Ich stellte ihm noch die eine oder andere Frage, doch das war alles eher belanglos. Schließlich führte Wolpensky uns auf den Hof seines Autohauses. Auch hier gammelten drei Wagen älteren Baujahrs vor sich hin, so dass momentan insgesamt wohl nur sechs Fahrzeuge von ihm angeboten wurden. „Das ist alles?“, fragte ich erstaunt. „Diese drei Wagen hier und die drei im Verkaufsraum? Sind das denn Neuwagen?“
Wolpensky strich über den Lack eines der Fahrzeuge und betrachtete anschließend seine dreckige Hand. „Im Moment ja. Alles hervorragende Gebrauchtfahrzeuge in bestem Zustand.“
Ich betrachtete den Hof. Das Gelände war von einem Maschendrahtzaun umgeben, der sich problemlos überklettern ließ. Ein schmaler Weg führte hinter dem Grundstück vorbei und auf der anderen Seite des Weges befand sich eine durchgehende Steinmauer, von bestimmt zweieinhalb Metern Höhe. „Was ist dort?“, wollte ich wissen und zeigte auf die Mauer.
Wolpensky blickte angestrengt in die Richtung und meinte dann: „Der Schrottplatz.“
In einer Ecke des Hofes entdeckte ich eine Stellfläche, an der der Boden schwarz verrußt war. Wolpensky bemerkte meinen Blick und erklärte: „Der Stellplatz für die Sportwagen. Wir bringen sie durch das Tor da hinten herein und parken sie hier, bis die Käufer sie abholen.“ Er druckste ein wenig herum und ergänzte dann: „Also im Moment, bis der Abschleppwagen vom Schrottplatz drüben sie abholt ...“
Ich betrachtete den verkohlten Boden genauer, doch mehr als verbrannten Lehm konnte ich nicht entdecken. Der Platz befand sich ein Stück von dem Maschendrahtzaun, den Gebrauchtwagen und dem Gebäude des Autohauses entfernt. Jedenfalls stellte ich fest, dass die Wagen nicht von dem Weg her angezündet worden sein konnten, denn dafür war die Entfernung zu groß. Man musste zunächst also das Gelände des Autohauses betreten und nahe genug an die Fahrzeuge herankommen.
Schließlich sah ich mir die drei Wagen noch genauer an, die auf dem Platz standen und dankte Wolpensky dafür, dass er uns so bereitwillig Auskunft gegeben hatte. Maangj und ich verließen schließlich das Gebäude wieder durch die altertümliche Eingangstüre. Die dicke Frau blickte uns durch das trübe Glas hinterher und führte dabei ihre Zigarette mit schnellen Bewegungen zum Mund. Ihr Kopf war in eine Rauchwolke gehüllt und diesmal kam sie mir vor, wie ein feuerspeiender Vulkan. Ich wartete darauf, dass aus ihrem Schädel plötzlich eine Magmafontäne hervorschießen würde, doch schließlich fuhr ich achselzuckend davon.
„Woran denken sie, Jonathan? Sie sehen so konzentriert aus, so angespannt.“ Es waren die ersten Worte, die Maangj von sich gab, seitdem wir Wolpensky gegenübergestanden hatten.
„Der Fall gibt mir doch sehr zu denken“, log ich, denn es war mir ja schlecht möglich, ihm von meinen Gedanken an einen Drachen oder diesen Vulkan zu erzählen. Außerdem dachte ich angestrengt darüber nach, ob ich nachher nicht noch zu Curry-Erwin fahren oder mich vielleicht selbst ins Chez-Duedo einladen sollte. Andererseits: Würde ich Maangj mitnehmen, dann könnte ich alles als Spesen abrechnen. Die Frage war nur, ob Bernd so etwas genehmigen würde, da es ja nach Feierabend stattfand ...
„Es sind viele Faktoren, die es zu überlegen gilt“, gab ich geheimnisvoll von mir. Vielleicht sollte ich doch lieber nachher allein zu Curry-Erwin gehen. Ich hatte ja den ganzen Tag kaum etwas gegessen und wenn ich den Schwarzen heute Abend mit dorthin nahm, könnte es passieren, dass ich auf den Kosten sitzen blieb.
„Wir reden Montag über den Fall. Im Büro. Dann planen wir auch unser weiteres Vorgehen. Ich muss jetzt erst einmal einen klaren Kopf bekommen.“ ‚Und etwas in den Magen‘, ergänzte ich in Gedanken. „Ich bringe sie jetzt direkt zum Hotel zurück und hole sie dann am Montag um acht Uhr wieder ab.“ Bernd hatte nichts davon gesagt, dass ich mich auch am Wochenende um unseren ‚Gast‘ kümmern müsste. Er könnte ja im Hotel bleiben und das Fernsehprogramm oder Videofilme anschauen. Irgendetwas würde ihm doch bestimmt einfallen. „Natürlich nur, wenn sie einverstanden sind, Kyle“, fügte ich hinzu, um mich auch bestens abzusichern.
