Robert begreift noch gar nicht, was er da gehört hat. „Das kann doch nicht wahr sein“, murmelt er nur.
Werner nickt. „Das Gefühl hab ich auch“, sagt er. „Ich habe das Wetteramt angerufen und mich über die Wetterlage in dieser Nacht informiert. Stell dir vor, es gab nicht die geringsten Anzeichen eines Gewitters weit und breit! Es war eine sternklare Nacht. Schon äußerst merkwürdig, das Ganze ...“
Eine Weile schweigen beide. Schließlich gibt sich der Hauptkommissar einen Ruck. „Komm mit mir, wir fahren ins Krankenhaus und schauen, wie es Fred geht.“ Er legt Robert den Arm um die Schulter und geht mit ihm zum Auto.
Im Krankenhaus wagt Robert kaum zu atmen. Schrecklich, wie Fred aussieht, dieser durchtrainierte, braun gebrannte Spezialagent – jetzt liegt er ganz unbeweglich und bleich da, mit Schläuchen an verschiedene Apparate angeschlossen ... Der Stationsarzt macht ein ernstes Gesicht und zuckt auf Werners Fragen nur mit der Schulter. Robert fühlt sich völlig hilflos. So eine Situation hat er noch nie erlebt. Ihm ist plötzlich heiß und es grummelt in seinem Magen. Was ist, wenn Fred nicht mehr aufwacht?
Der Hauptkommissar verfrachtet Robert wieder in sein Auto und bringt ihn auf den Lerchenberg zurück. Die Fahrt verläuft schweigsam, beide sind in ihre Gedanken versunken.
„Ich bin fix und fertig“, sagt Robert vor dem Aussteigen. „Was hat sich Fred da bloß eingefangen? Irgendjemand oder irgendetwas muss dafür verantwortlich sein. Ich werde alles versuchen, um Informationen zu bekommen. Wenn ich was erfahre, rufe ich Sie sofort an.“
„Ja, irgendetwas Unerklärliches hat es mit diesem Grundstück auf sich. Etwas, wogegen wir noch kein Rezept gefunden haben“, meint Werner sorgenvoll. „Aber Robert, riskiere bitte nichts, sonst haben wir bald das nächste Blitzopfer zu beklagen!“
Zu Hause angekommen, macht sich Robert an seine Hausaufgaben. Er ist geradezu froh, dass er seine Gedanken darauf konzentrieren muss. So kreisen sie nicht ständig um Fred und die Intensivstation.
Robert ist fast fertig mit seiner Arbeit, da bemerkt er Dulgur am Fenster. Es wird schon dunkel draußen. Rasch steht er auf und lässt die Taube auf seinen Arm hüpfen.
„Robert, in dieser Straße, du weißt schon, bei der Baustelle, ist der Teufel los!“, gurrt sie aufgeregt. „Jede Menge Menschen drängen sich da und wollen was sehen. Es hat sich herumgesprochen, dass da immer wieder Unnatürliches geschieht, und jetzt sind natürlich alle neugierig und wittern eine Sensation. Die Polizei ist dabei, die Straße abzusperren.“
Schöner Mist, denkt Robert, aber so ist das nun einmal: Kaum passiert irgendwo etwas Schlimmes, kommen sofort die Neugierigen und behindern alles. Aber er hat jetzt Wichtigeres zu tun, als sich über die Gaffer zu ärgern. Er muss dringend einen Ansatzpunkt finden, um die gefährlichen Vorfälle auf diesem Grundstück aufzuklären.
„Sag mal, Dulgur, hast du gestern Abend noch beobachtet, dass auf diesem Grundstück zwei Männer vom Blitz getroffen wurden?“, fragt er hoffnungsvoll.
„Nein. Das muss geschehen sein, als es schon finster war“, gibt die Taube zurück, sichtlich traurig, dass sie ihn enttäuschen muss. „In der Dunkelheit können wir Tauben ja nichts erkennen. Aber jetzt ist mir natürlich erst recht klar, warum sich so viele Menschen da neugierig rumdrängen. Tut mir wirklich Leid, Robert, ich hätte dir so gern geholfen!“
Robert merkt, wie sie zittert und ihr Gefieder aufplustert. „Ruhig, Dulgur, es ist ja alles in Ordnung“, beruhigt er sie, „du hast deine Aufgabe sehr gut gemacht. Ich weiß, dass du nachts nichts erkennen kannst. Ich hätte Guru, die Eule, bitten sollen, dich abzulösen, das war mein Fehler. Flieg morgen bei Tageslicht wieder hin und erzähle mir alles, was sich da tut, ja?“
Nach dem Abendessen geht Robert sofort zu Bett. Der beste Platz, um seine Gedanken zu ordnen. Es ist einfach nicht fair, er darf mit niemandem über seine Fähigkeiten sprechen, nicht einmal mit seinen Eltern. Alles muss er alleine verarbeiten, und das ist verdammt schwer!
