Karin Straub bemerkte, dass sie zustimmend nickte. Wie diese junge Verkäuferin in der Bäckerei, wenn sie die Bestellung wiederholt.
»Zwei Tafelbrötchen, bitte.«
»Zwei Tafelbrötchen, gerne.«
»Und ein Laugenbrötchen noch.«
»Ein Laugenbrötchen, gerne.«
Sie hasste das.
Hilde Karger sah sie eindringlich an. »Frau Straub, jetzt passen Sie mal auf.« Ihr Atem ging stoßweise. »Ist Ihr Mann denn handwerklich begabt? Mein Mann hat doch den Garten in Gablenberg. Jetzt sagt er zu mir, kannst du nicht mal zum Großmarkt fahren und einen Polen holen, der mir die Beete umgräbt? Jetzt kommen Sie. Da denkt doch jeder, wenn ich da hingehe, was will die Frau von mir? Und da fiel mir ein, wenn Ihr Mann sich was dazu verdienen will, das wäre doch eine Gelegenheit. Oder was sagen Sie?«
Karin Straub tippte auf den Briefumschlag. »Also, dann noch mal vielen Dank, Frau Karger. Ich werde es ihm einfach mal sagen.«
»Sie, Frau Straub, also das war doch das Mindeste.« Sie versuchte, in die Wohnung zu schauen. »Ihr Mann ist gar nicht da?«
»Er ist im Kino.«
»Na, das ist Recht. Gönnen Sie sich ruhig was. Und Sie haben gar keine Lust ins Kino?«
»Nein. Und dann ist es auch teuer.«
»Versteh’ ich schon, Frau Straub. Sie, da brauchen Sie gar nicht weiter zu reden. Also dann hoffen wir mal. Dass Ihr Mann nicht so nass wird. Herrje! Wer hätte das gedacht. Dabei war gar kein Regen angesagt.«
»Er fährt mit dem Bus.«
Die Treppenhausbeleuchtung erlosch.
»Mein Gott, jetzt ist es schon wieder aus. Ich muss morgen unbedingt den Verwalter anrufen. Man kommt kaum mehr im Hellen in die Wohnung.«
Hilde Karger wollte gerade auf den Schaltknopf drücken, als das Licht wieder anging. Der Türöffner summte im Parterre. Dann knallte die Haustür ins Schloss. Sie beugte sich über das Treppengeländer. Jemand sprang leichtfüßig die Treppe herauf. Im ersten Stock ging eine Tür auf.
»Besuch für Kaluza. Konnte jetzt nicht sehen, wer. Mir soll’s egal sein.« Sie trat einen Schritt zurück. »Aber ich rede und rede. Gleich kommt ihr Mann, ich wollte auch nur wegen dem Brief. Hätte ja was Wichtiges sein können.«
»Ja, das ist auch sehr nett, Frau Karger. Gute Nacht.«
Sie wartete nicht auf eine Antwort und schloss die Tür. Martin würde gleich hier sein. Sie legte den Umschlag auf den Küchentisch und öffnete den Kühlschrank. Es war kein Bier mehr oben. Sie musste noch in den Keller.
Als sie die erste Etage erreicht hatte, erlosch das Licht. Aus Jutta Strehlows Wohnung drangen dumpfe Bassrhythmen herauf. Wahrscheinlich war Maik mal wieder zu Hause. Es war ihr egal, sie hörte den Krach oben nicht. Energisch drückte sie auf den Lichtschalter. Kurz darauf knallte Maik Strehlow die Tür zu. Sie hatte ihn zuletzt vor einem halben Jahr gesehen, da war er gerade von der Schule geflogen und jobbte in einem Getränkeshop. Jetzt trug er Springerstiefel und hatte sich eine Glatze rasiert. Sie erwartete, dass er seine Wut an der Hautür ausließ. Er tat es nicht. Vielleicht hatte er etwas Besseres vor.
Im Keller brannte Licht. Abwartend stieg sie die Treppe hinunter.
Zoran Pezic drehte sich abrupt zu ihr um. »Bitte, haben Sie das Licht im Treppenhaus angemacht?« Er war Mitte sechzig und hatte eine kurze Turnhose und ein enges Unterhemd an, das seiner Brustbehaarung kaum Herr wurde. Dazu trug er Badelatschen.
Ihr fiel dazu nur ein knappes »Ja« ein.
Pezic wandte sich wieder dem Schaltkasten zu. »Ich weiß nicht, wer das immer verstellt. Das zahlen wir alle, verstehen Sie das?«
Sie wusste, dass er keine Antwort hören wollte. »Es sollte so lange brennen, dass man unversehrt in den Keller kommt«, sagte sie und fügte hinzu, "und wieder hinauf."
