„Ich möchte sie nicht unnötig lange aufhalten und gleich zur Sache kommen. Ich habe ihnen etwas vorzuschlagen, ein Geschäft, von dem wir beide profitieren. Wie sie ja sicher von ihm selbst wissen, beabsichtigte mein Vater sie sehr großzügig zu beerben. In seinem ursprünglichen Testament hatte er sie aber noch nicht eingeplant, er hat erst kurz vor seinem Ableben ein entsprechendes neues verfasst. Und genau das habe ich. Nur ich und niemand sonst!“
Severin zog ein Kuvert aus der rechten Brusttasche.
Erik kann einen Schritt näher, Nora lehnte sich interessiert vor.
„Entspannen sie sich, das ist natürlich nicht das Original. Halten sie mich bitte nicht für so naiv.“
Severin hielt Nora das Schriftstück hin. Sie nahm es und las es aufmerksam durch. Es der letzte Wille des alten Barons, eine Kopie nur und der Abschnitt mit den Unterschriften war abgetrennt. Severin hatte den Tag des Begräbnisses gut genutzt und in Abwesenheit aller seiner Mitbewohner im Palais das Büro seines Vaters durchsucht. Er war schnell fündig geworden. Das gesuchte Testament war nicht einmal gut versteckt. Severin fand es in einer unversperrten Schreibtischlade, als Zeugen hatten Emilia und Viktor unterschrieben. Der Baron hatte Nora eine Villa in der Stadt, mehrere hundert Hektar Waldbesitz, ein gut gefülltes Bankkonto und ein Vermögen an Wertpapieren vermacht. Nora las auch den zweiten, dritten und vierten Absatz durch. Seinem Sohn Rüdiger hatte der Baron das Palais sowie zwei weitere ebenfalls schuldenbelastete und denkmalgeschützte Liegenschaften zugedacht, die allesamt mehr Bürde als Grund zur Freude waren. Die Anteile seiner beiden Töchter fielen auch mehr als bescheiden aus. Severin aber sollte völlig leer ausgehen, weil, wie der Baron schrieb, er eine Schande für die Familie war. Nora faltete die Kopie zusammen und gab sie Severin zurück.
„Und?“ fragte sie.
Severin grinste und steckte das Kuvert wieder ein.
„Ganz einfach! Ich rücke das Original nur heraus, wenn sie mit mir teilen. Wir sitzen im selben Boot. Wenn das Testament verschwunden bleibt, bekommen weder sie, noch ich etwas. Nihil! Niente! Nichts! Also entweder ich bekomme meinen Teil, oder machen so weiter wie bisher.“
Dabei ließ Severin einen arroganten Blick durch das Zimmer gleiten, der nur auf einer mit Elfenbein verzierten Ebenholzschatulle kurz haften blieb, einem Geschenk des alten Barons, eine Kostbarkeit, die bis vor kurzem noch in seinem Arbeitszimmer stand. Severin hatte sie sofort wiedererkannt. Er war irritiert und räusperte sich, dann fand er den Faden.
„Nun, was meinen sie?“
Nora war aufgestanden, antwortete ihm aber nicht. Severin nahm sein Glas und trank es in einem Zug leer.
„Sie können es sich ja noch überlegen. Lassen sie sich aber nicht allzu viel Zeit, ich werde von Tag zu Tag unbescheidener. Außerdem weiß auch mein Bruder von ihnen und der ist nicht so sanft und feinfühlig wie ich.“
Severin legte eine Visitenkarte neben sein leeres Glas, zog manieriert seine Handschuhe an, setzte den Hut wieder auf und sagte im Gehen über seine Schulter zurück.
„Bemühen sie sich nicht, ich finde allein hinaus!“
Als die Tür ins Schloss gefallen war, kam Tanner aus der Küche. Er kratzte sich am Kinn und ein nachdenkliches „Hmm!“ war sein erster Kommentar.
„Jetzt könnte ich vielleicht doch etwas Stärkeres vertragen, wenn ihr Angebot noch gilt!“, bat er Nora, die aber in Gedanken woanders war, beim Fenster hinaussah und ihn nicht zu hören schien. Erik schenkte Tanner ein Glas ein, der Nora jetzt fragte, was sie zu tun gedachte.
„Severins Vorschlag annehmen, was denn sonst? Oder fällt ihnen etwas Besseres ein.“
„Wenn sie darauf eingehen, sind Unannehmlichkeiten vorprogrammiert und so wie ich Rüdiger einschätze, könnten das ziemlich unschön werden.“
„Wir fürchten uns nicht!“, stellte Erik fest und verstreute wieder Asche auf den Boden.
Nora sah Tanner an.
