Wir packten wahllos Goldstücke und Papiergeld in die Tornister, die wir ständig mitführten. Niemand wusste, was geschehen konnte. Die Blechflaschen mit dem Wasser, bis auf eine und die Essgeschirre hatten wir ausgeräumt.
„Nicht zu viel einpacken“, mahnte Stefan, der besonnene Junge. „Es wird zu schwer. Wir können immer wieder hierher.“
Sorgfältig verschlossen wir den Bereich wieder und präsentierten einige Zeit später, den anderen unsere Schätze.
Nach mehreren Schlafperioden erkundeten wir unsere Schatzkammer ein weiteres Mal und öffneten die Tür, die sich am Ende der Kisten anschloss und sich merkwürdiger Weise ohne Druckausgleich öffnen ließ. Den traurigen Grund erkannten wir unmittelbar. Fünf SS-Soldaten lagen vor der gegenüberliegenden Tür. Ein einfacher Tisch mit sechs Stühlen war das Mobiliar des Raumes. Die armen Menschen waren im Druckabfall umgekommen, das zeigte das getrocknete Blut an Nasen und Ohren. Die Leichname waren aufgrund des Luftabschlusses nicht verwest. Wir mussten sie irgendwo hinschaffen, damit unsere Luft nicht verpestet wurde. Die Kinder schleiften die Leichen zur Seite. Aufgrund des Druckausgleichs, den wir vom anderen Ende vorgenommen hatten, schwang die Tür leicht auf. Ungefähr zwanzig Meter weiter war eine Wand, von der ich wusste, dass dahinter die Freiheit lag. Außerdem standen zwei Handkarren in dem Gang, die wir jedoch nicht, in dem Bereich des Kellers nutzen konnten, den wir bewohnten. Der Einstieg auf der anderen Seite war zu klein.
Christel erkannte das Problem vor mir und untersuchte eine Karre. „Keine Frage“, meinte sie. „Den können wir zerlegen und wieder zusammenbauen.“
*
Am gleichen Tag noch schafften wir die Leichen in eine entlegene Ecke. Der Lufteintritt sorgte fast augenblicklich für den Zersetzungsprozess und ließ üble Dämpfe frei. Meine Hoffnung, dass die Ratten sich der Toten annahmen, erfüllte sich.
Die Betonwand, hinter der wir die Freiheit vermuteten, war hartnäckig und die Werkzeuge, die uns zur Verfügung standen, auch nicht dazu geeignet, sie schnell zu zerstören. Wir übten uns in Geduld. Täglich kratzten wir mehr, als dass wir herausschlugen, Teile der Wand weg. Diese Arbeit bedingte, noch häufigere Abwesenheit vom Wohnbereich. Tilde weigerte sich auch, weitere ältere Kinder abzustellen, weil sie deren Hilfe bei der Versorgung der jüngeren benötigte.
Ich bekam den Eindruck, dass sie sich die Rückkehr an die Oberfläche nicht wünschte. Langsam neigte ich zu der Ansicht, die Arbeiten an der Wand zu verlangsamen. Der Hass auf die Menschen außerhalb unseres Gefängnisses fraß sie auf. Sie wurde gehässig uns, ihrer neuen Familie, gegenüber und misshandelte die Kinder aufs Übelste. Mehrfach musste ich einschreiten. Mit Fortschreiten der Zeit wurden die älteren Kinder erwachsener. Ich bemerkte, dass Stefan und Christel seit einiger Zeit ein Verhältnis pflegten, das nicht mehr kindlich war. Einen Grund, einzuschreiten, sah ich nicht. Natürlich bemerkte Tilde die Veränderung auch und wurde zu einer giftenden Hexe. Sie schlug die beiden Kinder grundlos und hetzte die anderen gegen sie auf.
Ich war in der Überlegung, dass ich getrennt einmal mit Stefan und einmal mit Christel die Arbeit fortsetzen wollte, bis zu jenem verhängnisvollen Augenblick.
Wir arbeiteten an der Wand, das Loch war mittlerweile knapp einen Meter tief und wies eine Quadratmeter große rechteckige Form aus. Mein Bein schmerzte und ich konnte mich kaum bewegen. Erstmals in der langen Zeit hier unten nahm ich mir eine Auszeit und ließ Christel und Stefan alleine arbeiten. Ich beabsichtigte, im Wohnbereich zu ruhen. Als ich ihn betrat, spielten die Kinder alleine. Tilde war nicht zu sehen. Wahrscheinlich ging sie anderen Aufgaben nach, dachte ich. Langsam humpelte ich zu dem Ruheraum, den wir abseits der Räumlichkeiten für die Kinder bezogen hatten.
Geräusche, die nur mir bekannt sein durften, drangen an mein Ohr. Ahnungsvoll beschleunigte ich meinen Schritt und sah das Unfassbare. Der voll erblühte, nackte Frauenkörper ritt auf dem schmächtigen Jungen, dessen Hände die Brüste kneteten. Uwe, der Junge, sah mich als Erster und lächelte selig. Er war sich keiner Schuld bewusst und wusste nicht, dass Tilde eine Grenze überschritten hatte, die weitab von jeglicher Schicklichkeit lag. Um des Jungen willen räusperte ich mich, wodurch sie auf mich aufmerksam wurde und hochsprang. Sie dachte nicht daran ihre Blößen zu bedecken und funkelte mich wütend an.
„Was willst du hier?“
„Zieh‘ dich an“, herrschte ich sie an. „Du auch“, sagte ich sanfter zu dem Jungen. Es tat mir nicht weh, dass sie sich woanders bediente, nur, dass sie ein unschuldiges Kind für ihren niederen Trieb missbrauchte. Sie war eine junge Frau und ich ein alter Mann.
„Musste das sein?“, fragte ich sie traurig, als der Junge gegangen war.
„Du bist nicht mein Ehemann. Du hast mir nichts zu sagen.“ Sie keifte, wie ein Marktweib.
„Ich bin ja nicht besser, als du es bist.“ Mir kam die Erkenntnis, dass es tatsächlich so war. Aber auch, dass sie sich meiner bediente und ich, obwohl ich schon lange eine Abneigung gegen sie fühlte, sie gewähren ließ. „Du bist eine verheiratete Frau und ich habe die Grenze überschritten. Es tut mir leid. Falls ich dich noch einmal mit einem der Kinder in einer verfänglichen Situation erwische, bringe ich dich um.“ Ich war ganz ruhig und meinte, was ich sagte.
„Die vögeln doch auch. Weshalb ich nicht?“
„Falls ich dir das tatsächlich erklären muss, Tilde, bist verkommener, als ich annahm. Lass‘ die Finger von den Kindern. Ich sage es dir im Guten. Jetzt geh‘. Lass‘ mich allein.“ Müde legte ich mich in einem anderen freien Raum auf das Bett. Es gab genug davon. Meine Gedanken purzelten. Diese Frau war auch nur ein Kind. Gerade einmal neun Jahre Unterschied zu den älteren Kindern. Und ich alter Narr habe mich an ihr vergriffen. Wir mussten unbedingt aus diesem Gefängnis herauskommen, sonst musste ich sie tatsächlich umbringen. Ich schlief ein.
*
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