Ich wollte schon protestieren, aber er legte mir seinen Zeigefinger sachte auf die Lippen und schüttelte noch einmal lächelnd den Kopf.
Jetzt raste mein Herz nicht mehr wegen des Traumes. Doch seine tiefen ruhigen Atemzüge beruhigten mich schnell und ließen mich wieder einschlafen.
Am neuen Morgen erwachte ich von dem Kaffeeduft vor dem Zelt. Und wie immer hatte Jo auch schon unser Frühstück fertig gemacht. Also krabbelte ich etwas steif aus dem Zelt und setzte mich zu ihm.
„Guten Morgen.“
Er hauchte mir dabei einen leichten Kuss auf die Stirn. Ich ließ es geschehen. Mein Bedürfnis, mich gegen Gefühle zu wehren, schwand von Tag zu Tag. Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis, mich wegen der nächtlichen Störung zu verteidigen. Irgendwie gab Jo mir das Gefühl, dass er mich verstand. Das irritierte mich, aber ich fühlte mich deshalb nicht unbehaglich oder schlecht.
Nach dem Frühstück packten wir alle nötigen Sachen zusammen, die wir für unsere Expedition brauchten. Die Seile und Taschenlampen nahmen wir ebenfalls mit. Unsere Tauchausrüstungen waren recht schwer, und ich befürchtete schon müde zu sein, bevor wir an unserem Tauchpunkt ankommen würden. Zumal ich noch nicht einmal wusste, ob ich damit umgehen konnte. Aber Jo beruhigte mich.
„Keine Sorge, wir legen genügend Pausen ein und außerdem, glaub mir, wenn Du die Luftflasche erst einmal auf Deinem Rücken hast, ist es nicht mehr so schlimm.“
Ich bezweifelte das zwar, sagte aber nichts.
Mühsam kletterten wir quer über die Insel zu unserem Startpunkt. Dort befestigten wir wieder die Seile an starken Bäumen. Diesmal ließen wir die Luftflaschen mit dem Seil hinunter und zogen sie unten wieder an. Wenn wir das am Ende auch so machen würden, würde es uns tatsächlich gelingen, einigermaßen bequem hinunter und hinauf zu kommen. Jo zeigte mir, wie ich alles zu benutzen hatte. Der Mann hatte offensichtlich schon viel erlebt, irgendwie konnte er mir fast alles zeigen und erklären. Als wir im Wasser ankamen, verabredeten wir noch, wie wir uns unter Wasser verhalten wollten und machten uns auf den Weg zum Höhleneingang. Vor Aufregung atmete ich viel zu schnell und verbrauchte natürlich viel zu viel Luft. Aber das wusste ich natürlich nicht. Wir glitten vorsichtig an der Steilwand mit den Korallen hinunter, ohne sie zu berühren. Als würden uns die Korallen beobachten, bewegten sie sich in der Strömung hin und her. Schade, dass man unter Wasser nicht sprechen konnte. Ich hätte es spannend gefunden, mir von ihnen erzählen zu lassen, was sie so erlebten.
Die Farbenpracht ließ allmählich nach. Doch bis in die Dunkelheit mussten wir nicht.
Plötzlich öffnete sich der Höhleneingang vor uns. Wir schwammen sachte hinein und leuchteten sie zunächst mit unseren Lampen aus. Als wir keine überraschten Bewohner sahen, schwammen wir zügig weiter. Mein mulmiges Gefühl, was mir mein Traum verursacht hatte, ließ langsam nach.
Keine zwanzig Meter innerhalb der Höhle öffnete sich der Eingang zu einer Art Halle. Hier wagten wir einen Blick nach oben und stellten befriedigt fest, dass das Wasser gar nicht so weit über uns sein Ende fand. Ob es zu einer anderen Uhrzeit weiter steigen würde, wollten wir beide eigentlich nicht wissen.
Ermüdet kletterten wir aus dem Wasser und legten einen Augenblick unsere Ausrüstung ab. An der Stelle schien der Fels völlig trocken zu sein. Kein Wasser schien ihn je berührt zu haben. Die Luft wirkte klar und rein. Es musste eine Luftzufuhr geben, sonst wäre die Luft nicht so gut gewesen. Jo bemerkte, dass es auch warm in der Höhle war. Das sprach alles dafür, dass es auch einen Zugang über Wasser geben musste. Trotz Taschenlampen war nichts zu sehen. Und außer dem Lichtschein der Taschenlampen war kein deutlicher Lichtschein erkennbar. Aber ich musste mir eingestehen, für eine Höhle, in die kein Tageslicht drang, war sie einfach zu hell. Es wirkte dämmrig, aber nicht dunkel.
