»Erstaunlich, was so ein Kopftuch bewirkt!«, kommentiert Yasi meine vorübergehende Sprachlosigkeit über mein Spiegelbild.
»Ich sehe ja aus wie eine echte Türkin«, lamentiere ich.
»Merhaba, Melek!« Yasi setzt eine zufriedene Miene auf. »In diesem Aufzug solltest du demnächst mal in den e.Club gehen«, schlägt sie vor und gluckst. »In der Aufmachung baggert dich bestimmt niemand mehr blöd an.« Sie amüsiert sich ja prächtig über mich.
»Ha, ha…«, mache ich.
»Du kannst auch ruhig mehrere Teile übereinander anziehen«, legt sie mir nahe. »Der sogenannte Zwiebellook ist bei uns gerade total angesagt!«
Als ich mich an meinen befremdenden Anblick gewöhnt habe, fange ich kurzerhand an, einen konkreten Plan zu schmieden. Schließlich muss ich gewappnet sein, wenn man mir, als neues muslimisches Kindermädchen, gezielte Fragen bezüglich meiner Person stellt. Yasemin schmückt Meleks Lebenslauf äußerst großzügig aus: Jetzt habe ich , neben einem sehr strengen und tief religiösen Vater namens Mustafa und einer geringfügig deutsch sprechenden Mutter namens Bedriye, auch noch zwei Brüder ohne Schulabschluss, die in der Gebrauchtwagenbranche tätig sind – Serdal und Mehmet. Na super, genau genommen habe ich nun Yasis komplette Familie am Hals. Des Weiteren bin ich als Melek Yildiz angeblich streng erzogen worden und füge mich heute noch den Anweisungen meines Vaters. Fernerhin trage ich das Kopftuch seit meinem 10. Lebensjahr und gehe regelmäßig mit meiner Familie in die Moschee. Amen.
Als Melek bin ich im Grunde genau das Gegenteil meiner türkischen besten Freundin. Bei meinem Deutsch darf ich natürlich keinerlei Abstriche machen. Sonst würde man mich wohl kaum für die Erziehung deutschsprachiger Kinder engagieren.
Ich nehme mir vor, Claudia von Degenhausen morgen früh anzurufen, um sie über meinen Entschluss, die Stelle anzunehmen, zu informieren.
»Gut. Dann werde ich schon mal meinen ganzen Krempel zusammenpacken und in den nächsten Tagen hier einziehen«, meint Yasi, nachdem wir alle Fragen bezüglich Meleks Autobiografie geklärt haben. Ich teile ihr das Arbeitszimmer zu. Eigentlich ist es ein Kinderzimmer, aber da Sören und ich, dem Himmel sei Dank, kinderlos waren, nutzten wir diesen Raum als Arbeitszimmer. Mehr oder weniger handelte es sich dabei aber eher um eine Art Indoor - Kfz - Werkstatt, in der Sören seinen gesamten blöden Autokrempel aufbewahrte. Von Motorteilen über jede Menge Wechselfelgen, bis hin zum kompletten Wagenheber, stapelte sich alles bis unter die Decke. Ich hoffe Yasi ist nicht allzu empfindlich – wegen des Benzingeruchs. Den kriegt man aus dem Zimmer so gut wie nie wieder raus.
»Also ehrlich, vermutet sie etwa eine selbst gebastelte Bombe unter meinem Rock, oder was?«
Am nächsten Morgen wähle ich Claudia von Degenhausens Nummer. Wieder diese gebieterische Stimme! Für einen kurzen Moment habe ich ein flaues Gefühl im Magen. Ich hoffe, ich tue das Richtige.
»Hallo, hier ist Melissa Bogner. Ich habe mich entschieden und nehme die Stelle an«, sage ich souverän.
»Das ist ja großartig«, freut Klodia sich. »Konnten Sie sich also mit meinen gestellten Bedingungen arrangieren?«
»Ja, das ist schon okay. Ich habe mich gründlich auf die Rolle und natürlich auf meine Aufgaben als Nanny vorbereitet«, bekunde ich. »Wann kann ich anfangen?«
»Morgen früh, um acht«, schießt ihre prompte Antwort durch den Hörer. »Bringen Sie am besten gleich Ihre ganzen Sachen mit. Das Gästezimmer ist hergerichtet. Sie können direkt bleiben.«
»Oh, ich habe gar nicht damit gerechnet, dass es so schnell geht…«, lenke ich ein.
»Hör’n Sie zu«, stöhnt sie genervt. »Ich habe viel zu tun. Mein Terminkalender ist vollgestopft. Ich komme kaum zur Ruhe und dazu noch diese schwierige Phase, in der die Kinder gerade stecken!«
Was wohl im Klartext bedeutet, dass sie ihr tierisch auf die Nerven gehen.
