„Wer sagt’s denn“, ich bin schlichtweg erstaunt und drehe an dem großen gusseisernen Rad, das butterweich läuft. Wir hören strömendes Wasser. „Jetzt schnell zurück und die Augen auf, sonst überschwemmen wir die Bude.“ Ein Stück des Weges weiter, bleibt uns das Herz stehen. Der Boden stampft gleichmäßig vibrierend. Nach einer knappen Minute weiß ich Bescheid. Der Bunker wird nicht einstürzen. „Pumpen. Da laufen mehrere Pumpen“, sage ich mir immer wieder selbst vor. Nachdenklich setzten wir den Weg fort. Je näher wir dem Keller kommen, den wir bezogen haben, umso deutlicher dringt Jauchzen an unsere Ohren. Staunend beobachten wir die ausgelassene Bande, die Fangen spielt. Erst nach geraumer Zeit bemerke ich die Veränderung. Es brennt Licht. Scheinbar wurde mit der Wasserzufuhr irgendwo Strom eingeschaltet.
„Wir haben Strom und Wasser.“ Tilde lächelt glücklich. Die Angst ist verflogen. „Und hier … schau mal. Hast du so etwas schon einmal gesehen.“ Sie steht vor einer Arbeitsplatte aus Metall, auf der sich, ungefähr zwanzig unterschiedliche Erhebungen befinden. Darunter ebenfalls aus Stahl, Türen. Ich öffne eine: Kochtöpfe, nagelneue emaillierte Kochtöpfe.
„Davon habe ich schon einmal gehört“, sage ich nachdenklich. „Auf diesen Platten können wir wahrscheinlich mit Elektrizität kochen.“ Vorsichtig drehe ich einen Knopf, auf dem sich eine Skala bis zehn befindet. Ich lege nacheinander die Hand auf eine Platte und schreite die Reihe ab. „Scheiße“, fluche ich. „Ich habe mich verbrannt. Tatsächlich können wir hier kochen. Haben wir Kaffee. Wir kochen uns eine Kanne. Aber sei vorsichtig Tilde, diese … Ich weiß nicht was, werden so heiß, wie von Holz oder Kohle.“ Während sie das Wasser aufsetzt, suche ich in einem der Vorratskeller nach Kaffee.
*
Dienstag 29. Mai – 03. Juni 2012
Nachdem die Nachricht von dem Schutzkeller an die zuständige Landesbehörde übermittelt war, lief sie von dort durch die Bundesrepublik und die Welt. Sie verursachte hektische Betriebsamkeit, aus den unterschiedlichsten Beweggründen. Telefone liefen heiß, der Mailverkehr nahm zu und Besprechungen wurden einberufen. Manche Mitarbeiter der Behörden fragten sich, was die Aufregung sollte, andere wirkten fahrig und nervös. Ein Schneeball begann zu rollen und wurde größer und größer.
„Herr von Bernstein.“ Der Staatssekretär sah im Nordwesten von Brüssel auf den Boulevard Leopold und wünschte sich weit weg. Die Vergangenheit seiner Eltern holte ihn ein.
„Ja“, sagte er kurz und sah zu einer der Vorzimmerdamen, die abwartend in der Türe stand. „Frau Lemaitre …“
„Herr Staatssekretär. Der Generalsekretär ist auf der sicheren Leitung.“
„Ich bin unterwegs.“ Er eilte durch den Raum und das angrenzende Vorzimmer. Er ging schräg über den Flur in die abhörsichere Zentrale. Der Bedienstete wies auf ein Glaskabuff, in dem die grüne Lampe des Schnurtelefons blinkte. Von Bernstein schloss die Tür und damit alle Geräusche aus. Bis auf eines. Aus der Verriegelung der Tür klang ein leises summendes Geräusch und signalisierte ihm, vollkommene Abgeschiedenheit. Erst, wenn er den heutigen Zahlen- und Buchstabencode eingab, konnte er die Kabine wieder verlassen.
Friedhelm von Bernstein war ein kleiner untersetzter Mann in der Mitte der Vierzig. Sein braunes, widerborstiges Haar stand in die Höhe und unter den buschigen, über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Augenbrauen schauten kühle und berechnende graue Augen.
„Herr Generalsekretär. Was kann ich für Sie tun?“ Seine Stimme klang rau und belegt.
„Herr von Bernstein. Gut, dass ich Sie antreffe.“ Der Generalsekretär klang munter, sein dänischer Akzent erfrischend. „Ich möchte Sie nicht auf die Folter spannen. Wir haben vor einigen Wochen über ihre persönliche Situation gesprochen. Sie erinnern sich?“
„Selbstverständlich, Herr Staatssekretär.“
„Im Umfeld Ihrer Produktionsstätte sind Aktivitäten zugange, die Ihr Eingreifen notwendig machen.