Pezic sprach quälend langsam: »Genau. Und was weiß man, wie lange ist in Keller?« Er hob die Stimme um mindestens eine Oktave. »Fünf Minuten? Zehn Minuten?« Leise fuhr er fort: »Und immer brennt Licht in Treppenhaus, wo keiner ist.«
»Das sollte natürlich nicht passieren, Herr Pezic.«
»Vielleicht Wäsche aufhängen?«
»Ich will nur was zu trinken holen.«
»Sie haben Kehrwoche!«
Sie schloss ihren Kellerraum auf. »Ich weiß!«
»Schauen Sie, niemand wischt den Keller, verstehen Sie?«
»Wissen Sie, Herr Pezic, ich fege draußen, fege und wische die Treppe, fege und wische den Keller und die Waschküche. Mich interessiert nicht, was die anderen machen.«
Pezic musterte sie. »Ist zweieinhalb Minuten okay?«
»Das wissen Sie am Besten, Herr Pezic.« Sie ging in ihren Keller und fischte eine Flasche aus einem mit schmutzigen Preisschildern beklebten Bierkasten. Unwillkürlich zählte sie die Kronkorken. Später würde sie sich daran erinnern, dass einige Verschlüsse verbogen waren.
»Ich habe auf zwei Minuten gestellt«, rief Pezic. »Es ist natürlich nur ungefähr. Dazu müsste man haben digitale Uhr. Hat dieses Gerät nicht. Mechanisch. Darum ungenau.«
Karin Straub schloss ab. »Dann einen schönen Abend noch, Herr Pezic.«
»Gleiches Ihnen.«
Er beschäftigte sich wieder mit dem Schaltkasten. Sie ging die Treppe hinauf.
»Bitte schalten Sie Licht nicht ein. Muss probieren.«
»Ich lass die Tür auf«, sagte sie, oben angekommen.
»Danke verbindlichst«, schallte es aus dem Keller. »Zwei Minuten? Ist das in Ordnung?«
Sie antwortete nicht. Durch das geöffnete Fenster über der Haustür hörte sie den Regen. Sie öffnet die Tür. Dicke Tropfen prasselten auf die Straße. Martin würde jetzt im Bus sitzen oder sich schauern. Viele Möglichkeiten gab es nicht. Bei der Tankstelle konnte er sich nicht unterstellen, dann waren da der Supermarkt und einige Hauseingänge. Sie überlegte, ob sie ihm mit einem Schirm entgegengehen sollte, aber im Moment hätte das nicht viel Sinn.
Sie war gerade an der Treppe angekommen, als es dunkel wurde. Der Lichtschein aus dem Keller taugte nur zur Orientierung. Die Schalter waren nicht beleuchtet, was sie schon immer gestört hatte. Außerdem waren sie im Parterre anders angeordnet als auf den Etagen. Sie nahm die Hand vom Geländer. Rechts, wo der pensionierte Lehrer Werner Grünner wohnte, war ein Schalter. Egal, was Pezic jetzt dachte, sie würde nicht im Dunkeln hier warten. Es dauerte ein wenig, bis es klackte und hell wurde. Aus dem Keller kam kein Laut. Dafür ging neben ihr die Tür auf. Vor ihr stand ein von Altersflecken gezeichneter Mann. Die spärlichen Haare waren sorgfältig über den Hinterkopf gekämmt. Er trug einen schwarzen Anzug.
»Oh, Frau Straub.« Werner Grünner schien überrascht zu sein. »Wollen Sie zu mir?«
»Das Licht war plötzlich ausgegangen.«
»So, das Licht war ausgegangen. Plötzlich, sagen Sie?« Er spitzte die blassrosa Lippen.
»Ja, Herr Pezic ist unten am Basteln.«
»Ah ja, Herr Pezic, selbstverständlich.«
Sie sah ihn missbilligend an. »Neben Ihrer Tür ist der Lichtschalter.«
»Da ist der Lichtschalter, in der Tat.« Er starrte auf ihre Haare, die in dicken Strähnen über ihrem Busen hingen. »Möchten Sie hereinkommen? Ich meine, bis Herr Pezic seine Arbeit beendet hat?«
»Nicht nötig.«
»Darf ich Ihnen eine Taschenlampe anbieten?«
»Es ist ja kein Notfall, Herr Grünner. Ungeduldig drehte sie eine Haarsträhne zwischen den Fingern.
»Dann bleibt mir nur, Ihnen einen guten Heimweg zu wünschen.« Reflexartig zog er seine rechte Hand aus der Jackentasche. Die krebsrote Haut glänzte feucht.
»Danke!«, sagte sie und ging zurück zur Treppe.
»Frau Straub? Ich bleibe hier, falls das Licht wieder ausgehen sollte.«
»Nicht nötig, Herr Grünner.«
»Gehen Sie nur hoch. Gehen Sie nur.«
Als sie die Treppe hinaufstieg, achtete nicht mehr darauf, ob er noch unten stand. Sie vermutete es auch nicht.
Читать дальше