»Also Frau Bogner, wollen Sie nun den Job oder nicht?« Ihre Gereiztheit lässt auf einen ungesunden Lebenswandel schließen, möglicherweise auch auf eine vorzeitige Menopause. Oder hat sie schlicht und einfach ihre Tage?
»Ja, natürlich will ich den Job…«, bringe ich eilig hervor.
»Dann schwingen Sie morgen früh um acht ihren Hintern hierher, Frau Bogner. Und vergessen Sie das Kopftuch nicht!«
»Alles klar, gnädige Frau. Acht Uhr. Mit Kopftuch.«
Schwups. Schon hat sie wieder aufgelegt. Mannomann, das kann ja heiter werden.
Kurz darauf rufe ich meine Mutter an und informiere sie über die neusten Umstände, lasse aber mit Bedacht die Angelegenheit mit der ungewöhnlichen Verkleidung aus.
»Und du bist auch wirklich ganz sicher, dass es sich um die Familie von Degenhausen handelt? Die mit der berühmten Schmuckfirma!«
»Ja Mama!« Ich verdrehe die Augen.
»Ja, dann ist es kein Wunder, dass die so gut bezahlen«, konstatiert sie. »Dann kann ich jetzt endlich wieder beruhigt schlafen und muss mir keine Sorgen mehr machen, dass du eines Tages in der Hartz IV Schlange stehst.«
Also gleich leg ich auf! Meine Mutter ist jemand, der gemeinhin frei heraus sagt, was er denkt. Egal, ob man es hören will oder nicht.
Sie seufzt erleichtert ins Telefon: » Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Meine Tochter – Nanny bei den Superreichen. So was hätt’ ich dir gar nicht zugetraut. Wenn dein Vater von der Arbeit kommt, köpfen wir erstmal eine Flasche Schampus und trinken auf dich Kind.« Sie ist so euphorisch, hinsichtlich der positiven Entwicklung meiner beruflichen Laufbahn, dass ich ihr glatt eine öffentliche Bekanntgabe durch die 20 Uhr Nachrichten zutraue.
»Dieser Job ist ja fast wie ein Sechser im Lotto. Da musst du unbedingt am Ball bleiben, Melissa. Verkehrt man erst einmal in solchen gehobenen Kreisen, ist es nicht unwahrscheinlich, dort eine gute Partie zu machen. Bei deinem Aussehen kann das ja nicht so schwer werden.«
»Mama!«, rufe ich leicht entsetzt. Ich bin von Natur aus das uneingeschränkte Gegenteil meiner Mutter, die eine eher unkritische Haltung im Hinblick auf die Partnerwahl vertritt. Und zum Glück habe ich auch ihren Hang zu penetrantem Übereifer nur bedingt von ihr geerbt.
Die Stimme meiner Mutter wird immer psychedelischer. »Also, stell dich nicht dumm an, Kind. Du wirst dir in den Hintern beißen, wenn dir so ein charmanter Multimillionär durch die Lappen geht!«
Nur gut, dass ich ihr nichts von Melek Yildiz erzählt habe. Sonst würde sie sich auf der Stelle in den Hintern beißen.
Wie, um alles in der Welt soll ich es anstellen, mir mit meiner auferlegten Maskerade einen Millionär zu angeln? Es sei denn, in besagten Kreisen verkehrten zufällig auch ein paar arabische Ölscheichs.
Nach einer sehr unruhigen Nacht, bin ich am nächsten morgen, schon lange bevor mein Handyalarm losgeht, hellwach. Zum Frühstück reicht mir heute ein Kaffee. Wenn ich aufgeregt bin, vergeht mir stets der Appetit. Auf dem Sofa stapelt sich noch immer die Altkleidersammlung von Yasis Cousine.
Gestern, nach dem Telefongespräch mit meiner Mutter, habe ich versucht, einige der kunterbunten Teile möglichst zumutbar miteinander zu kombinieren. Leider ohne Erfolg.
Letzen Endes habe ich mich wieder für die orangefarbene Tunika und den blassblauen Rock, in Kombination mit dem farbenfroh gemusterten Stickerei - Kopftuch entschieden.
Ich steige in meine schwarzen Ballerinas. Wenigstens sind meine Füße noch sie selbst. Um ehrlich zu sein, ich sehe fürchterlich aus. So fremd. Diese Umstandskleidung verleiht mir glatt einen Viermonatsbauch.
Wie jeden Morgen tusche ich meine Wimpern mit Mascara. Das lässt meine Augen noch viel dunkler erscheinen. So als hätte ich zwei Stücke Kohle an Stelle meiner Augen.
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