht, die ihr aber nicht vergönnt gewesen war. Oder vielleicht hatten sie ja auch eine Tochter gehabt, die jung gestorben war? Warum hatte Mama nie von ihrer Schwester erzählt?

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