„Vaters Notar hat einen Vermerk entdeckt“ warf er ein, „ in dem der Alte auf ein neues Testament verweist. Darin soll seine Mätresse die Haupterbin sein. Der Notar selbst kennt es nicht, aber Emilia und Viktor haben ihm bestätigt, ein solches als Zeugen unterschrieben zu haben. Über den Inhalt, beteuerten die beiden aber, wissen sie Nichts und leider auch nicht über seinen Verbleib. Rüdiger wartet dringend auf das Erbe, ihm steht das Wasser bis zum Hals. Mich hat Vater ohnehin schon enterbt, aber vielleicht verliere ich jetzt auch noch das Dach über dem Kopf.“
„So schlimm wird es schon nicht werden, es ist genug für alle da“, versuchte Isabel die Unterhaltung wieder in eine unverfänglichere Richtung zu lenken.
Sie schenkte Jakob Kaffee und Severin noch einen Schluck Likör ein und fragte ihn dabei, wie er darauf kam, dass Rüdiger das Wasser bis zum Hals stehen sollte.
„Weil ich auch im Palais wohne und mitbekomme, wie er zweimal die Woche ins Casino geht, seine Rechnungen nicht bezahlt und er dauernd mit Helena streitet, weil er nicht mehr weiß, wie er ihre Einkaufstouren bezahlen soll. Sie haben beide immer schon viel mehr ausgegeben, als Rüdiger sich leisten kann.“
Jakob hatte Severin aufmerksam zugehört und erkundigte sich jetzt wie beiläufig, was Rüdiger sonst noch so alles treibe, Freunde, Besuche und so weiter, was Isabel unangenehm zu sein schien.
„Sei doch nicht so neugierig Jakob. Was geht dich Rüdigers Leben an?“
„Er ist Familie. Ich bin nicht neugierig, nur interessiert.“ Severin richtete sich zum Gehen.
„Wie auch immer, höchste Zeit für mich zu gehen.“
Er bedankte sich für Gastfreundschaft, Essen und Likör und wünschte Jakob noch einen schönen Tag. Isabel begleitete ihn hinaus. Am Heimweg musste er innerlich über sich selbst lachen, wie überzeugend er doch in der Rolle des enterbten Sohnes gewesen war. Dem Himmel sei Dank, dass er das Testament gefunden hatte und diese Nora damit erpressbar war.
Nachdem Severin gegangen war half Jakob Isabel noch beim Saubermachen, dann verbrachten sie den Nachmittag gemeinsam zeitunglesend, plaudernd und mit den Kindern spielend. Bei Einbruch der Dämmerung richtet Jakob sich zum Gehen. Er erklärte Isabel, dass er die Buchhaltung für diesen Monat noch nicht gemacht hatte und sie wusste, das erledigte er am liebsten spätabends und nachts in seinem Büro.
Jakob genoss den Fußmarsch zu seinem Büro. Es schneite stark und der Schnee schluckte den städtischen Lärm. Seit dem Tod seines Vaters führte Jakob das Traditionsunternehmen Suess & Söhne Ltd. alleine, ein Antiquariat für Bücher, antike Münzen Medaillen und Medaillons. Dort hatte das Schicksal auch ihn und Isabel zusammengeführt, die fasziniert von den alten abgegriffenen Schmökern, oft stundenlang völlig versunken im Leseraum des Geschäfts über den Büchern saß. Jakobs Büro war in der Filiale für Münzen und Medaillen, die andere Filiale, die mit den Büchern, war jetzt mehr Isabels Domäne und Refugium. Sein Büro lag ebenerdig ganz hinten im Geschäft, mit zwei kleinen Fenstern in den Innenhof. Er nahm das abgegriffene Kassabuch aus der abgesperrten Schreibtischlade, legte einen Block daneben und kritzelte und rechnete hin und her. Die Jahresabschlussbilanz war fällig und die Zahlen sahen alles andere als rosig aus. Das Habensaldo lag weit hinter seinen Erwartungen zurück und die letzten paar Wochen des Jahres würden daran kaum noch etwas ändern. Jakob lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und kaute mit hinter dem Kopf verschränkten Händen an seinem Bleistift herum. Die Wanduhr mit den römischen Zahlen auf dem weiß emaillierten Ziffernblatt schlug leise Neun.
„Sie sollten bald da sein“, dachte er, „wenn ihnen Nichts dazwischengekommen ist.“
Am Fenster klopfte jemand und Jakob erhob sich, um die Tür aufzusperren. Er musste den Vorhang nicht zur Seite ziehen, um zu wissen wer es war. Dieses Klopfen war das vereinbarte Zeichen. Jakob öffnete die Hintertür und ließ Sami, den Mann seiner Schwester, ein schmächtiger Kerl mit stechenden Augen, herein.