„Jo, meinst Du, wir können nachher über Land wieder raus?“
Er bewunderte ebenfalls die Höhle und flüsterte ehrfürchtig: „Ich weiß es nicht, aber irgendwie muss hier Luft rein kommen und auch etwas Licht. Nur wenn der Eingang zu klein ist, dann kommen wir dadurch nicht raus.“
Es dauerte noch einen weiteren Moment, bis wir anfingen, vorsichtig diese Höhle zu erkunden. Im Augenblick konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir hier wirklich das Wasserschwert finden sollten. Andererseits hatte uns das Rätsel und unsere Neugier hierher geführt. Und wenn ich eins inzwischen begriffen hatte, dann dass wir uns auf unseren Instinkt verlassen sollten.
Durch das Dämmerlicht verlor ich völlig das Zeitgefühl und Jo schien es ähnlich zu gehen. Gemeinsam kletterten wir die Felsen entlang und untersuchten jeden Winkel. Zunächst fanden wir nichts und wir wollten schon enttäuscht wieder unsere Tauchausrüstungen anlegen, als plötzlich ein grelles Licht vor uns auftauchte. Es wirkte nicht wie Tageslicht, aber eine Lampe war es auch nicht. Es wirkte mehr wie ein Irrlicht, dass uns ein Zeichen geben wollte. Ganz wie in den alten Sagen und Märchen, in denen plötzlich ein Lichtstrahl dem Helden zeigt, wo er lang gehen muss oder was zu tun ist.
Behutsam näherten wir uns der Stelle, von der das Licht zu kommen schien. Es wies uns hinter einen Felsen, den wir bisher als massiv betrachtet hatten. Wir wären nicht auf die Idee gekommen, das eine optische Täuschung den Platz des Schwertes vor unerwünschten Findern schützen könnte. Und dort lag es. Es lag ganz einfach auf dem Fels. Es war fast lächerlich, man mochte meinen, jemand hätte das Schwert dort einfach vergessen.
Ehrfurchtsvoll streckte ich meine Hand nach dem Schwert aus. In dem Moment, als ich das Schwert mit einem Finger berührte, stieg, wie bei dem ersten Schwert, plötzlich ein Nebel auf. Eine Lichtgestalt formte sich aus dem Nebel. Sie wirkte ein wenig kräftiger als die Erste, und auch etwas kleiner. Aber sie ähnelte dem Wesen aus dem Flammenschwert ganz deutlich. Ihr Nebelkleid waberte etwas, als würden Wellen mit ihrem Gewand spielen. Sie nahm das Schwert und hielt es gegen einen Stein mit einer Vertiefung in der Mitte. Sofort füllte sich die Vertiefung mit Wasser.
Jo kam zu dem Stein und tauchte einen Finger ins Wasser, danach leckte er den Finger ab und nickte anerkennend: „Süßwasser.“
Danach schwebte das Wesen zum Ufer des Sees, durch welchen wir gekommen waren und tippte mit der Schwertspitze den See an. Augenblicklich zog sich das Wasser ein Stück weit zurück. Meine Augen wurden immer größer. Danach zwinkerte die Nebelgestalt, verschwand im Schwert und das Schwert schrumpfte in sich zusammen. Als es in der Größe einer Nagelfeile war, blieb es liegen. Nun nahm ich es an mich und betrachtete es genau. Auch dieses Schwert war ein wunderschönes Stück. Der Schliff der Klinge war klar und rein. Während der Griff kunstvoll verziert und geschwungen war. Und am Ende des Griffes prangte ein wunderschöner, in Tropfenform geschliffener Aquamarin.
Jo flüsterte: „Wusstest Du, dass der Aquamarin in der Steinheilkunde für Ausdauer und Durchhaltevermögen steht?“
Ehrfürchtig schüttelte ich den Kopf. Nun hatten wir das zweite Schwert.
Leider mussten wir jetzt entweder den Weg über Land finden, oder unsere Ausrüstungen wieder anziehen und noch einmal tauchen. Ich hatte etwas Sorge, ob meine Luft in der Flasche dafür reichen würde.
„Wir schauen erst einmal, ob wir den Landweg rausfinden. Dann musst Du vielleicht nicht noch mal tauchen.“
„Jo, es ist ja nicht, dass es mir keinen Spaß macht zu tauchen. Aber ich habe etwas Angst in der Tiefe und dass meine Luft vielleicht nicht mehr reicht,“ gab ich zurück.
Sofort ging Jo zu den Tauchflaschen und überprüfte die Füllung.
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