Der Fahrer lag halb auf dem Lenkrad, um den Bus aus der Haltebucht zu bugsieren. Straub musste sich mit beiden Händen festhalten. Von der letzten Sitzreihe winkte Regina Lindner. Er hob die Hand und ging nach hinten. Sie nahm den Rucksack und legte ihn auf die andere Seite, sodass er sich neben sie setzen konnte. Erst jetzt merkte er, dass seine Wange schmerzte. Vorsichtig tastete er sie mit den Fingerspitzen ab.
»Aber wirklich, die Karte kriegen Sie zurück«, sagte er.
Sie lächelte. »Okay.«
Sie hatten zwei Haltestellen hinter sich gelassen, ohne dass jemand zugestiegen war. Der Busfahrer hatte den Aufenthalt auf das Nötigste beschränkt. Straub blickte auf die Uhr. »Der ist aber überpünktlich.« Es war kurz vor 22.00 Uhr.
Selbstvergessen ordnete Regina Lindner ihre Haare. Straub stellte fest, dass sie sich die Achselhaare ausrasierte. Er steckte seine Hand in die Jackentasche und spielte mit der Zigarettenschachtel. Ihr Kleid spannte sich über den Schenkeln. Er war sich sicher, dass er nicht länger als zwei Sekunden draufgestarrt hatte, als sie ihre Beine übereinanderlegte, und der Saum dadurch noch höher rutschte.
»Steigt auch wieder keiner zu«, sagte er beim nächsten Halt. Er beugte sich zu ihr rüber und schaute aus dem Fenster. Fast hätte er ihre Haare berührt. Der Duft von Maiglöckchen drang in seine Nase.
Der Bus ruckelte durch die menschenleere Straße, vorbei an einigen parkenden Autos. Auf der linken Seite standen Lagerhallen und dunkle Bürohäuser, rechts hoben sich einige kleine Wohnhäuser schemenhaft von den Weinbergen ab.
Er lehnte sich zurück und starrte auf die Haltestellenanzeige. Plötzlich schlug er mit der flachen Hand gegen seine Stirn. »Jetzt habe ich auch noch mein Kinoprogramm verloren.«
Regina Lindner starrte auf die Regentropfen, die im Fahrtwind von der Scheibe flogen. »Sie können meins haben«, sagte sie.
»Nicht doch.«
»Aber ja.« Sie öffnete ihren Rucksack und gab ihm ein kleines Heft. »Ich habe zu Hause bestimmt noch eins. Ich nehme die immer aus Gewohnheit mit.«
»Ich auch«, beeilte er sich zu sagen. Für einen Moment schien sie zu lächelte.
Sie fuhren unter einer Eisenbahnüberführung durch und kamen in eine breite Straße, die von wuchtigen Mietshäusern gesäumt wurde. Straub rollte das Programmheft zusammen und deutete damit auf die Tür.
»Die Nächste müssen wir raus.«
»Oh ja, da hätte ich fast nicht aufgepasst.«
Sie stand auf und zog mit einer Hand ihr Kleid hinunter. Straub sah noch, dass der Busfahrer sie im Rückspiegel beobachtete. Dann stiegen sie aus.
Regina Lindner lächelte ihn an. »Ich finde es schön, dass man noch einige Schritte zu Fuß gehen muss.«
»Wenn’s nicht regnet.«
»Ist doch egal.« Sie nahm seinen Arm und hängte sich bei ihm ein. Sachte zog er sie an sich. Sie schien es nicht zu bemerken. Rechts, in der hell erleuchteten Tankstelle, sah er das Auto. Ein älterer Mercedes-Kombi.
Karin Straub stand gebeugt vor dem Bügelbrett und faltete sorgfältig einige Hemden zusammen, die frisch gebügelte über der Stuhllehne hingen. Sie trug eine weite Leinenhose und ein schlabberiges T-Shirt. Ab und zu schaute sie zum Fernseher rüber. Dann warf sie mit einer kurzen Handbewegung ihre langen, blonden Haare über die Schulter.
Sie hatte den Film schon einmal gesehen, ein amerikanischer Thriller, in dem eigentlich immer nur eine Frau vor einem Serienmörder weglief und in dem viel geschrien wurde. Gleich würde die Szene kommen, wo sie zurück in das Haus ging, in dem der Killer auf sie wartete. Die Frau war etwa so alt wie sie, Mitte dreißig, und stellte sich ausgesprochen dumm an.
Der Film wurde durch einen Werbeblock unterbrochen. Sie ging zum Fenster und schob die Gardine zur Seite. Ihre runde, randlose Brille spiegelte sich in der Glasscheibe. Mechanisch drehte sie eine Haarsträhne zwischen den Fingern und sah hinunter. Es regnete noch. Einige Fußgänger eilten mit aufgespannten Schirmen vorbei. Zwei, drei Autos fuhren die Straße hinunter. Das Kino würde gleich aus sein.
Sie huschte zur Regalwand und rückte eine Reihe englischsprachiger Taschenbücher gerade. Dann schaltete sie den Fernseher aus, klappte das Bügelbrett zusammen und verstaute es in einem Einbauschrank im Flur.
