Er wollte zuerst vorsichtig die Lage sondieren, um vor unliebsamen Überraschungen bewahrt zu sein. Er behielt die Fenster im Auge, hinter denen es ruhig war, außer dass irgendwann ein Licht anging. Niemand, der ihm gefährlich erschien, betrat das Haus und es kam auch niemand heraus, kein Zuhälter, kein Freier, nur eine schwer mit Einkaufstaschen bepackte Frau, die sicher nicht Nora Musil war. Rüdiger fand, er könne es jetzt riskieren, er probierte an der Haustür, sie war nicht abgesperrt, er ging die Treppe hinauf in den ersten Stock, dann stand er vor der Wohnung, die sein Vater seiner Geliebten geschenkt hatte und vor der er im Stiegenhaus gestorben war. Entschlossen drückte er auf den Klingelknopf neben dem Messingschild mit den Initialen N.M. Kurz danach vermeinte er Schritte zu hören und konnte förmlich spüren, wie er durch den Türspion gemustert wurde. Dann öffnete die Tür sich einen kleinen Spalt, mehr ließ die eingehängte Sicherheitskette nicht zu. „Sie wünschen?“ Rüdiger konnte die Hälfte eines Männergesichts sehen und bereute schon hergekommen zu sein. „Entschuldigen sie die Störung, ist Frau Musil hier?“ „Für wen?“ „Für den Sohn des Mannes, der vor ihrer Tür verstorben ist. Kranach-Walde ist mein Name.“ „Was ist denn los Erik?“ Hinter dem Mann war eine Frau erschienen. Er trat zur Seite und machte ihr Platz. „Rüdiger von Kranach-Walde, könnte ich sie kurz sprechen?“ Die Tür ging zu und Rüdiger nahm zuerst an, dass die Begegnung damit beendet war, dann hörte er aber wie die Kette ausgehängt wurde und Nora bat ihn herein. Sie stellte sich selbst mit „Musil“ und den jungen Mann mit „Erik“ vor. „Ich wollte nur sehen, wo mein Vater gestorben ist und mich für ihre Hilfe bedanken und dafür, dass sie alle damit verbundenen Unannehmlichkeiten auf sich genommen haben.“ Erik schien sich reichlich unwohl zu fühlen. Rüdiger musterte ihn und befand, dass von ihm keine Gefahr ausging. Er trat einen Schritt vor und zog die Tür hinter sich zu. Nora bat ihn aber nicht weiter herein. „Was wollen sie von mir? Was führt sie wirklich her? „Wie lange schon ist mein Vater hierhergekommen? Wie lange schon haben sie den alten Mann schamlos ausgenützt?“ Rüdiger musste sich beherrschen, um nicht laut zu werden. Nora fasste sich schnell, sie lächelte ihn an „Im Jänner wären es drei Jahre gewesen. Und ich kann ihnen versichern, dass er jeden einzelnen Tag davon genossen hat!“ „…und ich habe ihn wirklich gemocht!“, fügte sie nach einer Pause hinzu „Was ja nicht besonders überraschend ist“, bemerkte Rüdiger spöttisch. „Die schöne Wohnung, eine wahrlich fürstliche Apanage. Mein Vater war offensichtlich sehr um ihr Wohlergehen bemüht. Vermutlich auch über seinen Tod hinaus.“ Den Nachsatz hatte Rüdiger nicht als Feststellung, sondern als Frage gemeint. Er sah Nora auf eine Antwort wartend an. Sie zeigte aber keine Reaktion, was Rüdiger als Zustimmung verstand. „Was alles haben sie ihm abgeluchst?“ herrschte er sie an. „Das werden sie früh genug erfahren. Gehen sie jetzt!“ Erik setzte sich in Bewegung und hielt Rüdiger die Tür auf. „Dass sie sich nur nicht zu früh freuen!“, schnaubte Rüdiger und rauschte an Erik vorbei. Hinter ihm knallte die Tür ins Schloss. Erik drehte den Schlüssel um und hängte die Kette wieder ein. „Mir wäre wesentlich wohler, wenn der alte Herr dir sein Testament auch gegeben hätte, statt dir nur zu sagen, dass er eines geschrieben hat.