Robert greift nach dem flachen Lederbeutel an seinem Hals, in dem das Amulett steckt, und zieht es hervor. Nachdenklich betrachtet er das ovale Metall und fährt mit einem Finger über die eingeritzten Linien. Langsam weicht das Gefühl der Hilflosigkeit von ihm. Er ist gar nicht ganz allein, das Amulett ist ja an seiner Seite! Schon ein Wunder, dass es ausgerechnet ihn ausgewählt hat. Wie sehr hat sich sein Leben seither verändert, welche neuen und aufregenden Welten haben sich für ihn aufgetan! Nicht nur, dass er mit Tieren reden kann, er hat obendrein auch übernatürliche Fähigkeiten durch das Amulett bekommen. Woher kommt es überhaupt? Welchen Sinn ergeben die verschieden langen Ritze oder Striche, die auf der kupfernen Oberfläche zu sehen sind? Das hat er sich schon oft gefragt. Vergeblich!
Gewohnheitsmäßig beginnt Robert das Amulett mit einem weichen Tuch zu polieren. Dann steckt er es wieder in seinen Beutel zurück. Seit er es damals von Alban und Arix bekommen hat, trägt er es immer bei sich. Vielleicht meldet es sich wieder einmal bei ihm, besonders jetzt, da die Lage gefährlich wird? In Roberts Kopf überschlagen sich die Gedanken. Was ist heute alles geschehen? Fred wollte ihn heute Abend in seine Pläne einweihen. Vorbei, es geht nicht mehr. Fred hat viel riskiert – und verloren. Was wäre gewesen, wenn er wirklich mit Fred auf dieses Grundstück gegangen wäre? Hätte es ihn dann genauso erwischt wie Fred und seinen Kollegen? Ich muss unbedingt herausfinden, was da vor sich geht! denkt er. Aber wie? Bestimmt ist die benachbarte Lagerhalle der Schlüssel, da muss ich anfangen nachzuforschen! Über diese Gedanken schläft Robert ein.
Kaum sind ihm die Augen zugefallen, schwebt im vertrauten weichen Licht das Amulett vor ihm. „Robert, es bahnt sich eine schwierige Situation an, in der du sofort meine Hilfe brauchst“, sagt es mit seiner sanften, singenden Stimme. „Du bist mit der Lagerhalle schon auf eine heiße Spur gestoßen. Damit hast du dich einer wichtigen Zauberkraft für würdig erwiesen. Du darfst ab sofort wieder „invisible“ anwenden, diesmal sogar noch in einer verbesserten Form. Vorher konntest du dich damit nur exakt dreißig Minuten lang unsichtbar machen. Jetzt aber bestimmst du selbst den zeitlichen Umfang. Du wirst unsichtbar, wenn du das Wort sagst, und sofort wieder sichtbar, wenn du es wiederholst. Pass gut auf dich auf, Robert, und betrete das gefährliche Grundstück nicht!“ Damit zieht sich das weiche Leuchten zurück, das Amulett verschwindet.
Am Morgen lacht die Sonne zum Fenster rein und Robert erscheint sie heute besonders strahlend. Es ist einfach megacool, er kann sich wieder unsichtbar machen! Und zwar jetzt, so lange er will! Am liebsten würde er sofort zu der Baustelle stürmen und seine Zauberkraft dort ausprobieren. Aber es hilft nichts, die Schule hat Vorrang.
Diesmal ist er schon vor seinen beiden Freunden im Schulgebäude. Kaum biegt er in den Flur zu seiner Klasse ein, fliegt mit hellem Surren eine bunte Kugel dicht an ihm vorbei und klatscht vor ihm an die Wand. Sofort bildet sich dort ein roter Farbfleck. Robert zuckt zurück. Aber er hat noch gesehen, dass einer der militanten Burschen auf ihn gezielt und geschossen hat. Vorsichtig schaut er sich nach allen Seiten um. Niemand sonst ist in der Nähe. Gut so! Dann kann er jetzt zum ersten Mal seine neue Form von „invisible“ anwenden. Er geht ganz locker weiter in die nächste leer stehende Klasse und flüstert das Zauberwort. Schon ist dort, wo seine Augen gerade eben noch auf seine Arme und Beine und die Klamotten gefallen sind, nichts mehr zu sehen. Einfach nichts. Es ist ein unglaubliches Gefühl, Robert fühlt sich wie unverwundbar.
Leise schleicht er wieder zurück um die Ecke und sieht drei in Tarnuniform gekleidete Typen mit ihren Waffen dort lauern. Der Bursche, der auf ihn geschossen hat, hält eine richtige große Gotcha-Waffe in der Armbeuge, die beiden anderen haben nur kleine Soft-Air-Pistolen in ihren Händen. Sie haben sich halb hinter einem Wandschrank versteckt, gleich neben der Treppe, die nach unten führt. Robert erkennt die drei Jungen, klar, die sind aus der Parallelklasse. Jetzt lachen sie sich verschwörerisch zu, einer legt dabei den Zeigefinger an die Lippen. Hinter der Biegung des Gangs sind jetzt Schritte und Stimmen zu hören, die näher kommen. Dennis, der Typ mit der großen Gotcha-Waffe, legt in freudiger Erwartung und voller Selbstsicherheit seine Waffe an die Wange. In dem Moment fühlt er sich bestimmt als Superman und hält sich für unbesiegbar, denkt Robert. Seine beiden Begleiter stehen schon fluchtbereit jeder mit einem Fuß auf der Treppe hinter ihm, um gleich den Rückzug antreten zu können. Robert schleicht lautlos um die drei herum.
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