Maangj lächelte mich an: „Natürlich, Jonathan. Sie haben sich ein ruhiges Wochenende verdient.“ Er seufzte gespielt und bemerkte: „Was mir weniger vergönnt sein wird, für mich wird es ein volles Programm geben.“
Ich lächelte nun ebenfalls. Gut, dass ich den Mann nicht auch noch in meiner Freizeit am Hals hatte. Ich nickte ihm verstehend zu: „Die Arbeit. Wir Detektive und Polizisten können nie richtig Feierabend machen.“
„Nein, das ist es weniger.“ Maangj lächelte jetzt noch intensiver und ich spürte, dass er sich im Grunde auf die kommenden Tage freute. „Jennifer und Birgit haben mich zu einem Ausflug über das Wochenende eingeladen. Sie wollen mir die Sehenswürdigkeiten der Eifel zeigen und Jennifer hat auch schon Zimmer gebucht.“
„Na, dann sehen wir uns ja am Montag wieder“, gab ich missmutig von mir und bremste mit quietschenden Reifen vor seinem Hotel. Ich glaubte nicht, dass wir unter solchen Umständen gute Freunde werden könnten, doch die Frage, ob er - ebenso wie ich - Curry-Erwins Essen lieben würde, war ja noch offen.
Wieso luden Jennifer und Birgit den Neger ein, doch mit mir waren sie noch nie in die Eifel gefahren?
Pünktlich am Montagmorgen wartete ich vor dem Hotel auf Kyle Maangj. Heute würden wir den Autohaus - Auftrag und unser weiteres Vorgehen im Büro besprechen und zur Mittagszeit könnte ich den Schwarzen zum Essen zu Curry-Erwin einladen. Dann dürfte sich auch die Spreu vom Weizen trennen: War Maangj ebenfalls ein Freund der gehobenen Mönchengladbacher Imbissküche? Wäre er auch so begeistert vom Lärpers Spezial Teller wie ich?
Zehn Minuten später sah ich ihn dann endlich gemütlich auf mich zu schlendern. „Guten Morgen, Jonathan“, grüßte er und ich nickte ihm kurz zu.
„Sie sind spät dran, Kyle. Wie war das Wochenende?“
„Absolute Spitze. Sie können sich glücklich schätzen, solche tollen Kolleginnen zu haben. Und wussten sie, dass es möglich ist, in einem Kloster zu übernachten? Ein ruhiges Hotel in einem historischen Kloster mit hervorragenden Zimmern hatte Jenny für uns ausgesucht. Ich werde das Wochenende bestimmt nicht mehr vergessen. Und wie war es bei ihnen, Jonathan? Haben sie sich von der vielen Arbeit gut erholt?“
„Sehr gut“, knurrte ich und ließ es dabei bewenden. Maangj musste nicht erfahren, dass ich mich, nachdem ich ihn am Hotel abgesetzt hatte, in einem Diskounter mit Konserven eindeckte. Ravioli und Nudelgerichte. Die Lust auf ein Abendessen bei Curry-Erwin oder im Chez-Duedo war mir irgendwie vergangen. Und ebenso wenig musste er erfahren, dass ich das ganze Wochenende Filme im Fernsehen und auf Video angeschaut hatte.
„Gehen wir den Fall noch einmal durch.“ Maangj saß vor meinem Schreibtisch auf dem Besucherstuhl. Ich hatte uns beiden Kaffee gekocht und fragte mich, wo Birgit eigentlich blieb. War sie vom Wochenende noch so geschafft, dass sie später zur Arbeit kam? Oder vielleicht gar nicht?
„Die Sache erscheint mir nicht ganz koscher, weswegen ich Wolpensky auch nicht mitgeteilt habe, wie wir weiter vorgehen werden.“
„Sie verdächtigen den Besitzer des Autohauses, Jonathan?“, fragte Maangj und ich schüttelte zögerlich den Kopf.
„Ich weiß nicht. Es ist eher so ein Bauchgefühl, doch wenn ich mir den Laden anschaue, dann passt dort einiges nicht zusammen. Und dem müssen wir auf den Grund gehen. Zunächst sollten wir versuchen, alles über diesen Wolpensky herauszufinden. Wie steht’s mit ihnen, Kyle? Sind sie in der Lage, im Internet zu recherchieren?“
Maangj nickte: „Geben sie mir einen Computer und ich finde heraus, was es herauszufinden gibt.“
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