„Wie geht es dir mein Lieber, ist dir auch niemand gefolgt?
Hast du etwas von Esther gehört?“
„Alles bestens Jakob. Mein Vater lässt dich herzlich grüßen.
Esther müsste auch bald da sein, sie wollte nur nicht mit mir gemeinsam gehen.“
Bald danach traf Esther, Jakobs Cousine ein. Jakob zog die Vorhänge ganz zu und knipste nur ein schwaches Licht an, damit seine Gäste vom Hof her nicht zu sehen waren.
„Was gibt es denn Interessantes Esther das du uns so dringend zeigen willst?“, wandte er sich seiner Cousine zu.
„Unser Informant im Ministerium hat mich gestern kontaktiert und mir dieses Kuvert übergegeben. Er sagt es wäre brisant. Es ist zugeklebt, ich habe selbst noch nicht hineingeschaut.“
Esther legte einen verschlossenen Umschlag vor Jakob auf den Tisch, der ihn prüfend vorne und hinten besah, bevor er seinen messerscharfen Brieföffner ansetzte und ihn aufschlitzte. Er enthielt einen Einzahlungsbeleg, dem ein kurz gefasstes Begleitschreiben beigelegt war. Dem war zu entnehmen, dass es sich um die Quartalszahlung auf ein Konto ´Förderungen-Denkmalschutz´ handelte, dessen Inhaber Rüdiger Kranach-Walde war. Jakob sah sich den Betrag noch einmal an. Es war ein Mehrfaches dessen, was seiner Familie nach einem Jahr Arbeit in seinen beiden Geschäften zum Leben blieb.
„Nicht übel!“ bemerkte er und hielt den Beleg so, dass auch die anderen ihn lesen konnten.
„Nicht übel und damit kauft mein Schwager Schläger, Denunzianten und korrupte Beamte.
Die Wanduhr schlug Zehn. Jakob sollte schon Zuhause sein. Er sperrte den Beleg zusammen mit seinem Kassabuch ein, dann wünschten sie sich eine gute Nacht und gingen, ein jeder in eine andere Richtung, heim. Als Jakob zu Hause ankam, hatte Isabel die Kinder schon zu Bett gebracht. Sie schliefen tief und fest, als er nach ihnen sah. Isabel wollte wissen, ob er mit der Buchhaltung fertig geworden und der Jahresabschluss erfreulich war. Müde ließ Jakob sich in sein Sofa fallen.
„Leider weder noch! Einen Abend werde ich wohl noch opfern müssen. Mindestens! Dieses Jahr kommen wir gerade noch irgendwie über die Runden. Für die Zukunft weiß ich aber nicht, wie es weitergehen soll.“
„So schlimm?“
„Nein, nicht ganz. Ich bin nur müde, es war ein langer Tag“, versuchte Jakob den Ernst der Lage herunterzuspielen.
Es war Isabels geliebtes Antiquariat, das rote Zahlen schrieb, während das Münzgeschäft noch bescheidenen Gewinn abwarf. Das wollte Jakob ihr aber so nicht sagen. Isabel kuschelte sich zu ihm auf die Sofalehne.
„Mein Liebster, das kommende Jahr wird ganz gewiss besser werden.“
„Sicher! Ja!“ erwiderte er abgespannt. „Wir schaffen es, das wäre doch gelacht!“
Isabel kannte ihn nur zu gut, die Lage war ernst. Zum Lachen war Jakob nicht zumute. Neidvoll dachte er an die Summe, die Rüdiger für Agitationen und Propaganda zur Verfügung hatte, und dass ihre Sorgen damit leicht ausgeräumt wären. Isabel ging hinaus und kam mit zwei gut gefüllten Gläsern Rotwein zurück. Sie stießen an und wechselten vom Geschäft zur Familie. Isabel meinte, sich in der Trauerphase nach dem Tod des Vaters, vermehrt um ihre Geschwister kümmern zu müssen und hatte für morgen Abend eine Einladung aller geplant. Jakob schlug gleich vor, dass er dann, um die Geschwister nicht zu stören, sich bei dieser Gelegenheit der restlichen Buchhaltung widmen könnte.
Nachdem Jakob am nächsten Morgen in das Geschäft aufgebrochen war, klemmte Isabel sich hinter das Telefon. Als erste rief sie Patrizia an, ließ es zwei Mal lange läuten, dann gab sie auf. Dann versuchte sie es bei Rüdiger. Wider Erwarten war er um diese Zeit nicht nur munter, sondern auch gut gelaunt. Heute müsse er ihr aber leider absagen, entschuldigte er sich ohne hörbares Bedauern, weil er eine Verpflichtung hatte die unaufschiebbar war. Auch jetzt könne er nicht lange reden, weil er so schwer beschäftigt war, wimmelte er seine Schwester ab.
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