„Ich weiß Bescheid. Ich habe vorhin einen Anruf erhalten.“
„Ich möchte die Angelegenheit diskret erledigt wissen.“
Im Bundesamt für Verfassungsschutz in der Merianstraße in Köln saß Karl Christian Schreier von Bernstein an seinem Schreibtisch und fluchte leise. Der Anruf seiner Großmutter erinnerte ihn an die Pflichten, die er der Familie gegenüber hatte. Nachdenklich griff er zum Telefon und wählte aus dem Kopf eine Nummer.
„Ich bin es“, sagte er, als auf der anderen Seite das Gespräch angenommen wurde.
„Was gibt es?“, fragte eine Frauenstimme.
„Code Orange. Der Bunker ist entdeckt.“
„Du spinnst.“
„Damit macht niemand Spaß.“ Seine Stimme klang sauer. „Du weißt, was du zu tun hast?“
„Klar.“ Sie legte auf.
Regierungsdirektor Helmut Groß von Bernstein erreichte der Anruf auf dem Tennisplatz. Er war Verwaltungsbeamter des Militärischen Abschirmdienstes Stelle vier in Koblenz. Gerade, als er zum Matchball und sechs zu vier im laufenden Satz aufschlug, es war der zweite Aufschlag, wurde er von der Seite gestört.
„Herr Groß von Bernstein. Ein dringendes Telefonat.“ Der junge Mann aus der Verwaltung hielt das Mobilteil des Telefons hoch.
Prompt verriss er den Schlag und der Ball ging weit ins aus.
„Vierzig, vierzig“, rief der Schiedsrichter.
„Verdammt. Ich wurde gestört.“ Er war rasend und versuchte den Störenfried mit Blicken zu töten, der weiterhin das Mobilteil hochhielt.
Nach kurzer Unterhaltung mit dem Schiedsrichter stürmte er zum Spielfeldrand und riss das Telefon an sich.
„Ja.“ Er bellte in die Sprechmuschel.
„Helmut. Code Orange.“
„Verdammt.“ Er fluchte laut und drückte die Aus-Taste. „Das Spiel habe ich verloren“, rief er zum Schiedsrichter hinüber. „Ich muss dringend weg.“
„Herr Kriminaldirektor. Wir haben eine Nachricht aufgefangen.“ Der junge Mann stand befangen in der Bürotür.
„Was gibt es denn?“ Fabian Schröder sah unwillig hoch.
„Herr Schröder, wir sollen Sie bei festgelegten Wortkombinationen benachrichtigen.“ Er hielt ein Blatt Papier in die Höhe und trat vor den Schreibtisch.
„Gib her“, sagte Schröder und nahm das Papier. Mit der anderen Hand winkte er den Überbringer hinaus. Er studierte die Nachricht und griff den Telefonhörer. „Martha. Verbinde mich bitte mit dem Innenminister.“ Kurze Zeit später stand die Direktleitung und das Freizeichen ertönte, bis nach kurzer Zeit abgenommen wurde.
„Herr Innenminister. Hier Schröder. Bundeskriminalamt. Ich möchte Sie nicht lange aufhalten.“ Er redete einige Minuten und schloss mit den Worten: „Danke. Dann werde ich die kriminalpolizeilichen Ermittlungen der Sonderkommission leiten.“ Er horchte seinem Gegenüber und antwortete: „Die örtliche Kriminalpolizei stark einbinden? Gut. Das kann ich veranlassen. Sie faxen die Anweisung. Vielen Dank.“
Befriedigt lehnte er sich zurück. Schröder hatte erreicht, was er wollte.
„Hallo Stefan. Mutter hat Code Orange ausgelöst.“ Christel von Bernstein sprach abgehetzt, als wäre sie gelaufen.
„Ich dachte, es wäre alles vorbei.“ Er wusste, wie jeder in der Familie, was der Alarm bedeutete. Das unterirdische Gefängnis war entdeckt worden. „Wir halten uns da heraus, Christel.“
„Wie sollen wir das machen?“
„Wie immer. Reagieren, anstatt agieren. Darin haben wir beide doch jahrzehntelange Übung.“ Der alte Herr schüttelte angewidert den Kopf. Wollte die Vergangenheit sie nie in Ruhe lassen?
„Auch meine Meinung. Ich wollte mich nur noch einmal versichern.“
„Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich.“
*
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