“ Nora gab ihm Recht. Spät in dieser Nacht durchschlug ein Stein das Fenster von Noras Schlafzimmer und landete knapp neben ihrem Bett. Die restliche Nacht wagte sie kein Auge zuzutun und stand am Morgen erschöpft und beunruhigt auf. Erik kam, als sie schon beim Frühstück. Er versuchte sie aufzumuntern, spürte aber selbst, dass er nicht sehr überzeugend klang. Nora fühlte sich durch ihn auch nicht wirklich beschützt. Er war alles weder kräftig gebaut noch zum Helden geboren. Sie brauchte einen Beschützer, einen Profi, jemanden der wusste was er tat. Sie horchte sich ein wenig um und ein ehemaliger Kommissar, Leopold Tanner, wurde ihr mehrfach als geeignet für einen solchen Job genannt. Sie machte sich auf den Weg zu seinem Büro. Sie war zu früh, es war aber noch niemand da. Dann hörte sie Schritte die Stiege heraufkommen. Tanner nahm zwei Stufen auf einmal. Er wurde langsamer, als er sie sah. Er nickte ihr grüßend zu, sie sah ihn abschätzend von oben nach unten an. „Warten sie auf mich?“, fragte er und ging nach dem Schlüssel in seiner Manteltasche tastend auf sie zu. Mit einer Kopfbewegung deutet sie auf das Schild neben der Tür. „Wenn sie der sind, dann ja!“ ´Leopold TANNER- Ermittlungen´ stand dort in goldenen Lettern auf grünem Untergrund. Sie ging einen Schritt zur Seite, Tanner steckte den Schlüssel ins Schloss und stieß die Tür auf. „Bitte sehr, nach Ihnen.“ Er nahm die hinter das Schild gesteckte Post an sich und ging, weil sie sich nicht bewegt hatte voraus. Er legte seinen Hut und den Mantel in der Garderobe ab, sie behielt ihren lieber an. Erst als sie ihm gegenüber an seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, zog sie ihre Handschuhe aus. „Was führt sie zu mir Frau…?“ „Ich werde bedroht und suche jemanden der mich beschützen kann.“ Sie öffnete den obersten Knopf an ihrem Mantel. „Und sie wurden mir empfohlen, weil sie als Drogenfahnder gefürchtet waren und ihnen der Ruf vorauseilt, nicht zimperlich zu sein. Ich schätze, das empfiehlt sie für diesen Job.“ „Tut es das?“ fragte Tanner gelangweilt und vermutete einen eskalierten Rosenkrieg. Er kam als privater Ermittler eher schlecht als recht über die Runden und trauerte manchmal, so wie jetzt gerade, der soliden Polizeiarbeit nach. Drogenhandel, organisiertes Verbrechen, große Fälle und nicht wie hier wahrscheinlich, in einem Beziehungsdrama Gorilla spielen. „Wieso wenden sie sich nicht an die Polizei? Die würden ihnen doch auch helfen können?“ „Es ist kompliziert.“ „Das ist es immer, aber guter Personenschutz ist für mich als Ein-Mann-Unternehmen fast nicht machbar.“ Kleinliches Verhandeln war nicht Noras Stil. Sie zog eine Visitenkarte heraus und legte sie vor Tanner auf den Tisch. Im Aufstehen meinte sie nur, es möge es sich doch noch überlegen und ihr bis morgen Mittag Bescheid zu geben, andernfalls sie sich leider an jemand anderen wenden würde. Tanner begleitet sie hinaus. Vom Bürofenster aus beobachtete er dann, wie sie, ohne nach links und rechts zu schauen, über die Straße ging. Die ungehalten hupenden Autofahrer ignorierte sie mit erhobenem Haupt ebenso elegant, wie die kalte Jahreszeit mit ihren hochhakigen Wildlederschuhen. Er sah ihr nach, bis sie im gegenüberliegenden Park verschwunden war, dann setzte er sich wieder hinter seinen Schreibtisch und nahm ihre Visitenkarte zur Hand. „Nora - Escorts Deluxe“, darunter stand eine Telefonnummer, sonst nichts. Auf der Heimfahrt nach einem, ereignislosen Tag, an dem sich nach Nora keine weitere Kundschaft mehr in sein Büro verirrte, gab sein Auto rauchend den Geist auf und zuhause erwartete ihn auch noch ein Postfach das vor Rechnungen überquoll. Das alles erleichterte ihm seine Entscheidung und am nächsten Morgen rief er Noras an. Nach dem dritten Mal Läuten