„Rein rechtlich gesehen sollte das Testament wohl halten, also was könnte dieser Rüdiger schon tun?“
„Drohungen, Psychoterror, Gewalt. Er kann ihnen das Leben zur Hölle machen, vielleicht findet er auch etwas womit sie erpressbar sind.“
„Bin ich aber nicht!“, erwiderte sie trotzig.
„Woran ist der alte Baron eigentlich gestorben?“ fragte Tanner um das Thema zu wechseln
„An einem Herzanfall,“ erwiderte Nora bestimmt, drehte sich wieder zum Fenster und beobachtet Severin, wie er unten beschwingt auf den Gehsteig hinaustrat und seinen Mantelkragen gegen den schneidenden Wind aufstellte und den Kopf einzog.
Er war erleichtert, dass es so gut gelaufen war. Diese Nora musste auf sein Angebot eingehen, kein Zweifel, was sonst sollte sie tun. Zuerst hatte er noch Bedenken wegen diesem Erik gehabt, dann aber schnell erkannt, dass der keine ernste Bedrohung war. Trotzdem war ihm mulmig dabei gewesen, als er die Kopie aus der einen Tasche zog, während das Original in der anderen steckte. Das war gewagt, Severin musste schmunzeln, er kam sich schlau und verwegen vor. Er wartete an der Bordsteinkante, aber niemand bremste ab und ließ ihn die Straße überqueren. Auf der anderen Seite fiel ihm eine schwarze Limousine mit laufendem Motor auf, aus dem spaltbreit offenen Fenster drang Zigarettenqualm und laute Rockmusik heraus. Severin dachte noch wie schön dagegen doch diese Etüde von Mozart war, mit der er sich seit Wochen schon auf seiner Violine plagte. Dann war die Straße endlich frei und er ging los. Im selben Moment trat der Fahrer dr schwarzen Limousine aufs Gas.
„Oh mein Gott, was sind denn das für Typen!“ dachte Severin, blieb gerade noch rechtzeitig mitten auf der Straße stehen und ließ die Limousine vorbei. „Haben die beiden Glatzköpfe denn keine Augen im Kopf?“, ärgerte er sich.
Severin schaute auf seine Uhr, er hatte noch Zeit um sich einen Spaziergang zu gönnen, einen Umweg durch den Park. Er war erst zu Mittag bei Isabel zum Essen eingeladen und wollte sie am Hinweg bei ihr in der Buchhandlung besuchen und von dort gemeinsam zu ihr nach Hause gehen. Das hatte er ihr nicht ohne Grund so vorgeschlagen und deswegen hatte er auch das Original des Testaments mitgebracht.
Isabel bediente Kundschaft, als Severin das Antiquariat betrat. Sie winkte ihm zu und bat ihn um noch etwas Geduld. Severin nickt verständnisvoll und sah sich interessiert zwischen den vollen Buchregalen um. Ganz hinten im Geschäft war ein abgetrennter Nebenraum mit einer Nische für ganz besondere Exemplare, selbst Angreifen und Herausnehmen der Bücher war dort nicht erlaubt. Hier war der Lieblingsplatz seines Vaters gewesen, stundenlang hatte er in alten Schriften geblättert, eine Leidenschaft, die Isabel von ihm übernommen hatte. Severin vergewisserte sich, dass niemand ihn beobachtete, dann zog ein in Leder gebundenes, völlig verstaubtes Buch aus dem obersten Regal heraus, den „Index Alter Plantarum“, blätterte es auf und legte das Original-Testament zwischen die Seiten. Dann stellte er es auf denselben Platz zurück, wo es sicher schon seit Jahren unberührt gestanden hatte.
Als Isabel ihn suchen kam, saß er auf einem der knirschenden Sessel und kritzelte den Inventar Code des Buches ´D-VII/ IX/ 21/´ auf das Kuvert, in das er die Kopie des Testaments gesteckt hatte.
„Entschuldige bitte Severin, dass es etwas länger gedauert hat, aber das war eine wichtige Stammkundschaft.“
Severin half seiner Schwester galant in den Mantel, dann schloss sie den Laden ab. Isabel hakte ein und so machte sich das Geschwisterpaar auf den Weg.
Zuhause warteten schon Jakob und die hungrigen Kinder. Jakob hatte gekocht und den Tisch gedeckt. Während des Essens unterhielten sie sich über das Geschäft, die Kinder erzählten von der Schule und Severin davon, dass er zu verreisen plante. Nach dem Essen hielt es die Kinder nicht mehr am Tisch. Isabel servierte Kaffee und für Severin, wie immer, auch ein Gläschen Likör. Unweigerlich kam das Gespräch darauf, wie es nach dem Tod des alten Barons weitergehen sollte. Isabel machte sich Sorgen, dass die Familie jetzt ganz auseinanderbrechen würde, Severin dachte weniger an seine Geschwister und war vor allem über seine eigene Zukunft sehr besorgt.
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