Es war nur ein verhaltenes Knarren. Gerade so laut, dass sie es durch die Wohnungstür hören konnte. Sie sah durch den Spion. Kargers Fußmatte lag schief auf dem abgestoßenen Dielenboden. Sonst konnte sie nichts entdecken. Sie wollte sich gerade abwenden, als in einem der unteren Stockwerke eine Tür ins Schloss fiel. Sie öffnete die Tür und schaute ins Treppenhaus. Sofort bemerkte sie den Miniaturbesen neben ihrer Tür. Er kam von Pezic, wie immer. Eigentlich hätte sie ihn längst holen müssen. Morgen wäre sie mit der Kehrwoche dran. Natürlich hätte sie auch ohne diese lächerliche Gedächtnisstütze gefegt. Man brauchte sie nicht daran erinnern! Sie schloss die Wohnungstür etwas lauter als sonst.
Der Geschirrspüler hatte das Programm beendet. Sie öffnete die Klappe. Heißer Dampf strömte ihr entgegen. Sie konnte das Geschirr auch morgen ausräumen. Sie lehnte sich gegen den Griff. Nach kurzem Widerstand knallte die Tür zu.
Im Radio dudelte Popmusik. Sie achtete nicht darauf. Sie öffnete den Kühlschrank und holte einen mit Frischhaltefolie verpackten Teller heraus, auf dem ein Stück Käse, eine geviertelte Gurke und eine Scheibe Brot lagen. Sie riss die Folie herunter und stellte den Teller zu der Bierflasche auf den Küchentisch. Im Radio wurde der zweite Platz der Hitparade bekannt gegeben. Monotoner Sprechgesang schepperte aus dem Lautsprecher. Sie schaltete das Gerät aus, ging zum Küchenschrank und zog die Besteckschublade heraus. Bedächtig legte sie die Hände auf die Ecken. Ihre Finger wippten wie bei einer Flipperspielerin. Energisch schob sie ihr Becken nach vorne und kickte die Schublade in den Schrank.
Sie bückte sich und öffnete den Geschirrspüler. Mit einer kurzen Handbewegung warf sie ihre Haare über die Schulter und räumte das Geschirr aus.
Sie hatte gerade das Käsemesser auf den Tisch gelegt, als es an der Tür klingelte.
»Sie, entschuldigen Sie, dass ich so spät noch störe, aber ich hätte es jetzt fast vergessen.« Hilde Karger deutete auf einen weißen DIN-A4-Umschlag. »Es ist wohl wichtig für Ihren Mann?«
Karin Straub starrte in das erwartungsvolle Gesicht der 60-Jährigen. »Danke«, sagte sie knapp.
Wie immer trug Hilde Karger eine farblose Kittelschürze und ausgetretene Pantoffeln über den von der Hitze geschwollenen Füßen. Die schlohweißen Haare wurden mit zwei Haarklemmen hinter den Ohren festgehalten.
»Von der Allianz. Hat sich Ihr Mann dort beworben?« Sie tastete den Umschlag ab; ihre schwabbeligen Oberarme zitterten. »Er hat nicht in den Briefkasten gepasst. Das Mädel wollte ihn gerade knicken. Sie, das ist doch schade, man kann doch die Sachen noch gebrauchen. Ihr Mann hat mir erzählt, wie teuer die Bewerbungsmappen sind. Aber natürlich, es soll ja auch alles schön aussehen. Ist Ihr Mann nicht da? Na, ich kann ihn auch Ihnen geben.«
Karin Straub zog ihr den Umschlag aus den Händen. »Danke für die Mühe.«
Er kam tatsächlich von der Allianz. Eine Blindbewerbung. Für meinen Alibi-Aktivitäten-Nachweis-Ordner, hatte Martin gesagt. Das war vor acht Wochen gewesen.
»Das wird schon werden, Frau Straub. Ich habe neulich noch zu meinem Mann gesagt, der Herr Straub, der läuft immer so korrekt gekleidet herum, dem würde ich auch eine Versicherung abkaufen.«
»Mein Mann ist Mathematiker.«
»Sehen Sie? Dann muss es doch was werden.« Sie beugte sich vor und flüsterte: »Und weitergehen kann es so ja nicht.«
»Wie meinen Sie das?«
»Na, die haben wir ja nun auch im Haus. Die weiß aber ganz genau Bescheid. Wann sie ein neues Sofa kriegen kann, zum Beispiel. Das gibt es nämlich nach fünf oder sieben Jahren. Nach fünf Jahren eine neue Couch, ich bitte Sie.« Sie schaute sie streng an. »Haben Sie alle fünf Jahre eine neue Couch? Ich nicht! Couch! Da kommt man aus dem Osten und sagt Couch. Als wenn Sofa nicht langen tät! Da war aber jemand da und hat gesagt, sie hätte ja immer im Wohnzimmer auf der Couch geschlafen, dann ist die natürlich durchgesessen und dass sie im Bett schlafen könnte und es keine neue Couch geben würde.« Sie ging einen Schritt auf Karin zu. »Und das zweite Kind kam natürlich passend. Nicht wahr? Darum ist doch kein Geld da, für jemand, wo immer gearbeitet hat.«
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