begrüßte ihn ihre angenehme Stimme vom Band und forderte ihn auf, eine Nachricht zu hinterlassen. Tanner horchte ihr bis zum Signalton zu, dann legte er schnell auf. Am späten Nachmittag rief Nora zurück, kurz darauf saß sie wieder bei ihm im Büro. Ohne ihm mehr als unbedingt notwendig zu verraten, schilderte sie, wie der kürzlich verstorbener Baron Kranach-Walde, sie in seinem Testament großzügig bedacht und seine noble Familie damit offensichtlich ernsthaft verärgert hatte. Sie erzählte Tanner vom unerfreulichen Besuch Rüdigers und dem Steinwurf von letzter Nacht. Das von Tanner geforderte Tageshonorar akzeptierte sie, ohne mit einer ihrer langen Wimpern zu zucken und gab ihm die Vorauszahlung für eine Woche in bar. Ein Handschlag besiegelte den mündlichen Vertrag. Als Nora sein Büro verließ, wusste sie Tanner unsichtbar irgendwo in ihrer Nähe und seine wachsamen Augen auf ihr. Sie erledigte Einkäufe und hatte dann in ihrer Bank zu tun. Dort fiel ihr Tanner erstmals auf. Er blieb nahe genug, um ihr ein Gefühl von Sicherheit zu geben, aber nicht so, als würden sie zusammengehören. Dass sie sich immer wieder suchend nach ihm umsah, würde sich mit der Zeit schon legen. Tanner wollte, um die Bedrohung besser einschätzen zu können, mehr über Rüdiger erfahren. Er kannte den Namen Kranach-Walde aus den Medien und vor allem Rüdiger als Abgeordneter wurde regelmäßig erwähnt. Nachdem er Nora wieder nach Hause begleitet hatte, begann er zu recherchieren. Die Familiengeschichte der Kranachs reichte weit zurück, nichts wirklich Spektakuläres, ein chronisch verschuldetes Adelsgeschlecht. Erst über den Vater des verstorbenen Barons, Rüdigers Großvater, fand Tanner mehr. Er hatte seinerzeit es als Nazi eine steile Karriere gemacht und es dabei beachtlichen Besitz angehäuft. Dass sein Reichtum auf arisiertem Vermögen beruhte, war allgemein bekannt. Es wurde zwar hinter vorgehaltener Hand darüber gemunkelt, ernstlich geschadet hatte es ihm aber nie. Rüdigers Vater hatte den Besitz übernommen und nicht nur gut verwaltet, sondern sogar noch vermehrt. Seine Frau verstarb, als der jüngere Sohn Severin noch zur Schule ging. Politisch blieb der alte Baron der Gesinnung seines Vaters treu, eine Tradition, die auch Rüdiger beibehielt. Tanner durchsuchte die Zeitungen nach aktuellen Fotos und prägte sich eines ein, das Rüdiger bei einer politischen Veranstaltung zeigte. Über seine Geschwister war so gut wie Nichts zu finden. Patrizia die Älteste hatte keine Familie und lebte allein. Ihre Schwester Isabel war mit dem bekannten Buchhändler Jakob Suess verheiratet und hatte zwei Kinder mit ihm. Severin der jüngste, führte ein zurückgezogenes Leben und alles was Tanner herausfinden konnte war mehr oder weniger nur, dass es ihn gab. In fast jedem Journal war eine Todesanzeige des alten Barons geschaltet, so erfuhr Tanner, dass die Beerdigung für morgen angesetzt war. Eine gute Gelegenheit, die von Kranach-Walde alle versammelt zu sehen. Tanner fand sich schon sehr früh am Friedhof ein, hielt sich aber weit abseits der Friedhofskapelle, in der der Baron aufgebahrt war. Nach und nach trafen die ersten Trauergäste ein, dann kam Rüdiger, als erster der Familie. Bald darauf machte Tanner auch seine Schwestern und Isabels Mann Jakob unter den eintreffenden Trauernden aus. Die Kapelle war nicht sehr groß und bot bei Weitem nicht für alle Platz. Erst als die letzten eintrafen, kam auch Severin angehetzt und drängte sich bis vorne durch. Tanner hatte genug gesehen, er machte sich wieder aus dem Staub.
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