Nichts erinnerte im Park mehr daran, dass hier vor kurzem ein Mann fast totgeprügelt und ein anderer erschossen worden war. Die Spuren waren durch den anhaltenden Schneefall alle zugeschneit, aber Haim hatte die Details des Tatorts noch gut im Kopf. Sie versuchte Severins Route zu rekonstruieren und fing damit an der Stelle des Überfalls an. Woher aber war er gekommen und wohin hatte er vorgehabt zu gehen? Tanner hatte zu Protokoll gegeben, dass er selbst von der Courbet-Gasse kommend den Park betreten hatte und auf Severin erst durch den Tumult des Überfalls aufmerksam geworden war. Er hatte ihr nicht sagen können, ob die beiden Täter Severin aufgelauert hatten, oder ihm bis dorthin gefolgt waren. Haim sah sich um. Die Stelle war von allen Seiten, auch von weitem, ziemlich ungehindert einsehbar, nur wenige jetzt blattlose Bäume verstellten die Sicht. Die Täter mussten Severin gefolgt sein, weil hier weitum keine gute Deckung zum Auflauern war. Haim fragte sich, warum Tanner sie nicht vorher schon bemerkt hatte. Sie ging bis zu der Stelle, von der aus Tanner den tödlichen Schuss abgefeuert hatte. Auch bei einer durch Schneefall eingeschränkten Sicht, hätte er die Gesichter von hier aus eigentlich sehen und wesentlich mehr Details erkennen müssen, als er später dann zu Protokoll gab. Haim überquerte die Wiese in Richtung Courbet-Gasse, von wo Tanner angeben hatte, gekommen zu sein. Dort waren keine Geschäfte, keine Cafés oder Lokale, keine Straße, in der man einfach nur so herumspaziert, oder wie Tanner behauptet hatte, ´ frische Luft schnappen´ geht. Die Straße war ruhig, kaum Fußgänger, wenig Verkehr und nur einige am Rand geparkte Autos. Ein weißer Kleinwagen zog Haims Aufmerksamkeit auf sich. Der dicken Schneeschicht nach zu schließen, parkte er schon länger hier, aber das Fenster auf der Fahrerseite stand eine Handbreit weit offen. Haim warf einen Blick hinein. Zusammengeknüllte Bierdosen, Kaffeebecher, der Aschenbecher übervoll, jemand hatte sich hier drinnen viel Zeit vertrieben. Die Tür war nicht abgesperrt, der Schlüssel steckte. Haim rief ihre Kollegen an und bat sie das Kennzeichen zu überprüfen. Die Abfrage ergab als Zulassungsinhaber den von Tanner getöteten Angreifer. Haim wartete beim Auto, bis ihre Kollegen von der Spurensicherung eingetroffen waren und bat sie noch, sie so bald wie möglich über die Ergebnisse zu informieren. Dann ging sie durch den Park zurück ins Kommissariat.
Tanner stand am Fenster in Noras Wohnzimmer und hatte Haim die ganze Zeit über beobachtet. Er hatte sich mit Nora unterhalten, war aber durch das, was er unten sah abgelenkt.
„Vielleicht“, wiederholte er, war aber nicht sicher, was eigentlich ihre Frage gewesen war.
Erst nachdem das Auto abgeschleppt und das Team der Spurensicherung abgerückt war, ging Tanner wieder vom Fenster weg. Er hatte versprochen, Erik vom Hotel abzuholen und fuhr mit Noras Wagen los. Beim Wegfahren und auch als er später dann mit Erik zurückkam, drehte er eine Extrarunde um den Block, es fiel ihm aber nichts Ungewöhnliches auf. Haim hatte offenbar niemanden dazu eingeteilt, die Gegend hier weiter im Auge zu behalten.
Mit Erik in der Wohnung hatte Tanner keine Lust noch länger zu bleiben und er verabschiedete sich von den beiden. Am Weg zur Straßenbahn Haltestelle kam er bei einem Maronibrater vorbei, der, seine Hände mit fingerlosen Handschuhen gegen die Kälte geschützt, Kastanien auf seinem Ofen wendete.
„Eine Portion heiße Maroni Herr Kommissar?“
Überrascht blieb Tanner stehen. Der Mann füllte ein Säckchen an und packte noch zwei Kastanien obenauf.
„Und zwei extra Große, als Gruß an Frau Nora.“
„Kennen wir uns?“
„Ja, zumindest ich sie, aus der Zeitung und Frau Nora, weil ich mir schon seit vielen Jahren jeden Winter hier die Beine in den Bauch stehe. Aus der Zeitung weiß ich auch, dass sie Polizist gewesen sind. Habe mir schon so etwas Ähnliches gedacht, so wie sie diesen Schläger umgenietet haben.“
Tanner schälte die erste, brennheiße Maroni ab..
„Sie haben den Überfall also beobachtet?“
„Sicher, das war ja auch nicht zu übersehen, ebenso wenig, wie dass die Bullen heute endlich das Auto dieser Ganoven gefunden haben.“
Der Maroni Mann zwinkerte Tanner verschwörerisch zu.
„Den einen, der sich aus dem Staub gemacht hat, den ´Schweden´, den kenne ich auch.“
„Haben sie das der Polizei gesagt?“ fragte Tanner und hätte sich dabei fast den Mund mit einer Maroni verbrannt.
„Die haben mich ja nie gefragt!“
Tanner fingerte die nächste Kastanie aus ihrer Schale.
„Die schmecken übrigens besonders gut.“
Dann verabschiedete er sich. Der Maroni Mann wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Mit seinem kurzen scharfen Messer schnitt er eine Kastanie nach der anderen vor dem Braten auf, im Augenwinkel behielt er dabei aber immer die Umgebung im Blick. Eine große schwarze Limousine mit zwei Männern kam langsam die Courbet-Gasse heruntergerollt, hinter dem Steuer saß unverkennbar Finn. Bei der leeren Parklücke, wo bis vor Kurzen noch das zurückgelassenes Auto gestanden hatte, hielten sie fast an und sahen sich suchend um. Der Maronibrater drehte sich weg. Tanner wäre noch in Rufweite gewesen, er wollte aber nichts riskieren und ließ ihn gehen. Er würde ihn sicher sehr bald wiedersehen. Finn ärgerte sich, dass er nicht schon früher daran gedacht hatte, das Auto wegzubringen. Nun hatten sie es entdeckt und nachdem es mit seinen Fingerabdrücken übersät war, wussten sie jetzt, nach wem sie fahnden mussten. Zornig schlug er gegen das Lenkrad und trat voll auf das Gas. Tanner hörte die Reifen quietschen und erwartete mit eingezogenem Kopf einen Zusammenprall. Er drehte sich um, sah aber nur einen schwarzen Wagen davonrasen. Nur ein Irrer, zum Glück war Nichts passiert. Er beeilte sich, um nicht zu spät zu seinem Kontrolltermin im Krankenhaus zu kommen.
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